»I am not free while any woman is unfree, even when her shackles are very different from my own« – Audre Lorde’s Worte haben nie an Relevanz und Geltung verloren und dass wir selbst heute, 45 Jahre später noch weit davon entfernt sind, diese Lebensrealität für alle Frauen zu erschaffen, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
von Pauline Wienands
Es kann nicht sein. Es kann nicht sein, dass ich diesen Artikel beginne, und mir erstmal überlege, ob ich pauschal spreche oder »manche« vor das Problemwort des Textes schreibe, damit sich MÄNNER (aha, das erwähnte Problemwort) nicht angegriffen fühlen. Es kann nicht sein, dass ich hier sitze und mich frage, ob hier auf irgendwen Rücksicht genommen werden muss, ob meine Sprache zu undifferenziert ist. Es kann nicht sein, dass ich so krass indoktriniert wurde, dass ich tatsächlich glaube, ich müsste mich hier zurückhalten.
Ein Fremdwort für Männer?
Ich glaube, der Mitte 50-jährige MANN, der eine Freundin von mir beim Volleyballspielen gefilmt hat, und meinte, er »würde nur den Ballwechsel so interessant finden«, nur um danach in hörbarer Entfernung Vergewaltigungsfantasien über sie und ihre Freundinnen auszutauschen, weil sie Bikinis trugen, hat sich nicht zurückgehalten. Vor allem nicht, nachdem bei der Polizei nicht mal eine Anzeige gestellt werden konnte, weil ein solches Verhalten in Deutschland keinen Straftatbestand darstellt.
Ich glaube auch, dass sich die vier MÄNNER am Münchener Hauptbahnhof nicht zurückgehalten haben, als sie sich lachend einen Spaß daraus machten, einem von ihnen die Hose runterzuziehen und damit seinen Genitalbereich zu entblößen, als eine Freundin und ich an ihnen vorbeiliefen.
Genauso wenig werden sich die verschiedenen MÄNNER zurückgehalten haben, die mehrere meiner Freundinnen unerlässlich und aufdringlich in der Öffentlichkeit angequatscht haben, kein »Nein!« annehmen konnten und meinten, sie müssten sich selbst als Rebound oder Hintertürchen anbieten, wenn es mit den Beziehungen der einzelnen Frauen nicht funktionieren würde.
Die 3 MÄNNER, die Freundinnen und mich nach dem Feiern fragten, was wir denn für den Döner in unserer Hand hätten tun müssen, ob wir uns ausgezogen hätten und dass sie sich auch gerne für uns ausziehen könnten, kannten das Wort »Zurückhaltung« auch nicht.
Der MANN, der eine meiner Freundinnen an ihrem Geburtstag zusammengeschnauzt hat, weil sie ihm in ihrem Schlafanzug nicht entgegengelaufen ist, um die gelieferten Blumen zu empfangen, hat sich mit seinen wüsten Beschimpfungen ebenfalls nicht zurückgehalten, genauso wenig wie die MÄNNER, die nach einem Konzert ein paar junge Frauen im Zug hinter mir angemotzt haben, dass sie endlich »ihre Fresse halten sollen, es interessiere sich niemand für ihr bekacktes Konzert und ob sie nicht merken würden, dass sie allen fett auf die Nerven gingen?!«.
Wer jetzt glaubt, dass solche Situationen nur in der Öffentlichkeit auftreten und kein Problem des häuslichen Zusammenlebens wären, hat sich getäuscht – es geht an der Stelle auch nicht nur um Übergriffigkeiten, sondern auch ums Wegschauen bei Haushaltsaufgaben („Weaponized Incompetence“ ist an der Stelle vielleicht manchen ein Begriff).
Denn Zurückhaltung ist den meisten MÄNNERN im Übrigen auch nach wie vor fremd, wenn es um die Verteilung von Care-Arbeit geht oder wie erklärt es sich, dass ich von allen Frauen in meinem Umfeld zu hören bekomme, dass sie diejenigen sind, die sich ums Abendessen kümmern, wenn ihre Mutter nicht da ist, die sich um die Geschwister kümmern würden, die ständig im Kopf hätten, was im Haushalt als nächstes zu tun wäre, weil sie die mental-load alleine tragen, als TOCHTER, GROSSE SCHWESTER, FRAU, weil selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass sie sich darum kümmern?
Kurz gesagt – ich glaube kaum, dass ICH mich hier zurückhalten muss, wenn es einem ganzen Geschlecht nach wie vor ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint.
