Ozempic-Spritzen, Hot Pilates Kurse und Low-Carb Diäten: während in der Anfangszeit der 2010er »Body Diversity« angepriesen wurde, sehen wir momentan eine Bewegung zurück zum Ideal der schlanken Frau. Der aktuelle Schlankheitswahn hängt dabei direkt mit dem Erstarken Rechtsradikaler Parteien zusammen, denn »schön sein« ist politisch.
[Triggerwarnung: Erwähnung von Essstörungen]
von Viola Klaus
Der Einfluss von Social Media auf Schönheitsideale ist nichts Neues. Tagtäglich wird man mit »Outfits of the Day«-Videos, Skincare-Trends und Tipps zu den besten Lockenmethoden konfrontiert. Momentan wird jedoch wieder vermehrt der schlanke, weibliche Körper idealisiert. Während bis vor kurzem noch »Body Positivity« alle Körper jeglicher Form feierte, sind nun Abnehmspritzen der neuste Trend. »Skinny Tok« heißt die Bewegung auf TikTok, in der Tipps zum Abnehmen, »What I eat in a day«-Videos und Fitnessübungen geteilt werden. Es geht nicht mehr darum, sich im eigenen Körper wohlzufühlen, sondern der Wunsch nach einem schlanken Körper ohne Falten überwiegt. Zu beobachten ist nicht nur eine steigende Nachfrage nach Abnehmpräparaten und Schönheitsoperationen, sondern auch, wie größere Klamottengrößen vermehrt aus Online-Shops verschwinden. »Skinny« als Idealzustand der Frau ist zurück.
Ein Zeichen der Disziplin
Was genau als »schön« gilt, bestimmen diejenigen, die gesellschaftliche Macht besitzen. Dementsprechend ist das Bild des weiblichen Körpers von den Erwartungen des Patriarchats geprägt. Dünn-sein gilt als Zeichen für Selbstkontrolle und Disziplin. Der Fokus auf das Gewicht und Aussehen von Frauen ist nichts Neues. Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner bezeichnet die aktuellen Entwicklungen als eine »Rückkehr zu einer Macho-Gesellschaft«, die überwiegend weiß, hetero und leistungsfähig sei. Diese Körperbilder sind eng mit gesellschaftlichen und patriarchalen Machtverhältnissen verknüpft, und die Erwartungen an Frauen, schlank und fit zu sein, verfolgen das Ziel von Kontrolle und Anpassung. Frauen, die mit sich selbst, mit Diäten und Selbstoptimierung beschäftigt sind, haben weniger Zeit und Energie für gesellschaftliche Partizipation. Die ständige Unsicherheit und mentale Belastung erzeugt Stress, der das kollektive Handeln erschwert. Unterernährung mindert außerdem die physische Leistungsfähigkeit und Ausdauer für Politik, Vereinsarbeit oder Wahlen.
Schlank-sein als rechtes Machtinstrument
Es handelt sich dabei um ein strukturelles Problem, das sich zunehmend auch rechte Ideologien zunutze machen. So lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem wiederkehrenden Schlankheitswahn und dem Erstarken Rechtsradikaler beobachten. Bereits in der NS-Zeit war der Idealkörper der Frau »weiß, blond und athletisch«; schlank sein galt als »Symbol der Tugend und Weiblichkeit«. Auch heute vertreten rechtsradikale Parteien oftmals das Bild der Frau, die verheiratet ist, sich um die Kinder und das Zuhause kümmert und idealerweise jung, dünn und fit ist. So teilte beispielsweise der X-Account der AfD Sachsen eine Gegenüberstellung der »schlanken traditionellen Frau« und der »dicken modernen Feministin«. Autoritäre Ideologien lehnen Feminismus und dessen Errungenschaften ab und nutzen unter anderem diese Schlankheitsrhetorik, um antifeministische Narrative zu unterstützen. Ziel ist es, den Feminismus zu schwächen, Kontrolle über den weiblichen Körper zurückzuerlangen und »traditionell« geltende Normen zu stärken. Ein dünner Körper steht als Teil rechter Rhetorik für Reinheit und Selbstkontrolle. Bodyshaming sowie Schlankheitswahn stärken direkt autoritäre Strukturen und werden von diesen instrumentalisiert. Sie drängen Frauen in passive Rollen der Mutter oder Ehefrau und halten sie in einem Zustand der Unsicherheit. Wer durchgehend versucht, den Erwartungen zu entsprechen und sich selbst zu optimieren, hat keine Zeit für politische Teilhabe.
Weit mehr als nur eine Zahl auf der Waage
Schönheitsideale sind nie nur private Entscheidungen vor dem Badezimmerspiegel, sondern immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Als Idealbild der Frau stilisiert, wird der schlanke Körper zum Instrument, das insbesondere in rechten Diskursen genutzt wird, um Frauen zu kontrollieren und sie in »traditionelle« Rollen zu drängen. Jene, die nicht in die vorgegebene Kategorie passen, werden als unerwünscht markiert. Ob ein Idealbild jedoch wirklich so ideal sein kann, wenn es von rechten Ideologien geprägt ist, ist zu bezweifeln. Und dementsprechend ist es vielleicht auch gar nicht so schlimm, wenn man diesem nicht entspricht.
Quellen:
quer_vom_br (2025, 01. November). Ein Trend kommt zurück: Extrem dünn sein. Was der Schlankheitswahn mit Kontrolle, Macht und rechter Ideologie zu tun hat. [Instagram Beitrag]. URL: https://www.instagram.com/p/DQgagrniE9v/?igsh=MWdldWswNWo1bXQ1YQ== – Zugriff: 12.12.2025.
Kamm, Pauline (2025). Ist der Schlankheitswahn politisch? URL: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ist-der-schlankheitswahn-politisch-158134/seite/2/?cHash=b9104363e5f3915bba1f0a97585ea35e – Zugriff: 12.12.2025.
Steinberg, Eric (2025). Fette Propaganda beim WDR: Schlanksein ist jetzt rassistisch und antisemitisch. URL: https://www.nius.de/medien/news/fette-propaganda-beim-wdr-schlanksein-ist-jetzt-rassistisch-und-antisemitisch/78c1c73d-0699-4ab3-9f13-3e9cae109247 – Zugriff: 12.12.2025.
Campardon, Celia (2025). Schlankheitswahn: Der Kreuzzug, der amerikanische Konservative aufwühlt. URL: https://www.msn.com/de-ch/nachrichten/other/schlankheitswahn-der-kreuzzug-der-amerikanische-konservative-aufw%C3%BChlt/ar-AA1KDt9h – Zugriff: 12.12.2025.
Shehadeh, Nadia (2025). Der Mythos vom »Comeback« der Diätkultur. URL: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192170.schlankheitswahn-der-mythos-vom-comeback-der-diaetkultur.html – Zugriff: 12.12.2025

Bildquelle: https://blog.campact.de/wp-content/uploads/2023/07/Bildschirmfoto-2023-07-12-um-13.35.48.jpg
Titelbild © Olivia Rabe

