Lautstark: Zweifelst du an mir, Verräter? – CALIGULA von Lingua Ignota

Lautstark: Zweifelst du an mir, Verräter? – CALIGULA von Lingua Ignota

Wie oft wurde die Liebe schon besungen. Das Hauptmotiv des Lebens ist schließlich auch das Hauptmotiv der Musik. Doch was passiert mit dem Menschen, wenn die Liebe – der Lebensmotor, der rettende Anker, die schützende Hand – sich gegen einen wendet und  zerstört? Wenn die Liebe schlägt, erniedrigt, jegliche Perspektive nimmt? Was tun, wenn man in einem Strudel aus Gewalt gefangen ist? Die einzige Antwort: Überleben.

von Celina Ford

Ich bin unendlich dankbar und froh, noch nie in meinem Leben ein Opfer von Gewalt geworden zu sein. Deshalb kann ich nur versuchen, mich in die Lebensrealität eines Opfers von Beziehungsgewalt hineinzufühlen, die Gedanken nachzuvollziehen, den unendlichen Schmerz ansatzweise zu erahnen. Eine Person, die das jedoch unglücklicherweise kann, ist Kristin Hayter alias Lingua Ignota. Hayter wurde selbst Opfer von häuslicher Gewalt. Ihr ehemaliger Lebenspartner wurde ihr Peiniger.

Schmerzhafte frühe Jahre

Kristin Hayter alias Lingua Ignota. © Revolver

Kristin Hayter wurde 1986 in Kalifornien geboren. Schon früh nahm sie sich als anders wahr und tat sich deshalb schwer, Anschluss zu finden. Ihre Unangepasstheit machte sie zum Opfer von Mobbingattacken seitens ihrer Mitschüler*innen. Zunächst besuchte Hayter eine katholische Schule und wurde auch im katholischen Glauben erzogen, wobei sie sich später eher als atheistisch bezeichnen würde. Dennoch stellten sich diese frühen Schuljahre als formend für ihre musikalische Karriere heraus. Hayter wurde Mitglied im Chor und ihr Talent wurde mit klassischem Gesangstraining gefördert. Während der High School war sie Teil mehrerer Metalbands.

Nach ihrem High School Abschluss studierte sie Kunst und Literatur. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hayter bereits eine Magersucht entwickelt; zudem fand sie sich in Beziehungen wieder, die sie physisch und psychisch zermürbten. Ihre Masterarbeit ≫Burn Everything Trust No One Kill
Yourself≪ handelte nicht nur von Misogynie in der Musik und in ihrem eigenen Leben, sondern wog so viel, wie Hayter selbst zu dieser Zeit (ein zehntausendseitiges Manuskript). Neben der Magersucht befand sie sich auch in der gewalttätigsten ihrer Beziehungen mit einem Musiker aus Rhode Island, welcher wegen Missbrauchs schließlich verhaftet wurde.

2017 wandte sich Hayter wieder ihrer eigenen Musik zu und veröffentlichte zwei Alben. Zunächst ≫Let the Evil of His Own Lips Cover Him≪ und dann ≫All Bitches Die≪. Zu dieser Zeit gab sie sich, vor dem Hintergrund eines wachsenden Interesses an katholischer Ikonographie, den Künstlernamen Lingua Ignota, der auf die mystische konstruierte Sprache von Hildegard von Bingen zurückgeht. 2019 erschien dann schließlich ihr Magnum Opus ≫CALIGULA≪.

Unendlicher Hass, unendliche Trauer

Das Albumcover. © Discogs

Der Name ist Programm. Der Albumtitel ist eine Anspielung auf den römischen Schreckensherrscher Caligula, dessen Regentschaft von Willkür und Gewalt geprägt war – wie Hayters Beziehungen. Caligulas sinnlose Gewalt lässt sich 1:1 auf den Horror übertragen, den Hayter selbst erlebt hat. Und diesen Horror trägt – beziehungsweise erträgt – sie mit einer solchen Kraft, dass sie sich den Namen des römischen Schreckens und ihres eigenen quer über die Brust tätowieren ließ. ≫CALIGULA≪ ist ein musikalischer Befreiungsschlag. Das Wort, das dieses Album wohl am besten beschreibt, ist Katharsis. Hayter brüllt, schreit, ringt und singt um ihr Leben. Sie erreicht mit ihrer Stimme schrillende Höhen und erstickende Tiefen. Es ist fast so, als würde man dabei zuschauen, wie sie sich aus einem Grab, in welches sie lebend geworfen und verscharrt wurde, langsam freischaufelt.

Musikalisch ist ≫CALIGULA≪ eine Mischung aus moderner Klassik, Avantgarde, Dark Ambient, Black Metal und Noise Music. Diese Mischung entwickelt eine extrem erdrückende und gewalttätige Atmosphäre, die die behandelten Themen – Wut, Furcht, Ohnmacht, Verachtung und Rache – noch eindringlicher rüberbringt. Dennoch geht die stärkste Kraft des Albums von Hayters Texten aus. Die Worte dienen ihr als Folterwerkzeug: Sie will ihren Peiniger hängen sehen.

If you rise up to heaven
I’ll turn the sun to blind you
If you sleep deep in hell
I have chains to bind you
≫DO YOU DOUBT ME TRAITOR≪

May failure be a garment to wrap ’round you
May failure be a belt with which to gird you
May failure be a noose with which to hang you
May failure be a noose with which to hang you
≫MAY FAILURE BE YOUR NOOSE≪

Will you join me?
Will you join me?
Will you join me?

Make worthless your body, so no man can break it
≫IF THE POISON WON’T TAKE YOU MY DOGS WILL≪

Beast he named me
Beast I am
I am
Grief
≫I AM THE BEAST≪

Musik zum Überleben

Kristin Hayter beschreibt ihre Musik selbst als ≫survivor music≪ – Musik, die den Überlebenden von Gewalt gehört. Obwohl ich niemals Opfer von Beziehungsgewalt wurde, macht dieses Album greifbar, welche seelischen Schmerzen dieser absolute Vertrauensbruch verursacht und wie hilflos, wertlos und von Hass und Wut zerfressen man sich fühlt. Hayter hat den Kampf gegen ihren Peiniger gewonnen. Ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen und auch ihre zugängliche Verletzlichkeit machen ≫CALIGULA≪ zu einem feministischen Meisterwerk und zeigen, dass niemand, und vor allem kein Mann, sie brechen kann.

Falls Du selbst häusliche Gewalt erleben solltest, gibt es viele hilfreiche Anlaufstellen. Eine ist das Hilfetelefon ≫Gewalt gegen Frauen≪ unter der Nummer 08000 116 016 und online. Zusätzlich erhalten Männer, die Gewalterfahrungen gemacht haben, beim ≫Hilfetelefon Gewalt an Männern≪ unter der Nummer 0800 1239900 Hilfe.

Titelbild: © Revolver

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