Mov:ement: »Der Bruder« – Ein Porträt der russischen Mentalität

Mov:ement: »Der Bruder« – Ein Porträt der russischen Mentalität

Russland in den 1990ern: Die ehemals stolze Sowjetunion ist zerfallen. Boris »Schnapsnase« Jelzin regiert die Russische Föderation. Die meisten Menschen verarmen, während sich die neue Elite der Oligarchen bildet, die hauptsächlich durch Verbrechen maßlos Geld scheffelt. Diese Kriminalität grassiert auch auf den Straßen – Russland wird zum fast schon anarchischen »Wilden Osten«. Egal welche Berichte man dazu liest, welche Dokumentationen man auch dazu schaut: Kaum ein Medium fängt den damaligen Zeitgeist so gut ein wie ein Low-Budget-Crime-Drama namens »Der Bruder«.

von Elias Schäfer

Das postsowjetische Russland hat zwei Helden. Der eine ist Viktor Zoi, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der legendären Rock-Band Kino, über die ich schon eine Lautstark-Kolumne schrieb, daneben Poet und Schauspieler; von seiner Bedeutung her ein russischer Kurt Cobain. Der andere Sergej Bodrov – Sohn des gleichnamigen Regisseurs, studierter Kunsthistoriker und Philologe, ebenfalls Schauspieler. Was beide neben ihrem Ikonenstatus in Russland und ihrer stilisierten Art des intellektuellen, einsamen, dennoch rebellischen Heroen gemeinsam haben, ist, dass beide viel zu früh starben: Zoi in einem Autounfall 1990 in Lettland mit 28, Bodrov 2002 mit 30 in einer Tragödie am Filmset in Nordossetien. In ihren viel zu kurzen Karrieren hinterließen die beiden jedoch ein Vermächtnis, das bis heute im flächenmäßig größten Land der Erde in fast jeder Ecke nachhallt. Bodrov spielte in Filmen wie »Gefangen im Kaukasus«, »Est-Ouest« oder »Krieg« mit, führte bei »Schwestern« Regie, moderierte unglaublich beliebte Fernsehprogramme wie »Blick« oder »Der letzte Held«; und doch steht er für nichts mehr als für die Rolle des Danila Bagrov in den beiden »Bruder«-Filmen.

»Брат« (»Brat«), wie der Film im Original heißt, erschien im Jahr 1997 und wurde von Alexei Balabanov mit gerade einmal 10.000 US-Dollar Budget gedreht, produziert von der von Balabanov mitgegründeten Kinokompaniya STV. Der Regisseur selbst wird als durchaus kontrovers angesehen, gilt aber auch als Ausnahmetalent, gar als enfant terrible, des russischen Kinos. Er starb 2013 mit 54 an einem Herzinfarkt, drehte und/oder produzierte ca. 20 Filme. Bei »Der Bruder« darf kein ausgeklügelter Plot oder große Kinematographie erwartet werden, wie das geringe Budget oder die kurze Zeitspanne der Dreharbeiten (ein Monat) wahrscheinlich andeutet. Nichtsdestotrotz hätten diese Gegebenheiten nicht passender sein können für mit das authentischste Bild, das vom gebeutelten Russland der 1990er und frühen 2000er filmisch gezeichnet wurde. Der erste Film spielt fast ausschließlich in St. Petersburg, der zweite, der 2000 erschien und ganz schlicht »Брат 2« (»Brat 2«, »Bruder 2«) heißt, dann schon in Moskau, New York und Chicago. Und während St. Petersburg heutzutage als beliebtes Reiseziel und kulturelle Hauptstadt Russlands gilt, sah es vor über 20 Jahren noch ein bisschen anders aus.

