Stricken erfreut sich wachsender Beliebtheit – immer mehr junge Menschen greifen zu Wolle und Nadel. Durch die Verbreitung in den sozialen Netzwerken entstehen neue Stricktrends, aber auch in der realen Welt ist die Bewegung durch verschiedene Freizeitangebote rund ums Stricken sichtbar.
von Lilian Mawhinney
Sofie Scarf, gestreifte Beanie, Chunky Knit Sweater: Soziale Netzwerke wie Instagram oder TikTok werden überflutet mit Anleitungen für moderne Strickstücke – der Sofie Scarf von Petite Knit etwa ist zum regelrechten Lifestyle Trendprodukt geworden. Man weiß: wer ihn trägt hat ihn selbst gestrickt, oder ihn zumindest selbstgestrickt geschenkt bekommen.
Die Anleitungen sind so zugänglich und anschaulich aufbereitet wie nie zuvor: Strickmuster, Tutorials für die Grundlagen des Strickens, kompliziertere Muster, Hilfe beim Lösen von Problemen – alles wird zahlreich online im Kurzvideoformat, als längeres YouTube Video, als Blogeintrag oder Post auf Instagram erklärt. Versteht man es mit der einen Anleitung nicht, ist die nächste nur einen Klick entfernt. Jede:r kann sich so niedrigschwellig das Stricken selbst beibringen, lediglich benötigt werden Stricknadeln und Wolle. Durch die Schnelllebigkeit des Internets verbreiten sich Trends in der Strickcommunity rasch, wodurch eine große Zielgruppe – auch außerhalb der Bubble – erreicht wird, welche sich somit ebenfalls für das Hobby begeistern lässt. Die leichte Zugänglichkeit sowie die Verbreitung von Trends und die einhergehende Beliebtheit des Hobbys wird auch in Zahlen verdeutlicht: Immer mehr junge Frauen widmen sich dem Stricken als Hobby. Unter den 18- bis Jährigen hat die Zahl der Strickenden einen neuen Höchstwert erreicht. Eine Umfrage des Marktforschers GfK im Auftrag des Branchenverbands Initiative Handarbeit ergibt, dass sich 85 Prozent aller befragter Frauen im Jahr 2024 gelegentlich mit Handarbeit beschäftigen.
Zusammen hängt das mit vielen Faktoren – neben dem Internet spielt die Entschleunigung des Lebens die durch das Stricken eintritt, sowie Slow Fashion und Nachhaltigkeit als Gegenbewegung zu Fast Fashion eine Rolle für den aktuellen Trend.
Immer beliebter werden außerdem auch Stricktreffen, bei denen Gleichgesinnte zusammenkommen, um gemeinschaftlich zu stricken – Beginner:innen haben hier die Möglichkeit von erfahrenen Stricker: innen zu lernen, statt sich das Stricken allein beizubringen. Begleitet werden diese Treffen meist von einer gemeinsamen Aktivität wie dem gemütlichen Beisammensitzen in einer Bar oder einem Café, bei dem man sich neben Tipps und Tricks zum Stricken auch untereinander über private Themen austauschen kann. Wachsender Beliebtheit erfreut sich außerdem der Trend des Strickkinos mit seinem Ursprung in Skandinavien, das mittlerweile in vielen deutschen Städten angeboten wird, so auch in Regensburg.
Craft Cinema Night: Mit Handarbeitsfans in Austausch treten
Zweimal im Monat findet seit diesem Jahr im Regina Kino in Regensburg die Craft Cinema Night statt. Bei gedimmtem Licht, Popcorn und gekühlten Getränken werden ältere Wohlfühlfilme gezeigt. Handarbeitsfans bringen ihre eigenen Projekten mit, um gemeinsam aber doch für sich daran arbeiten. Flüstern oder leises Reden ist erlaubt, was die Stimmung im Publikum auflockert. Auch danach bleiben die meisten noch einige Minuten sitzen, um sich auszutauschen, Tipps zu geben, oder weil sie ihr Projekt einfach noch nicht aus der Hand legen möchten. Die meisten Personen haben ein Strickprojekt dabei – alle Altersgruppen sind vertreten. Eine Gruppe junger Frauen Anfang-/ Mitte 20 berichtet, warum sie zum Strickkino kommen und welche Anreize ihnen Stricken bietet.
Mit ihren Projekten der Winterpullis und Stulpen nehmen sie das erste Mal am Strickkino teil. Eine der Frauen stricke bereits seit ihrer Jugend, eine andere seit knapp zwei Jahren. Aufgrund des hohen Zeitaufwands sowie der Angst »etwas, das nicht gut genug ist« zu produzieren, strickt eine der Befragten nur für sich selbst, wohingegen eine andere junge Frau der Gruppe nur Geschenke produziere.
Anschließend werden Ulla und Simone befragt, zwei etwas ältere Frauen, die ausführlich von ihrer Leidenschaft zum Stricken erzählen. Sie seien »Wiederholungstäter« beim Besuchen des Strickkinos und auch schon seit Jahren beim Stricken als Hobby geblieben. In ihrer Zeit des Studiums sei das Stricken bereits auch »mega In« gewesen, gibt Ulla an. Stricken »macht total Spaß«, zu Beginn fokussiere man sich auf Schals und Mützen, »irgendwann traut man sich dann auch richtige Kleidungsstücke zu stricken«, bestätigt Simone. Sie berichtet, dass bei ihrem Strick-Stammtisch gut 50 Prozent der Teilnehmerinnen jünger seien. Auffällig sei, dass junge Frauen sehr akkurat nach Anleitung stricken, sie selbst improvisiere viel mehr, erklärt Ulla.
Als Grund für den erneuten Aufschwung des Trends des Strickens erklärt Simone:
Frühere Anleitungen aus Zeitschriften seien »viel altbackener« gewesen, es habe »sich was getan«, das Stricken »ist viel viel moderner geworden«. Stricken wurde laut ihr »aus der Omikiste herausgeholt«, »heute gibt’s viele Strickdesignerinnen […] die das Stricken modernisiert haben«. Zusätzlich könne man jedes Problem im Internet anschauen, alle Infos seien sehr zugänglich, meinen beide Frauen.
Auf die Frage hin, was ihnen Stricken gäbe, erklärt Simone das Hobby sorge einerseits für »Leerlauf im Kopf« und entspanne sie. Andererseits entstünden durch das gemeinsame Teilen des Hobbys Freundschaften in der Strickgruppe, mit der sich die beiden Frauen in regelmäßigen Abständen treffen: »Wir ratschen, ratschen, ratschen«, erklärt Ulla. Es sei ein Ort des Austausches. Für sie ist das Stricken eine Beschäftigung zum Warten. Zuvor ärgere sie sich jedes Mal, wenn jemand auf sich warten ließ, aber durch das Stricken beim Warten finde sie zu ihrem »Om«.
Nachdem die beiden Frauen den Stricktreff noch einmal beworben haben, beschließe ich diesen ebenfalls zu besuchen.
Der Stricktreff in Regensburg – gemütliche Runde zum Runden stricken
Jeden 1. und 3. Dienstag im Monat findet im Saint Georgie‘s am Sankt Georgen-Platz in der Regensburger Altstadt der Stammtisch statt, zu dem begeisterte Strickerinnen – darunter Ulla und Simone – kommen, um sich auszutauschen und in Gemeinschaft ihrem Hobby nachzugehen. Etwa 15 bis 20 Frauen versammeln sich ab 19:30. Ich werde sofort herzlich aufgenommen – alle stellen sich vor und machen mir am Tisch Platz. Rege Unterhaltungen untereinander sorgen für eine entspannte Stimmung, bei der man sich sofort wohlfühlt. Jede kann einfach darauf lossprechen oder auch einfach nur zuhören, es herrscht kein Druck. Da dies das letzte Treffen vor Weihnachten ist, haben einige der Frauen kleine Präsente dabei – ein selbstgemachter Weihnachtsstern oder ein Ring zum Sammeln der Maschenmarkierer. Für mein Strickstück erhalte ich hilfreiche Tipps, die mir als Strickanfängerin direkt weiterhelfen. Alle die gerne Stricken oder damit anfangen möchten sind herzlich eingeladen teilzunehmen.
Festzuhalten bleibt, dass Stricken aus vielfältigen Gründen eine Bereicherung sein kann – schön ist, dass dieses Hobby erneuten Aufschwung bei der jungen Generation erfährt und sich als beliebte Freizeitbeschäftigung halten kann. Happy Knitting!
Titelbild © Lilian Mawhinney
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