Selten war der Ostentorkino-Saal so voll. Ausverkauft – für »Pick Me Girls«, einen Film, in dem eine einzige Frau 85 Minuten lang allein auf einer Bühne steht. Kaum Requisiten, kaum Kostümwechsel. Nur Sophie Passmann. Oder genauer: das Buch von Sophie Passmann als Theaterstück von Sophie Passmann, gespielt von Sophie Passmann, jetzt als Kinoaufzeichnung auf deutschen Leinwänden. Viel Sophie Passmann also. Umso überraschender ist, wie wenig dieser Abend letztlich von ihr handelt.

von Esther Nußstein und Hannah Sturm

Sowohl das Buch als auch das Theaterstück »Pick Me Girls« erzählt keine Geschichte, die nur von Sophie Passmann handelt. Es erzählt die Geschichte unzähliger Frauen, die irgendwann angefangen haben zu glauben, sie müssten anders sein als andere Frauen. Natürlich geht es, um den Rahmen für die Kernnachricht zu schaffen, zunächst mal noch viel um Sophie Passmann. Ihre Erfahrungen werden dem Publikum quasi lebenslaufartig präsentiert: ihre Kindheit, ihr Körper, der immer kommentiert wurde, ihre Beziehungen, ihre Erfahrungen mit Männern.

Dieses breite Bild malt Passmann, indem sie »Pick Me«-Elemente einstreut und mit sexistischen Klischees mischt: »Stellt euch mal vor es gäbe ›I can fix HER‹!« oder »Männer sind einfach so viel entspannter« – die Beispiele gehen ihr nicht aus.

Männliche Anwesende lachen nur und glauben bei diesen für sie absurd klingenden Geschichten vermutlich: »Das denkt die sich doch aus!« Für alle Frauen, die zuschauen, ist es hingegen ein sehr persönlicher Abend. Denn Passmanns Geschichte als solche rückt schnell in den Hintergrund. Nicht, weil sie aufhört, ihre eigene Geschichte zu erzählen, sondern weil sich bei Frauen im Publikum ein ganz anderer Gedanke nach vorne drängt: »Warte mal, das kenn’ ich.«

(Selbst-)Hass

»Pick Me Girls« beginnt mit Humor. Allein auf der Bühne feuert Passmann eine Pointe nach der anderen ab und erntet viel Gelächter aus dem Publikum. Linear zur Satire entledigt sie sich über das Stück hinweg einiger Kleidungsstücke und somit auch der Schutzschichten, die sie sich, wie jede Frau, im Laufe ihres Lebens zulegen musste. Ihre Witze überleben diese Entblößung nicht nur, sondern gewinnen zusätzlich an emotionaler Tiefe. Passmann zeigt somit erneut, wie es sich anfühlt, in einer Welt für Männer eine Frau zu sein und transferiert dies erfolgreich in urkomische Szenarien. 

Beim Thema Essstörung erzählt Passmann zwar von ihrem eigenen Verhältnis zu ihrem Körper, aber gleichzeitig auch von einem Gefühl, das vielen Frauen bekannt vorkommt: dem Glauben, der eigene Selbsthass sei einzigartig. Selbst als sie sich ihren Freundinnen anvertraut und diese genauso empfinden, fühlt sie keine Erleichterung. Im Gegenteil. Wenn diese Frauen, die sie als wunderschön wahrnimmt, sich genauso hassen – wie schlimm muss es dann erst um sie selbst stehen? »Hassen wir uns dann alle?« 

Die Antwort auf die Frage, wen wir aber eigentlich dafür hassen sollten, dass Frauen sich selbst hassen, ist einfach: das Patriarchat. Dieser gesellschaftliche, von Männern erzeugte Hass hat uns gespalten. »Schade, wie einsam«, sagt Passmann – »Aber immerhin haben wir uns«.


Titelbild © Hannah Sturm

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