»Du meintest, die Stadt bedeute Stärke – aber hier sind alle schwach«

Danila Bagrov (Sergej Bodrov) spaziert mit seiner Liebschaft Sveta (Svetlana Pismichenko) durch St. Petersburg. © Kinokompaniya STV

»Der Bruder« beginnt mit einem jungen Mann namens Danila Bagrov, gespielt von Sergej Bodrov, der gerade aus dem Ersten Tschetschenienkrieg in seine Provinzstadt zurückkehrt und direkt durch einen Musikvideodreh der bekannten russischen Band Nautilus Pompilius zu ihrem Song »Krilya« (»Flügel«) stapft. Dabei verprügelt der kriegstraumatisierte Danila einen Securitymann und wird prompt verhaftet, aber schnell wieder gehengelassen, mit der Prämisse, dass er eine Arbeit finde. Selbst lädiert, kommt er bei seiner Mutter an, die ihn sofort als Nichtsnutz beschimpft und sich voller Selbstmitleid fragt, warum sie das alles verdient hätte (Personen aus russischen Familien werden das wahrscheinlich nachvollziehen können). Dabei vergleicht sie ihn mit seinem Bruder, der so viel Erfolg in St. Petersburg hätte und zu dem Danila nun jetzt reisen soll, um zumindest eine kleine Chance zu haben, etwas aus seinem Leben zu machen. Gesagt, getan: Danila reist mit einem Sony Discman, aus dem immerwährend Nautilus Pompilius Tracks spielen, bewaffnet in das ehemalige Leningrad, um seinen Bruder Viktor (Viktor Suchorukov) aufzusuchen. Dessen Leben verläuft allerdings nicht so, wie Mutti es gedacht hätte: Sein Geld verdient er als Auftragsmörder für den Gangsterboss Krugliy (»Runder«, gespielt von Sergej Mursin; hat immer ein sich reimendes Sprichwort auf Lager) unter dem Decknamen »Tatare«. 

So kommt Danila also in »Piter«, wie die Stadt in Russland kurz genannt wird, an und steht vorerst vor verschlossenen Türen bei Viktor. Also geht er einfach mal ein bisschen spazieren, übernachtet in einem Dachgeschoss, und lernt am nächsten Tag direkt einen ersten guten Freund kennen: der Russlanddeutsche Hofmann (Jurij Kusnezov). Diesen beschützt er vor einem lokalen Erpresser, den er kurzum bewusstlos schlägt. Hierbei zeigt sich auch die Natur der Hauptfigur: Ohne zu zögern agiert er aus einer Art Selbstjustiz heraus, deren Sinn und Ziel er für sich selbst nach seinem eigenen Moralkodex festlegt. Aus Dank nimmt der »Lumpenproletarier« Hofmann Danila mit zu seinen obdachlosen Kumpanen am Smolenkser Lutheranischen Friedhof, an dem hauptsächlich Deutsche begraben sind. Hofmann erzählt ihm auch, dass die Stadt eine Macht ausstrahle, die alle schlichtweg einsaugt. Kurz danach zeigt sich die Selbstjustiz des Danila abermals in einer Fahrt mit der Straßenbahn: Zwei Männer weigern sich, die Fahrt zu bezahlen. Bagrov bedroht sie mit einer Pistolen-Replika und zwingt sie schlussendlich auf demütigende Art und Weise, dem Kontrolleur doch die Fahrkosten zu erstatten. Als Danila auch noch eine der westlichen Musik und Drogen zugeneigte Raverin namens Kat (Maria Zhukova) neben einem Plattenladen kennenlernt, hat er sich in St. Petersburg schon ein kleines Netzwerk aufgebaut, bevor er überhaupt zu seinem Bruder gekommen ist.

»Wer auch immer meinen Bruder anfasst – ich bringe denjenigen um!«

Danila tröstet seinen Bruder Viktor. © Kinokompaniya STV

Zu diesem stößt Danila schließlich doch und wird direkt in den Kriminalitätsstrudel eingesogen; bald muss er sämtliche unangenehmen Arbeiten verrichten, um seinen Bruder zu beschützen, der aufgrund seiner hohen Gehaltsforderungen selbst ins Visier der Bande rund um Krugliy geraten ist. Dabei lernt er Sveta kennen, eine Straßenbahnführerin, deren Mann sie immer wieder im Rausch schlägt und die mit Bagrov eine Affäre anfängt. Irgendwo zwischen Kat, Sveta und Viktor opfert sich Danila immer wieder in allen möglichen Situationen auf, ohne jemals Fragen zu stellen, sich selbst zu bemitleiden oder auch nur irgendeine Art von Dank zu erwarten. Mit seiner stoisch-nihilistisch-selbstbewussten Persönlichkeit erledigt er alle Aufgaben, die ihm aufgetragen werden, zieht den Zorn von Krugliy auf sich, baut sich mit seiner militärischen Expertise selbst eine Schusswaffe aus rudimentärsten Mitteln (diese Szene ist kinematographisch dann doch äußerst wertvoll) und verteidigt vor allem eins: seine persönliche Moral- und Wertvorstellung inmitten eines grauen und heruntergekommenen St. Petersburg, in dem alle nur noch egoistisch zu sein scheinen. 

