Knapp zwei Wochen lang blickte die Welt auf die Olympischen Winterspiele in Italien. Doch zwischen Curling Skandalen und neuen Disziplinen bleibt eine Debatte auf der Strecke: Frauen im Wintersport kämpfen weiterhin gegen strukturelle Benachteiligung und sexistische Berichterstattung. Von verwehrten Disziplinen bis zu Kommentaren, die ihre Leistungen auf ihr Geschlecht reduzieren – es stellt sich die Frage, wie fortschrittlich Olympia wirklich ist.
von Viola Klaus
Jahrelang trainieren Sportler:innen auf der ganzen Welt für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen – und damit für eine Chance, auf dem Treppchen zu landen. Sie alle reisten dieses Jahr nach Italien, um im Rahmen von 17 Tagen ihr Können zu beweisen. Mit dabei ist auch die US-amerikanische nordische Kombiniererin Annika Malacinski – allerdings nicht, um anzutreten, sondern um ihren kleinen Bruder anzufeuern. Genau wie sie ist auch er nordischer Kombinierer. Doch im Gegensatz zu seiner Schwester darf er bei den Olympischen Spielen um eine Medaille kämpfen. Gleiche Sportart, gleiche Disziplin, aber nicht die gleichen Chancen – denn die Nordische Kombination ist weiterhin die einzige Disziplin, die den Männern vorbehalten ist.
Eine Disziplin nur für Männer
Die Sportart, bestehend aus Skispringen und Skilanglauf, ist seit den ersten Olympischen Spielen Teil des Programms, jedoch nicht für Frauen. Alle vier Jahre treten Männer in dieser Disziplin an, alle vier Jahre kämpfen die weiblichen Sportlerinnen um eine Teilnahme, und alle vier Jahre wird ihnen diese verwehrt. Laut dem International Olympic Committee (IOC) sei die Sportart zu neu, generiere zu wenig Publikumsinteresse, und die Erfolge verteilten sich auf zu wenige Länder. Doch wie soll mehr Interesse entstehen, wenn Frauen die größte Bühne des Sports verwehrt bleibt? Ist es nicht wahrscheinlich, dass Zuschauer:innen der männlichen »Nordic Combined«-Wettkämpfe auch bei den Frauen einschalten würden? Diesen fehlt es schließlich nicht an Können, Disziplin oder Talent. Der einzige Grund, warum sie bei diesen Winterspielen erneut nicht antreten dürfen, ist ihr Geschlecht.
Malacinski reist trotzdem nach Italien – nicht nur, um ihren Bruder zu unterstützen, sondern auch, um in den sozialen Medien weiterhin auf die Situation aufmerksam zu machen. Dass sie 2026 immer noch eine Gleichberechtigungsdebatte führen muss, sei inakzeptabel, aber notwendig. Auch wenn es für diese Spiele schon zu spät ist, hofft sie, wie viele andere Frauen, dass sie 2030 antreten darf.
Mediale Reduktion auf das Geschlecht
Die Niederländerin Jutta Leerdam stellte vor knapp zwei Wochen einen neuen Rekord im Eisschnelllauf über 1000 Meter auf und sicherte sich damit Gold. Doch die darauffolgende Berichterstattung fiel mehr als fragwürdig aus. Statt den Fokus auf ihren Sieg und ihre Leistung zu legen, richteten die Medien ihre Aufmerksamkeit eher auf ihren Beziehungsstatus und ihr Aussehen. In Überschriften wie »Tränen auf dem Eis! Paul-Freundin holt Gold« wird Leerdam nicht einmal namentlich genannt, sondern nur als »Freundin von« betitelt und so auf ihre Beziehung reduziert. Dabei ist sie es, die gerade einen neuen olympischen Rekord aufgestellt hatte. Andere Schlagzeilen reichen von »Olympia: Jutta Leerdam – Millioneneinnahmen dank Unterwäsche-Trick« bis hin zu »Skandalfigur im Eisschnelllauf – Vom Po-Preis zur Goldmedaille: Das ist Olympia-Superstar Jutta Leerdam«. Es geht um ihren Freund, ihr Aussehen, ihre Kleidung – nicht um die harte Arbeit, die sie in ihren Erfolg gesteckt hat, und nicht um den Erfolg selbst.
