Trautes Heim

Trautes Heim
Wir alle müssen Wohnen, aber haben wir auch alle ein »Zuhause«? Ein Versuch, dieses Konzept besser zu verstehen– zwischen Ort und Gefühl, Dingen und Menschen. 

von Anna Schütz

Wir reden den ganzen Tag von diesem »Zuhause«, zuhause sein, nachhause fahren. Aber was ist das eigentlich? Welche Eingrenzung wird vorgenommen, was trennt »Heim« von »nicht-Heim«? Macht ein Dach, ein Bett, ein Bild an der Wand schon ein Zuhause? Manche nennen es ein Gefühl, gar eine Person. Ist Zuhause einfach dort, wo wir uns wohl und sicher fühlen? Nur wird man von Idee und Gefühl, egal wie durchdringend und weltbewegend, nicht warm oder satt oder wach. Zuhause muss also eine materialistische Entsprechung haben. Es muss einen Ort geben, ein Haus, eine Wohnung, ein Zimmer, ein »Eigenes«, wenn auch auf Zeit. Dort ankommen, nicht länger auf der Durchreise sein. Korsett aufschnüren, Maske abnehmen: hinsetzen, ausatmen. Idealerweise ist hier Frieden, nicht nur nicht-Krieg; Entspannung, statt nur Abwesenheit von Stress. Sich selbst in den Raum hinein bauen, eine kleine Welt bauen, ganz nach den eigenen Vorstellungen (und Möglichkeiten, und finanziellen Mitteln). Meine Mutter sagt »dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt« und meint damit, dass jeder Umzug einer Spur des Zurückgelassenen nach sich zieht, die man, wie die Nabelschnur zu Vergangenheit und manchmal mit ein bisschen Gewalt, durchtrennen muss. Dann neue Dinge suchen, finden, sammeln, entsorgen, kurz: zu einem Ensemble kuratieren, einem Ideal, einer Inspiration. 

II

Aber nochmal: was ist denn nun das Zuhause? Vielleicht gibt es darauf keine allgemeingültig Antwort, und jede:r muss eine eigene finden. Für mich es ist da, wo all meine Sachen sind. Wo sonst kann ich für ein paar wohlverdiente Stunden mit der Welt abschließen, wenn nicht dort, wo all die Dinge sind, die ich so sorgfältig an- und eingerichtet habe? Die mich empfangen, nach einem langen Tag, mit immer der gleichen, beruhigenden Wirkung, die mich halten und tragen, bei allem, was ich tue. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptieren konnte. Ich wollte nie jemand sein, der Gegenstände wichtig sind. Ich musste mich von der Überzeugung lösen, dass Zuhause Einstellungssache ist und anerkennen, dass nicht ein Bett und ein Tisch ein Zuhause machen, wohl aber mein Bett und mein Tisch. Und bedeutet das nicht, dass Zuhause überall sein kann? Nicht beschränkt auf ein Land, eine Stadt, ein Dorf, sondern frei, sich überall zu materialisieren? Vielleicht muss Zuhause verstanden werden als Praxis, in der man sich selbst verdinglicht und so einen Innenraum schafft, der das Innenleben repräsentiert, wann und wo auch immer. 

Zuhause ist geformt, (selbst)gemacht, aus einem steril-weißen Zimmer in eine mit mir selbst als Farbe gestrichene Zuflucht. Es soll die Möglichkeit zu Nacktheit sein, Verletzlichkeit und Ausbruch aus der Gesellschaft in die Heim(e)lichkeit, die nicht-Öffentlichkeit. Abgeschieden, abgeschottet– aber gewollt! Im Chaos des Alltags ist es ein Fixpunkt, und darüber hinaus die Gebärmutter, in die ich Abends, geschunden und auf allen Vieren, hineinkrieche um Morgens, jeden Morgen wieder,-geboren zu werden. Making home, home made. 

home is my cocoon
it is my nest 
it is my escape         
it is where I rest       
home is my interpretation
born by my imagination     
formed by hands and dreams 

and desperate needs         
into refuge, safety, confirmation


Titelbild © Anna Schütz

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