In einer Welt, die uns ständig zeigt, was uns noch fehlt, verlieren wir zwischen Stress, Erwartungen und dem endlosen Scrollen oft den Blick für das, was wirklich zählt. Dieses Gedicht lädt dazu ein, der Frage nachzugehen: Was bedeutet es eigentlich, glücklich zu sein?
von Rebekka Ehrmann
Gestern hat mich mein kleiner Bruder gefragt, ob ich denn glücklich bin?
Mein kleiner Bruder ist inzwischen 18. Alt genug für philosophische Fragen, auf die man nicht mit einem einfachen Ja oder Nein antworten kann.
Ich hielt kurz inne und überlegte
Wie damals im Matheabitur
Ich starrte auf die Aufgaben
Verzweiflung machte sich in mir breit
Die Antwort lag mir auf der Zunge, doch ich kam einfach nicht auf das Ergebnis
So nah dran, aber doch so weit weg
Der Hörer knisterte
»Hallo, bist du noch dran?«
Ich stellte mir wohl zum ersten Mal in meinem Leben die Frage
»Bin ich glücklich?«
Ganz schön bedenklich, dass ich für so eine relevante, alltagsbestimmende Frage so lange gebraucht habe, oder?
Aber was bedeutet es, glücklich zu sein?
Ist es, wenn sich meine Situationship nach Tagen spurlosen Verschwindens mit einem lustlosen »Na, was geht« wieder einen Weg in mein Bewusstsein und Gefühlschaos bahnt?
Ist es, wenn ich ungeduldig in der endlosen Schlange vor dem Paketshop stehe und nur darauf warte, dass die Dame mit den zehn Paketen vor mir endlich fertig wird, damit ich meine sehnsüchtig erwartenden Vinted- Pakete entgegennehmen kann?
Ist es, wenn an einem Donnerstagabend das Mädel neben mir am Spiegel der modrigen Bartoilette geheimnisvoll zu flüstert, dass sie mein Outfit geil findet, welches ich zuvor stundenlang als Gruppenprojekt mit meinen beiden Mitbewohnerinnen mathematisch berechnet habe?
Kleine Momente
So schnell
So leise
So vergänglich
Doch so bedeutend
Einmal kurz nicht hingesehen und schon sind sie vorbei
Wie weggeweht
Von einem letzten Windstoß, der ahnungsvoll ein nahendes Sommergewitter ankündigt
Und wir? Wir haben es nicht einmal bemerkt
Zu gefangen in unserer eigenen, kleinen Welt
Routine, Termine, Verpflichtungen, Versprechen, Stress
Umgeben uns
Anforderungen an uns Selbst
Getrieben vom ständigen Perfektionismus und Vergleichen
Immer mehr, immer schneller, immer das Beste
Haben uns blind gemacht
Dass wir gar nicht gemerkt haben
Dass wir längst glücklich waren
Titelbild © Rebekka Ehrmann