Der Plot mutet zwar generisch an, ist in seiner Umsetzung aber ur-russisch und einzigartig: In einer Gesellschaft, in der Loyalität, Selbstaufopferung und das Hinnehmen des eigenen Schicksals eine enorme Rolle spielen, fängt ein Danila Bagrov das Lebensgefühl zu der Zeit perfekt ein. Auf den ersten Blick einfältig, gewalttätig und stumpf patriotisch, teilweise sogar amoralisch, verfolgt er eine eigene Linie von Gerechtigkeit, die ihm nicht viele Freunde und Respekt bringt, aber die er bis zum Schluss verteidigen würde. Zusätzlich zu dem Image Sergej Bodrovs als Mädchenschwarm war so eine neue Legende des russischen Kinos geboren. Jeder Satz, der von Danila geäußert wird, ist als russlandstämmiger Mensch sehr leicht nachzuvollziehen und wiederzuerkennen. Er ist einfach nur ein junger, kaum gebildeter Mann, der von seiner Bauernschläue profitiert und von seinem Kriegseinsatz gekennzeichnet ist, dabei nicht immer die besten Entscheidungen trifft. Im Ersten Tschetschenienkrieg, der von 1994 bis 1996 andauerte und besonders grausam war, starben zwischen 5000 bis 14.000 russische Soldaten – darunter waren die meisten junge Männer, die auch wie Danila Bagrov hätten sein können. Eine Szene, die Bagrovs Ahnungslosigkeit von der »Welt da draußen« aufzeigt, spielt sich so ab, dass er auf einer Party mit Kat einen Franzosen kennenlernt, mit dem er zusammen einen Joint raucht, während »Max Don’t Have Sex With Your Ex« von E-Rotic im Hintergrund spielt:

Danila: Also eure amerikanische Musik ist echt scheiße.

Franzose: Musique? Ah, la musique est très bien, excellente. L’adore.

Danila: Was soll jetzt die Diskussion? Man sagt dir, die Musik sei scheiße, und du diskutierst.

Franzose: Musique!

Danila: Ja, was euch angeht… Bald setzt es ein dickes Ende für euer Amerika. Und dann zeigen wir euch allen Grimassen, verstanden?

Kat: Was gehst du ihn jetzt so an? Er ist eigentlich Franzose…

Danila: Was macht das für einen Unterschied?

»Seid ihr Gangster? Nein, wir sind Russen«

Danila baut sich selbst eine Schusswaffe in »Bruder 2«. © Kinokompaniya STV

Während Danila noch alles Westliche und Unbekannte im ersten Film ablehnt, findet er sich auf einmal im zweiten Teil in den von ihm so gehassten USA wieder. Der Weg dorthin ist ein langer. Diesem Film merkt man den Erfolg des ersten Teils deutlich an: Mit einem Budget von 1,5 Mio. Dollar ist er eine deutlich hochwertigere Produktion und darf sich viel mehr Handlungsspielraum erlauben. Danila und drei seiner Armeekameraden werden zu einer Talkshow in Moskau eingeladen, um dort als Helden des Tschetschenienkriegs gefeiert zu werden. Konstantin (Aleksandr Dyachenko) erwähnt bei dem obligatorischen Saunabesuch danach, dass sein Zwillingsbruder Dmitrij, der ein berühmter Eishockeyspieler in der NHL ist, in einem ganz schönen Schlamassel steckt: Er schuldet der ukrainischen Mafia eine ordentliche Summe Geld und der Businessman Richard Mennis (Gary Houston), der ihn eigentlich vor eben der Mafia beschützen sollte, steckt Dmitrijs ganzes Gehalt ein. Es kommt, wie es kommen muss: Danila fängt eine Liebschaft mit der äußerst bekannten russischen Pop-Sängerin Irina Saltykova, die im Film als sie selbst erscheint, an, weil sie von ihm fasziniert ist, da er sie nicht kennt. Danila hört immer noch ausschließlich Perestroika-Rock. Nachdem sich Bagrov allerdings austobt, gehen die Probleme erst richtig los. In einer Verkettung unglücklicher Umstände wird Konstantin von Schergen des Bankbesitzers Valentin Belkin (Sergej Makovezkiy), einem Businesspartner von Mennis, umgebracht und Danila entscheidet sich kurzum dafür, seinen Kumpel zu rächen, indem er zusammen mit Bruder Viktor in die USA reist, um Mennis zu zwingen, Dmitrij all sein verdientes Geld zurückzugeben. 