Die Wurzel des Problems
Diese Liste erweitert sich jeden Tag um Erfahrungen aus meinem Umfeld und um solche, von denen ich gar nichts mitbekomme, weil ich tatsächlich nicht jede Frau auf diesem Planeten kenne und trotzdem weiß, dass sie alle betroffen sind. Von dem Problem, das MÄNNER sind, indem sie keine Rücksicht nehmen, nicht mitdenken, sich Ausreden suchen, unempathisch sind, gewalttätig sind, sich überordnen, missbrauchen, ausnutzen und morden. Und während sich diese Liste immer weiter verlängert, nimmt der Schutz für die Opfer kaum zu. Deutschland ist immer noch bei der »Nein heißt Nein«-Regelung und gerade in neusten Fällen wie Claudia Wuttke, einer Frau, die in 67 nachgewiesenen Fällen von ihrem Ex-MANN sediert und vergewaltigt wurde, ein massives Problem darstellt, denn »sie hat ja nicht ›Nein‹ gesagt«, DA SIE BEWUSSTLOS WAR! Deep-Fakes, also täuschend echte, aber KI-generierte Inhalte stellen für Frauen eine zunehmende Bedrohung dar, weil sie für pornografische Inhalte missbraucht werden und wer den Fall von Colleen Fernandez mitbekommen hat, weiß, dass sie die Anzeige in Spanien stellen musste, weil diese juristische Lücke in Deutschland bisher unberücksichtigt blieb und jetzt erstmal aufgearbeitet wird. (Beim deutschen Bürokratiesystem bin ich gespannt, wie schnell wir diese Revision miterleben werden) Von Femiziden brauche ich gar nicht erst anzufangen, nach wie vor scheuen sich Presse und Politik die unzähligen Fälle beim Namen zu nennen, stattdessen lesen wir Substitutionen wie »Mord, Totschlag, körperlicher Übergriff mit tödlichen Folgen« oder irgendwelchen anderen Mist, weil das System TÄTER schützt und sich weigert, hier einfach mal durchzugreifen. Die vom BKA erfassten 859 weiblichen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten aus dem Jahr 2024 reichen wohl einfach noch nicht. Und anstatt dieses Problem ernst zu nehmen, muss ich mich mit MÄNNERN über die »Male loneliness epidemic« und darüber streiten, dass sie nicht alle TÄTER sind, und dass es unter ihnen ja »Gute« gäbe, und irgendwer müsse uns Frauen doch nachts beschützen, auf der Straße, auf der wir übrigens vorwiegend von MÄNNERN angegriffen werden, und HALLO, KÖNNEN WIR BITTE AUFWACHEN UND DAS KIND BEIM NAMEN NENNEN? ES HEISST MISOGYNIE!
Schluss mit Ohnmacht und Aushalten
Immer wieder fühle ich mich ohnmächtig vor WUT, weiß nicht wohin damit, weiß nicht, was ich noch tun kann, um diese Lebensrealität zu verändern, außer zu reden, aufzuklären und zu demonstrieren, laut zu sein und diesem Impuls, einfach zu schreien vielleicht mal nachzukommen. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass das nicht reicht, all das findet ja bereits vielerorts statt und trotzdem liegen mir diese Zahlen und Statistiken vor.
Diese WUT in mir wächst täglich, und mit ihr der »Drang in mir drin, einfach mal einem Mann ins Gesicht zu schlagen.«, wie eine enge Freundin von mir es auf den Punkt brachte. An dieser Stelle wird von einem gewissen Teil der Leser:innenschaft der Aufschrei vermutlich am lautesten sein, dass Gewalt ja aber keine Lösung sei! Merkt ihr hoffentlich selber. Dieser Artikel wird dem Gefühl in meiner Brust und dem der anderen Frauen niemals gerecht werden, dafür hat sich zu viel angestaut und zu wenig verändert. Aber er versucht, das Problem beim Namen zu nennen und diejenigen, die es bis heute immer noch nicht gecheckt haben, wachzurütteln. Und an die, die das lesen und wütend sind habe ich lediglich die Bitte, weiter wütend zu bleiben. Haltet eure Wut nicht einfach aus, sondern räumt ihr Platz ein, indem ihr sie nutzt, um euch zu informieren. Über Petitionen, Demonstrationen, Organisationen. Nutzt sie, um zusammenzuhalten und laut zu sein – für euch selbst und alle anderen.
Titelbild © Pauline Wienands