Dass Frauen trotz herausragender körperlicher Leistungen auf ihr Geschlecht reduziert werden, ist bei den diesjährigen Winterspielen kein Einzelfall. Sie fliegen auf Skiern durch die Luft, machen Saltos auf Snowboards oder schießen Tore auf Schlittschuhen. Dabei beweisen sie enormes Können und körperlich extrem herausfordernde Leistungen. Und trotzdem geht es am Ende des Tages wie so oft um ihren Beziehungsstatus, ihr Lächeln oder ihr Aussehen. Während bei Männern Technik und Risiko kommentiert werden, geht es bei Frauen um Eleganz und Anmut.
Sexistische Kommentare auch in Deutschland
Nach Anastasiia Grubanovas Eiskunstlauf kommentierte ARD-Journalist Daniel Weiss nicht etwa ihre persönliche Bestleistung, sondern sagte stattdessen: »Meine Herren, sie ist leider bereits vergeben.« Genau wie bei Leerdam stand erneut nicht die Leistung im Fokus – nicht der Schwierigkeitsgrad der Sprünge, nicht die erzielten Punkte –, sondern ihr Beziehungsstatus. Derselbe Journalist bezeichnete Alysa Liu, die vergangene Woche Gold im Damen-Eiskunstlauf holte aufgrund ihrer gefärbten Haare als Rebellin und nannte den Tanzstil der 18-jährigen Adeliia Petrosian »fraulich« und »jungfraulich«. Wie genau man »jungfraulich« Schlittschuh fährt erklärt er nicht.
Nach dem Paarlauf von Trent Michaud und Lia Pereira lobte ein weiterer Kommentator Trent für seine Partnerinnenwahl – sie sei eine »junge, hübsche Frau«. Und Eileen Gu wurde nach ihrem zweiten Platz gefragt, ob es sich um »zwei gewonnene Silber- oder zwei verlorene Goldmedaillen« handele. Nicht ihre Errungenschaften – Gu wurde bereits 2022 mit 18 Jahren die jüngste Goldmedaillengewinnerin im Freestyle-Skiing und hält bis heute den Rekord der meisten Medaillen bei den Frauen– standen im Mittelpunkt, sondern die vermeintlich »verpasste« Goldmedaille.
Man muss sich nur kurz vorstellen, Sportjournalist:innen würden die Rennrodler Tobias Wendl und Tobias Arlt als »husband material« bezeichnen oder kommentieren, wie gut Philipp Raimund der Anzug stehe, um zu merken, wie abstrus und fehl am Platz solche Kommentare sind.
»Netter« Sexismus bleibt Sexismus
Genauso wie die Männer reisten auch die Frauen nach Italien, um in den gleichen Disziplinen die gleichen Leistungen zu erbringen. Und trotzdem unterscheidet sich die Sprache, in der über sie berichtet wird. Während bei Männern die Leistungen analysiert werden, kommentiert man bei Frauen Aussehen und Beziehungen. Und auch wenn manche dieser Kommentare auf den ersten Blick »nett gemeint« erscheinen könnten, handelt es sich hierbei nicht um Komplimente, sondern zeigen vielmehr, dass Frauen noch so erfolgreich sein können, am Ende zählt wieder einmal ihr Geschlecht.
Die Sportberichterstattung – ein Wandel muss her
Sprache hat Macht. Sie beeinflusst unsere Wahrnehmung und unser Denken. Damit einhergehend setzen Kommentator:innen die Maßstäbe, nach denen Zuschauer:innen die Leistungen der Athlet:innen beurteilen. Sie entscheiden, ob wir Alysa Liu als Sportlerin sehen, die sich nach zwei Jahren Pause mit Ehrgeiz, langen Trainingseinheiten und Disziplin zurück aufs Eis gekämpft hat – oder als junge Frau mit Lippenpiercing und gefärbten Haaren. Ob wir bei Jutta Leerdam an ihren Freund denken oder an ihre sportliche Leistung.
