Am 29. Oktober 2025 hat die Vogue den Artikel »Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?« veröffentlicht. Die Reaktionen darauf waren sehr gespalten, aber klar ist, der Artikel hat für viel Aufsehen gesorgt. Das Zeigen des Partners auf Social Media wird stark hinterfragt. Was steckt dahinter und wie hängt es mit den Rollenbildern zusammen?
von Antonia Stegmaier
Thema des Vogue Artikels
Auch wenn die Überschrift an rage baiting erinnert, ist der Vogue Artikel durchaus differenziert und beleuchtet das Thema aus einem interessanten Blickwinkel. Es ist nicht peinlich, in einer glücklichen Beziehung zu sein, wie in dem Artikel klargestellt wird. Trotzdem ist ein starker Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Frauen ohne Partner zu beobachten. Das Singledasein wird deutlich positiver bewertet als noch vor einigen Jahren. Dadurch schwindet der gesellschaftliche Druck, eine Beziehung führen zu müssen – oder diese in sozialen Netzwerken sichtbar zu machen.
Veränderte Wahrnehmung – seit wann?
Auf Social Media ist seit einigen Jahren ein Mental Health Trend zu beobachten. Dieser bewirbt nicht nur Praktiken, wie Yoga als Selfcare, sondern beschäftigt sich auch mit mentalen Strukturen.
Viele Menschen reden über ihre Traumata online oder erzählen von ihrer mentalen Selbstfindungsreise. Diese gehen sie mit Hilfe von Therapie an, sowie durch den engen Austausch mit Freunden. Die Beschäftigung mit sich selbst ist dabei ein zentrales Element. Es ist etwas Mutiges und Cooles geworden sich Zeit für das eigene Wohlbefinden zu nehmen. Gerade online wird das Singledasein zunehmend positiv bewertet. Es verspricht Unabhängigkeit und die Möglichkeit, den Blick auf sich selbst zu richten – ein Gegenentwurf zu Beziehungen, in denen sich viele zugunsten des Partners vergessen. Gesunde Beziehungen, die Raum und Zeit für sich selbst und Freundschaften lassen, werden in dem Vogue Artikel nicht kritisiert. Trotzdem haben einige Menschen empört reagiert und aus Protest den Freund gepostet mit den Worten »Ich widerspreche Vogue, einen Freund zu haben ist nicht peinlich«.
Vermehrt gab es jedoch positive Reaktionen und der öffentliche Diskurs über Partnerschaften und die Präsentation dieser auf Social Media wurde weiter bestärkt.
Die positive Wahrnehmung des Singledaseins greift also deutlich tiefer als »Männer sind peinlich, also zeigen wir sie nicht«.
Unabhängig von dem Artikel gibt es einige Schattenseiten seinen Partner ständig in den sozialen Netzwerken zu posten. Zum einen kann es für einige Menschen verletzend sein, viele glückliche Paare auf Social Media zu sehen, wenn sie selbst wenig Dating Glück haben. Zum anderen entsteht die Frage, wie wichtig einem die eigene Privatsphäre ist. Für Betroffene kann es unangenehm sein, die Bilder gepostet zu lassen. Werden sie gelöscht, vermuten viele Follower:innen ein Ende der Beziehung. Daher bleiben Trennungen längst nicht mehr privat. Ist es daher zum eigenen Schutz besser, die Beziehung von Anfang an nicht zu posten?
Während es bei Frauen inzwischen positiv angesehen wird, wenn sie ihren Freund kaum oder gar nicht zeigen, sieht es bei den Männern oft anders aus. Kommentare unterstellen Männern, die ihre Freundin nicht posten, dass sie versuchen, sie vor anderen Frauen geheim zu halten oder sich sogar für sie schämen. Während andere, die ständig ihre Partnerin zeigen, positive Rückmeldungen bekommen und als treu und erwachsen wahrgenommen werden.
Der deutliche Unterschied der Reaktionen kommt vermutlich daher, dass es bei Frauen lange Zeit selbstverständlich war, seinen Partner in den Mittelpunkt zu stellen. Bei den Männern war es auch historisch gesehen normal, ein Leben außerhalb der Familie zu haben. Daher ist bei den Geschlechtern ein Gegensatz zur historischen Norm derzeit auf Social Media modern. Ähnlich wird es auch in dem Vogue Artikel beschrieben.
Die Reaktionen auf den Artikel lassen vermuten, dass viele ihn jedoch gar nicht gelesen haben, sondern nur auf den Titel reagieren. Dieser hat, wie bereits erwähnt, eher das Ziel Aufmerksamkeit zu erregen, statt dass er eine Aussage darstellt, die inhaltlich bestätigt wird. Im Artikel wird klargestellt, dass es nicht peinlich ist einen Freund zu haben, sondern cool ist, sich auf sich selbst zu fokussieren. Dadurch entfällt der Druck von patriarchalen Strukturen in einer festen Partnerschaft sein zu müssen.
Titelbild © Olivia Rabe