Und diese Reise gestaltet sich anfangs als durchaus spaßig: Danila ist quasi Tourist in New York, kommt dort im russischen Viertel Brighton Beach an, fühlt sich aber dennoch unwohl, da er ein herzensguter russischer Jung ist und nichts mit der verkommenen amerikanischen Gesellschaft anfangen kann. Hier macht sich wieder das höhere Budget und der Erfolg des ersten Teils bemerkbar, da die gesamte Szenerie nicht nur viel polierter aussieht, sondern Balabanov auch viel mehr Witz in die Story bringt. Während der erste Teil hauptsächlich sehr melancholisch und düster ist, ist der zweite ein unterhaltsamer, kurzweiliger Gangster-Road-Movie. Das macht sich in verschiedenen Szenen bemerkbar, z.B. wurde die Situation zwischen Danila und Viktor stark auf komödiantische Weise umgekehrt: Danila ist gefeierter Kriegsheld, Viktor wohnt wieder bei Mutti, säuft und ist ein gelangweilter Polizist. Trotzdem fährt er zu seinem kleinen Bruder nach Moskau und hilft ihm mit seinen Trip in die USA. Aus Sicherheitsgründen kommt er zuerst in Chicago an und zelebriert direkt den amerikanischen Lebensstil mit allem Drum und Dran. Hieraus wurde übrigens auch der Plot zum Spiel »Grand Theft Auto 4« entliehen, wo Niko aus Serbien nach »New York« anreist, um zu seinem »erfolgreichen« Cousin zu gelangen, während dieser eigentlich nur ein ziemlicher Lappen ist und nichts erreicht hat. In den USA lernt Frauenschwarm Danila natürlich ebenfalls eine News-Reporterin namens Lisa Jeffrey kennen, findet allerdings dann doch eine russische Prostituierte namens Dascha (Darya Lesnikova) interessanter, die auf den Straßen New Yorks unter dem Decknamen Marilyn arbeitet. Deren Mentalitäten sind auch viel ähnlicher, was sich in einer ziemlich witzigen Szene bemerkbar macht, in der Lisa Dascha und Danila dabei beobachtet, wie sie Waffen zusammenpacken, und fragt, ob sie Gangster seien. Daraufhin kommt die Antwort: »Wir sind keine Gangster, wir sind Russen.«

