Mov:ement: »Shaft« – Can you dig it?

Mov:ement: »Shaft« – Can you dig it?

47 Jahre bevor mit »Black Panther« der wohl bis dato erfolgreichste Film mit einer Schwarzen Person in der Hauptrolle die Leinwände erreichte, wurden durch »Shaft« mehrere Generationen geprägt. Der namensgebende Privatdetektiv gilt als erster richtiger Schwarze Super- bzw. Antiheld und erfuhr sogar noch 2019 ein Reboot. Die ungebrochene Popularität hat er nicht nur seiner unglaublichen Coolness, sondern auch dem smoothen Soundtrack von Isaac Hayes sowie dem damaligen Zustand der US-Gesellschaft zu verdanken.

von Elias Schäfer

Passend zum rein symbolischen, leicht heuchlerischen Black History Month möchte ich Euch in der heutigen Mov:ement-Kolumne Schwarze Popkultur abseits der liberalsten und friedfertigsten Sprüche Martin Luther Kings vorstellen: Der Privatdetektiv John Shaft aus Harlem, dessen Reise 1970 in Ernest Tidymans Drehbuch/Roman »Shaft und das Drogenkartell« beginnt und sich 2019 in mittlerweile drei Shaft-Generationen ausbreitet, ist eine der härtesten, coolsten und stärksten Figuren der Black Cinema Geschichte. Klar, als Bestandteil und Vorzeigetitel des Blaxploitation-Genres (worüber ich schon mal in meiner sicher bald wiederbelebten Mitternachtskino-Rubrik geschrieben habe) steht hier weniger die eigentliche Filmqualität im Vordergrund als die Stilisierung der Charaktere und klassisches Aufs-Maul-Kino. Es geht um Drogen, böse Jungs, schöne Frauen, Schießereien und Selbstjustiz, verpackt in eine gritty 70er-Jahre Ästhetik mit Ledermänteln, pornöser Soul-/Funk-Musik und Afros. Am damaligen Höhepunkt der Black Power Bewegung hätte es kaum ein besseres Filmkonzept geben können, um die Kinogänger*innen nicht nur im Selbstbewusstsein zu bestärken, sondern ihnen auch eine willkommene Ablenkung vom oftmals eher nicht so rosigen Alltag zu liefern.

»Shaft« (1971), »Shaft’s Big Score« (1972) und »Shaft in Africa« (1973)

 
John Shaft knallt böse Buben ab. © Metro-Goldwyn-Mayer

»Hotter than Bond, cooler than Bullitt.« –  So beschreibt der Klappentext des ersten »Shaft«-Romans den Titel-Antihelden. Ein ziemlich gewagtes Statement, so ist James Bond eine der bekanntesten und beliebtesten Popkultur-Figuren aller Zeiten und Frank Bullitt – gespielt von Steve McQueen – ein zur damaligen Zeit ebenfalls sehr populärer Actionheld; beide sind natürlich Weiß. Mit einem neuen Schwarzen Selbstbewusstsein stellt sich dieser abgebrühte Privatdetektiv Shaft also direkt bei seiner Ankunft über die Staples des Weißen Hollywoods und erreicht bei einem Budget von einer halben bis einer Million Dollar gleich das zwölf bis 24-fache Einspielergebnis. Doch was genau ist insgesamt so besonders daran? Erstmal eine kleine Inhaltszusammenfassung:

Ein paar Gangster haben es auf John Shaft (gespielt von Richard Roundtree) abgesehen. Ohne sich auf die Hilfe der New Yorker Polizei zu verlassen, versucht Shaft dem Lieutenant Vic Androzzi, so gut es geht, aus dem Weg zu gehen und die Kriminellen selbst auszuschalten. Dabei stellt sich heraus, dass Bumpy Jonas – der Anführer einer in Harlem basierten Verbrecherorganisation – Shafts Hilfe braucht, um seine gekidnappte Tochter Marcy zurückzuholen. Währenddessen eskaliert die Streitsituation zwischen Bumpys Gang und den Mafiosi aus Downtown, was auf die Öffentlichkeit eher wie ein Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen Menschen wirkt; auf den Straßen New Yorks wird es also unruhig. Shaft sucht den Anführer einer militanten Bürgerrechtsgruppe namens Ben Buford auf, und zusammen machen sie sich auf, dieses ganze Schlamassel zu klären. Dazwischen spielt Shaft nicht nur ab und an den Frauenhelden, sondern klatscht so einige Feinde mit seinen Schusswaffen- und Martial-Arts-Skills weg, bis er in einer fast schon militärartigen Operation Marcy retten will. An sich ist der Plot keinesfalls revolutionär – doch dass in dieser Zeit ein badass Schwarzer Kerl nicht nur mit roher Gewalt, sondern mit Köpfchen, Witz und Durchsetzungskraft, es schafft, innerhalb des Films alles um sich herum zu dominieren, war damals eine Seltenheit. Der Film stellt aber auch die Hypersexualität und den Sexismus der Figur zur Schau – beides Charakterzüge, die leider ebenso in der äußerst maskulinen Art der Black Power Bewegung prävalent waren. Das hört man* alleine am Anfang des musikalisch phänomenalen und mit einem Academy Award ausgezeichtenen »Theme from Shaft«:

Who's the black private dick that's a sex machine to all the chicks?
(Shaft)
Ya damn right

Außerdem ist der Name »Shaft« selbst, nun ja, eine ziemlich offensichtliche Phallus-Referenz.