Wer auf Sendern mit Millionenpublikum sportliche Veranstaltungen kommentiert, trägt Verantwortung – die Verantwortung, sich über Männer und Frauen gleichermaßen zu äußern. Doch noch immer lässt sich beobachten, dass Männer als Athleten dargestellt werden und Frauen als Frauen.
Um eine faire und inklusive Berichterstattung zu ermöglichen, aktualisierte das IOC 2024 seine Leitlinien zur medialen Darstellung der Geschlechter. Solche Änderungen sind wichtig und längst überfällig, führen jedoch zu nichts außer netten Überschriften, wenn sie nicht auch umgesetzt werden. Gleichzeitig zeigt die Aktualisierung, dass dem Komitee die bestehenden Ungleichheiten bewusst sind. Der DOSB schrieb im Juni 2024, dass in der Vergangenheit häufig nicht-sportliche Kommentare über Sportlerinnen geäußert wurden. Warum das zwei Jahre später weiterhin so ist, bleibt unverständlich. Denn es kann doch wirklich nicht so schwer sein, statt über die Unterwäsche oder Beziehungen der Athletinnen zu schreiben, einfach ihre Leistung und ihre Errungenschaften in den Vordergrund zu stellen. Bei den Männern funktioniert es schließlich auch.
Quellen:
Martens, Kathrin (2026). URL: https://www.watson.de/sport/meinung/968126540-olympia-2026-sportberichterstattung-ist-voller-sexismus – Zugriff: 22.02.26.
@watson.de (20.02.26). Olympia: Wie das Frauenbild im Sport im Mittelalter hängen geblieben ist. URL: [Instagram, Beitrag] – Zugriff: 22.02.26.
@spiegelmagazin (20.03.2026). Sexismus bei Olympia: „Meine Herren, sie ist leider vergeben“ – geht’s noch, ARD? URL: [Instagram, Beitrag] – Zugriff: 22.02.26.
Mittermeier, Johannes (2026). „Es geht um Sexismus“: US-Athletin ist bei Olympia, ohne starten zu dürfen. URL: https://www.focus.de/sport/olympische-winterspiele/es-geht-um-sexismus-us-athletin-ist-bei-olympia-ohne-teilnehmen-zu-duerfen_6b64b89b-963a-4f53-a26a-7b5a70c4c93f.html – Zugriff: 22.02.26.
DOSB Redaktion (2024). IOC veröffentlicht aktualisierte Leitlinien. URL: https://www.dosb.de/aktuelles/news/detail/ioc-veroeffentlicht-aktualisierte-leitlinien – Zugriff: 22.02.26.
Kayser, Sebastian. (2026) Unterwäsche-Trick bringt Leerdam Millionen. URL: https://www.bild.de/sport/olympia/jutta-leerdam-siegt-in-mailand-und-generiert-millionen-einnahmen-6992db390abe5c8b74ed1581 – Zugriff: 22.02.26.
Marsänger, Nico (2026). Skandal-Figur im Eisschnelllauf – Vom Po-Preis zur Goldmedaille: Das ist Olympia-Superstar Jutta Leerdam. URL: https://de.nachrichten.yahoo.com/skandal-figur-eisschnelllauf-po-preis-193833710.html?guccounter=1&guce_referrer=aHR0cHM6Ly93d3cuYmluZy5jb20v&guce_referrer_sig=AQAAAL34GxLzagrUbXuTdk7wuK7X9aOuJf_7Oi7c-Dmov7VsJ05SKqv8KEWNf9Kcg7lDiVhzpWxvgyfkNSebUTPeBiwuqJl7KwDAtCqzWVcpA2PzciVa9PrXUUSQ87HoMGEO8OHz6bzl7ItkzHbRQaz7ee6OjOuD4qd10v-vftywnzEM – Zugriff: 22.02.26.
Titelbild © Olivia Rabe
