prolog

nachts ist der lärm aus und mein feuer an.

füße am fensterbrett und ich balancier die sterne entlang.

als pfandeinsatz nur ein paar stunden schlaf,

als schlafersatz die drei tassen espresso morgen um halb acht.

jammernde gedanken und friedliche traurigkeit,

zu wenig seelenfrieden und zu viel selbstmitleid.

wie die heutige geschichte endet sehen wir noch,mal sehen ob heute wieder eine träne in den aschenbecher tropft.

von Verena Streibl

teil 1

I. vom gehen und gehen lassen

ich gehe gerne.

geh gern konflikten aus dem weg,

geh ab und zu gern leuten auf die nerven,

geh gern feiern,

geh dementsprechend gern viel zu spät ins bett.

irgendwann müssen wir alle gehen.

so wie opa,

so wie ich irgendwann.

gehen ist so einfach,

gehen ist irgendwie schön,

gehen ist sicher.

gehen lassen ist das problem.

loszulassen, als ob es ein los und nicht die sichere niete ist etwas zu verlieren,

jemanden zu verlieren.

ich kann nicht loslassen,

kann niemanden gehen lassen.

deswegen geh ich lieber,

und bleib wohl für immer hier stehn.

II. nächster halt

du musst los, das war schon immer klar,

aber ich hab dich doch so gern meine allerliebste straßenbahn.

du hast mich nur für zwei stationen mitgenommen,

aber mich hat es wohl nun doch schon monatelang mitgenommen.

selbst die anzeigetafel weiß es schon,

für mich ist und bleibt das die endstation.

„Diese Linie ist wegen Bauarbeiten gesperrt,“

trotzdem ist die sitzbank immer noch nicht leer.

so wart ich immer noch eingewickelt in meinen kabelkopfhörern hier,

wenigstens die haltestelle will wohl mehr von mir.

vielleicht bleibst du ja nochmal hier stehn

und ich werd mir währenddessen ein paar kippen drehn.

es ist ja irgendwie schön: du wirst irgendwo anders enden

und ich hoffentlich nicht für immer hier meine zeit verschwenden.

du bleibst wo immer du willst stehn

und ich werd irgendwann eine andere tram nehmen.

III. monolog eines storchs

es ist herbst

und alle schwäne schwimmen auf dem see.

seelenruhig,

als hätten sie nicht gerade eben gesehn,

wie der sommer schon wieder einen von ihnen genommen hat,

herzlos, mit nur einem upper cut.

früher wollte ich immer einer von ihnen sein,

in paaren um die seerosen kreisen

bis mir die welt vorkommt wie ein winziger teich.

kurz dacht ich im frühjahr,

ich wär bald wie sie,

aber ich bin wohl doch nur ein storch,

der alleine am ufer liegt.

IV. gedankenschnur

ich denke dass ich denke ohne ende aber was ist wenn ich mit der denkerei nur meine zeit verschwende ohne zu versuchen einfach mal ein paar sekunden nur zu fühlen statt zu denken und nicht immer noch das schicksal zu lenken aber warte mal ist es nicht oft auch einfach egal ob ich denke dass es nur mein kopf ist denkt das herz nicht eigentlich mit oder fühlt der kopf nicht auch das gleiche sind stiche in der brust nicht eigentlich nur zweifel oder hab ich mir dieses los selber ausgesucht so wie eine fleißige biene sich den mohn naja rot ist ja auch eine schöne farbe so wie lila blau und indigo ich drifte ab und weiß gar nicht mehr was ich eigentlich sage mit meinem blumenstrauß in der hand und es hört nicht auf die gedankenschnur wird viel zu lang…


Titelbild © Yule Bruch, Eva Wiech

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