»Sag mir, Amerikaner: Worin liegt die Macht?«

Danila lernt Dascha erstmals kennen. © Kinokompaniya STV

Was sich hierbei abzeichnet, ist nicht einmal ein wertendes Porträt der russischen Überlegenheit gegenüber der US-amerikanischen Kultur – sondern schlichtweg eine sehr authentische Darstellung der Lebensrealitäten und Gefühlswelten zweier Pole, die zur Zeit der Dreharbeiten noch vor einigen Jahren auf Augenhöhe standen. Sowohl in Russland als auch in den USA gibt es gute und schlechte Menschen, Elend und Reichtum, eine multikulturelle Gesellschaft, die nicht von allen wohlwollend akzeptiert wird. Kulturelle Missverständnisse führen immer wieder zu äußerst komischen Momenten. Danila und Viktor äußern sich abwertend gegenüber Amerikanern, da sie es nicht anders gewohnt sind. Nichtsdestotrotz läuft auch dieser Film zu einem Schaulaufen der Moralität des Danila Bagrov auf: Immer noch löst er Konflikte mit Gewalt, da er das am besten kann. Und doch wertet er weder nach Aussehen noch nach Status, sondern nur anhand dessen, wie die jeweils andere Person ihm begegnet. Er ist ein Charakter, der schon eine Vielzahl an Leid gesehen und Menschen umgebracht hat, der aber nicht seine jugendliche Naivität und seine Gutherzigkeit verliert (demonstriert an mehreren Szenen, in denen er ein niedliches Gedicht von Vladimir Orlov rezitiert). Seine Ehrlichkeit könnte ihn zwar manchmal um Kopf und Kragen bringen, doch er weigert sich, so falsch zu werden, wie die meisten um ihn herum. Das legendärste Zitat aus diesem Film ist ein Monolog Danilas gegenüber Richard Mennis, in dem er schlussendlich seine ganze Wertvorstellung noch einmal komprimiert darlegt, nachdem er Mennis‘ Kumpanen erschießt und ein volles Glas Vodka ext:

Sag mir, Amerikaner. Worin liegt die Macht? Etwa im Geld? Mein Bruder sagt auch, dass sie im Geld liegt. Du hast viel Geld, und jetzt? Also ich glaube, dass die Macht in der Wahrheit liegt: Derjenige, der die Wahrheit an seiner Seite hat, der ist auch stärker. Du hast irgendjemanden betrogen, Geld abgeknöpft, und? Bist du dadurch stärker geworden? Nein, bist du nicht, weil du keine Wahrheit hinter dir hast. Und der, den du betrogen hast, der hat die Wahrheit hinter sich. Das heißt, dass er stärker ist.

Trotz der kinematographischen sowie ideologischen Mängel, die beide Filme haben, gehören sie zu meinen absoluten Lieblingen, wenn sie nicht sogar die Spitze meines persönlichen Filmolymps darstellen. Insgesamt muss jedoch gesagt werden, dass »Der Bruder« von 1997 ein interessanterer Film ist als der zweite Teil. Ein Kind seiner Zeit und seiner Einschränkungen, könnte so etwas nie wieder auch nur ansatzweise reproduziert werden. Balabanov und Bodrov haben es mit wenigen Mitteln geschafft, mit Danila Bagrov eine unglaubliche Identifikationsfigur zu schaffen, hinter die sich ein ganzes Land stellen kann – und das nicht mit einem ausgeklügelten Plot oder extrem viel Vielschichtigkeit, sondern mit reiner Authentizität und schonungsloser Ehrlichkeit. Weniger Film als eine Studie der russischen Denkweise, die ohne künstlich zu ästhetisieren die Ästhetik dieser Periode der russischen Geschichte perfekt wiedergibt. Klar sind die beiden »Bruder«-Teile immer noch Fiktion und im Herzen überzogene Crime-Dramas, doch im Rahmen eben jener Fiktion ist es kaum jemandem besser gelungen, die orientierungslose Seele einer Nation im Ruin einzufangen und auf die Leinwand zu bringen. »Der Bruder« verschafft mich in eine Zeit, die meine Eltern noch hautnah miterlebt haben und deren Auswirkungen in vielen Orten Russlands bis heute deutlich zu spüren sind. Eine Zeit, die wehmütig nostalgisch stimmt, aber bei der im Endeffekt alle froh sind, dass sie vorbei ist. Sergej Bodrovs tragischer früher Tod fügt den Filmen eine noch melancholischere Note hinzu, da die vielen unangenehmen, gewaltvollen Szenen und das triste, graue und schlammige St. Petersburg anscheinend noch nicht genug waren. 

Alle, die verstehen wollen, warum Russland so aussieht wie es aussieht und warum die Leute so ticken wie sie ticken, was die Mentalität der »einfachen Leute« ausmacht, wie es dort in den 1990ern zuging und auch noch nebenbei wertvolle Neo-Noirs sehen wollen: Beide Teile des »Bruders« sowie weitere Filme Balabanovs streamen gerade auf mubi mit englischen Untertiteln.

Der Trailer zu »Der Bruder«:

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