Es reicht!

Es reicht!
Warum Menschen gegen sexualisierte Gewalt auf die Straße gehen.

von Leonie Nicolaus

»Wir sind laut, wir sind viele und wir bleiben hier!« mit diesem Satz begann am 19. April die Demonstration gegen sexualisierte Gewalt der Initiative Es reicht. Rund 1700 Menschen sind in Regensburg auf die Straße gegangen, um ein Zeichen gegen sexualisierte und digitale Gewalt in Solidarität mit Collien Fernandes zu setzten. Seit Jahren kämpft die Schauspielerin gegen Onlinemissbrauch.

Ende 2025 erstattet sie dann Anzeige gegen ihren Exmann Christian Ulmen. Ihm wird vorgeworfen, über Jahre hinweg im Internet Fake Profile und pornografische Darstellungen von Fernandes erstellt und verbreitet zu haben. Der Fall Fernandes ist dabei kein Einzelfall. Vielmehr steht er exemplarisch für eine Form von Gewalt, die viele Betroffene erleben.

Denn sexualisierte Gewalt, die so viel in der echten Welt stattfindet, findet nun auch immer mehr im digitalen Raum statt. Durch künstliche Intelligenz hat sich eine neue Form von sexualisierter digitaler Gewalt entwickelt. Nutzer:innen können Menschen auf Bildern oder Videos ohne ihr Einverständnis ausziehen und pornografische Deepfakes erstellen. Und mal wieder sind die Opfer vor allem Mädchen und Frauen. Denn jede dritte Frau erfährt im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt. 

Was ist sexualisierte Gewalt?

Doch auch wenn sich die Formen verändern, bleibt der Kern des Problems derselbe. Um das zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick darauf, was mit sexualisierter Gewalt überhaupt gemeint ist. Unter sexualisierter Gewalt versteht man alle sexuellen Handlungen, die gegen den Willen einer Person oder ohne ihr Einverständnis stattfinden. Dies geht von anzüglichen Bemerkungen bis hin zu Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Femiziden. Der Auslöser dafür sind nicht vermeintliche sexuelle Bedürfnisse von Männern und ein »aufreizendes« Outfit, sondern Macht. Denn diese Gewalt dient zur Demütigung und Unterdrückung mit dem Ziel, sich selbst als mächtig zu erleben. Täter:innen sind selten Fremde, sondern stammen wie in dem Fall von Fernandes oft aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen Person und sind zu 90 bis 94 Prozent männlich. Doch die Täter- und Opferrollen werden zugunsten der Täter:innen vertauscht und es herrscht die Unschuldsvermutung oder auch einfach der Täterschutz. Täterschutz beschreibt eine Struktur, die verhindert, dass Täter:innen für ihr Handeln nicht zur Verantwortung gezogen werden. Das führt dazu, dass Betroffene immer wieder mit Unglauben, Schuldzuweisung und Stigmatisierung zu kämpfen haben und dadurch erneut traumatisiert werden.

Ein patriarchales Problem

Diese Dynamiken sind kein Zufall, sondern Ausdruck tieferliegender patriarchaler Strukturen. Ein System, in dem Männer immer noch strukturell mehr Macht besitzen. Um sexualisierte Gewalt also nachhaltig zu bekämpfen, reicht es deshalb nicht aus, einzelne Täter zu verurteilen. Auch die zugrunde liegenden patriarchalen Strukturen müssen aufgebrochen werden. Das bedeutet, Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, Geschlechterrollen zu verändern und Betroffenen konsequent Glauben zu schenken. Anhand einer einzigen Aussage des Bundeskanzlers lassen sich genau diese patriarchalen Strukturen erkennen. Sie zeigen sich darin, dass ein Mann ein Thema, das Frauen betrifft, für sich beansprucht und es nutzt, um eigene politische Inhalte zu platzieren. Friedrich Merz nutzte den Fernandes Fall für sich selbst und nahm diesen zum Anlass, um über Zuwanderung zu sprechen. Merz betonte, dass man über die Ursachen sprechen müsste und diese wären, „dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt.“ Das eigentliche Problem wurde damit von ihm relativiert und auf Migrant:innen projiziert. Es ist einfach, den vermeintlich »anderen« Mann für patriarchale Probleme verantwortlich zu machen, aber auch weiße Männer sind Täter und was fehlt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit einem System, was diese schützt. Denn bekannterweise sind es nicht alle Männer und doch sind es immer Männer. 

Was du jetzt aktiv machen kannst

Um dieses System zu brechen und zu verändern, braucht es gesellschaftlichen Wandel. Doch dieser passiert nicht von allein. Er braucht Aufmerksamkeit, öffentlichen Druck und aktives Handeln und jede:r Einzelne kann dazu beitragen. Über 250 Frauen aus Politik, Kultur und Wirtschaft haben eine bundesweite Petition zum 10-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt initiiert. Diese fordert konkrete politische Maßnahmen und strukturelle Veränderungen im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Auch die Initiative Es reicht setzt sich aktiv für Veränderung ein, an der du teilhaben kannst und hat deshalb einen Bürger:innenantrag gestartet, um ganzheitlichen Schutz vor sexualisierter Gewalt in der Stadt zu gewährleisten. Zusätzlich bietet sie eine Email-Aktion an, bei der du mit wenigen Klicks eine vorbereitete E-Mail direkt an eine Person des Bundestags schicken kannst. All diese Initiativen zeigen, dass es konkrete Wege gibt, sich einzubringen und ein Zeichen zu setzen. Die entsprechenden Links findest du unten.


Links

Bürger:innenantrag: https://www.esreicht-rgb.de/forderungen/

Email-Aktion: https://www.esreicht-rgb.de/email-aktion/


Start shaming the perpetrators © Esther Nußstein

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert