Aktuell lässt sich in den sozialen Medien ein starker Trend zur Selbstisolation beobachten, verkauft als Selbstfürsorge. Wenn es mir nicht gut geht, dann sage ich ab. Wenn ich müde bin, dann bleibe ich zu Hause. Manchmal wird unter diesem Deckmantel selbst ein Geburtstag spontan abgesagt. Nach dem Motto: »Sorry, ich bin so eine Oma, ich muss um zehn im Bett liegen.«
von Celia Thor
Die Bequemlichkeit des Rückzugs
Natürlich, wir alle brauchen auch mal Zeit für uns. Das ist selbstverständlich. Mittlerweile ist Rückzug jedoch häufig die Standardreaktion, nicht die Ausnahme. Alles, was mit Nähe, Verpflichtung oder eben auch mal Unbequemlichkeit zu tun hat, wird schnell als emotionaler Overload deklariert. Aber nicht jedes Gespräch über Probleme ist direkt ein Abladen von Traumata. Oft ist es einfach menschlich und genau dafür sind Freundschaften schließlich da. Sie geben uns Halt, Austausch und Verlässlichkeit. Ein offenes Ohr, wenn es uns schlecht geht. Wir alle wollen ein soziales Netzwerk. Das ist jedoch kein Selbstläufer, es braucht Einsatz. Freundschaften können manchmal Energie kosten und manchmal muss man vielleicht auch Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Das ist eben der Preis von Gemeinschaft.
Gemeinschaft benötigt Einsatz
Manche kennen vielleicht den Satz »Everybody wants a village, but nobody wants to be a villager.« Dieser Spruch fasst die soeben geäußerte Kritik auf. Alle wünschen sich ein Dorf. Es spielt auf ein Netz an, welches auffängt, unterstützt, da ist. Aber kaum jemand möchte die Rolle übernehmen, die dieses Dorf überhaupt möglich macht. Es geht ums Zuhören, ums Dableiben. Auch wenn es ab und zu anstrengend ist. Wir wollen Nähe, aber meiden Verbindlichkeit. Wir nehmen gerne alle Vorteile einer Gemeinschaft an, wollen die Verpflichtungen aber nicht mittragen. Diese Entwicklung verstärkt sich mit dem Motto »Ich schulde niemandem etwas«.
Ein soziales Netzwerk gibt uns so viel: Freude, Energie, Sinn. Es macht schwere Zeiten leichter und gute Zeiten noch besser. Wenn wir uns aber immer selbst an erste Stelle setzen, dann bleibt davon nicht mehr viel übrig.
Titelbild © Olivia Rabe