Die beiden darauffolgenden Filme, »Shaft’s Big Score« und »Shaft in Africa«, gleichen eher einem Cashgrab als wirklichen Versuchen, den Erfolg des ersten Films auszubauen und Shaft als Schwarze Pop-Ikone weiterhin zu manifestieren. Obwohl die beiden Filme durchaus ihre Erfolge feierten und auch positiv rezipiert wurden, spielen sie in der gemeinheitlichen Erinnerung an Shafts Heldentaten hauptsächlich die zweite Geige. In »Shaft’s Big Score« geht es abermals um Mafia, Schulden, Schießereien, und darum, wie Shaft aus jeder auch noch so ausweglos scheinenden Lage herausfinden kann. Produktionstechnisch wurde das ganze Image rund um den Privatdetektiven zusätzlich ganz schön aufpoliert. Mit »Shaft in Africa« landete Regisseur John Guillermin, der die Filmreihe vom Concepteur Gordon Parks übernommen hatte, allerdings auf seinem Hintern. Das Budget wurde nochmal hochgeschraubt, um aus »Shaft« eine so mainstreamtauglich wie mögliche Produktion zu machen, doch der Plot rund um einen modernen Versklavungsring, der Menschen aus Afrika kidnappt, um sie nach Frankreich zu schippern, traf nicht so ganz den Nerv der Zuschauenden. Nach diesem Film wurde das »Shaft«-Konzept ans Fernsehen verkauft, nur um nach sieben Folgen wieder abgesetzt zu werden, und es dauerte bis ins Jahr 2000, bis ein neues Abenteuer mit einem neuen Shaft auf die Leinwände kam.

»Shaft« (2000) und »Shaft« (2019)

Samuel L. Jackson ist jetzt John Shaft II. © Paramount Pictures

Nachdem fast 30 Jahre lang Funkstille herrschte und »Shaft« wohl dazu verdammt war, für immer ein Relikt der 70er zu bleiben (und es war klarerweise ein Produkt seiner Zeit, das dennoch über Jahrzehnte Millionen von Menschen begeisterte), kam im Jahre 2000 ein von John Singleton (eine leider mittlerweile verstorbene Ikone des New Black Cinema) gefilmtes, gleichnamiges Reboot in die Kinosäle. Und wer könnte einen Nachkommen des originalen John Shafts besser spielen, als der bad motherfuckigste unter allen Bad Motherfuckern, Samuel L. Jackson? Dieser nahm die Rolle des zuerst Neffen, später Sohns, namens John Shaft II an und blieb natürlich in derselben Branche wie sein berühmter Onkel/Vater. Anfangs ist er noch als offizieller Polizeiermittler unterwegs, doch nachdem er merkt, dass er dem US-amerikanischen Justizsystem nicht vertrauen kann, kündigt er und übt klassische Selbstjustiz aus. Auch wenn der Plot etwas dünn ist, macht der Film großen Spaß und ist insbesondere stilistisch eine Augenweide. Vor allem ist es dabei interessant zu sehen, wie sich so ein Antiheld im politisch korrekteren Ambiente der 2000er schlägt; eine Gegenüberstellung, die sich im 2019er Sequel nochmal weiter zuspitzt. Mit einem Budget von fast 50 Millionen Dollar ist dieser Streifen auch einfach kein Vergleich zu der Low-Budget-Trilogie der 1970er Jahre.

19 Jahre später, also in einer Zeit, in der so ziemlich alles, was jemals irgendwie veröffentlicht wurde und eine Fanbase besitzt, Remakes, Prequels, Reboots oder Sequels bekommt, veröffentlicht Netflix die bisher jüngste Verfilmung aus der »Shaft«-Reihe, nämlich »Shaft«. Klingt nicht so kreativ, da nun schon zum dritten Mal derselbe Titel gewählt wurde, doch muss man* Shaft überhaupt mit mehreren Worten beschreiben können? Dieser Name hat so eine hohe Popularität erreicht, dass er für sich alleine stehen kann. Apropos Popularität: »Shaft« (2019) konnte diesbezüglich keine so großen Lorbeeren einheimsen. Dieses moderne Action-Comedy-Drama mit Jessie Usher als John Shaft Jr., dem Sohn John Shafts II und dem Enkel des originalen John Shafts, wurde gar nicht mal so gut aufgenommen. Die von Samuel L. Jackson gespielte zweite Reinkarnation des populären Antihelden, der Batman und James Bond in einem war, wirkt hier wie ein regelrechter Boomer, der die aktuellen Entwicklungen in der Welt weder verstehen noch nachvollziehen kann und deswegen von seinem Sohn, der ihm immer wieder sagt, dass man* sich nicht mehr so ausdrücken kann wie früher, anfangs eher bedingt gemocht wird. John Shaft Jr., JJ genannt, hat einen Job beim FBI als Datenanalyst und so ziemlich nichts von der Hypermaskulinität seiner Vorfahren geerbt; so ist er natürlich ausschließlich mit seiner Mutter aufgewachsen, nachdem diese JJ nicht mehr den Gefahren aussetzen konnte, die John Shafts II Beruf so mit sich bringt. Wie es der Zufall aber so will, wird JJ auch in die Welt der Kriminalität eingesogen und muss sich bald Hilfe bei seinem Vater holen, der alles immer noch so regelt, als würde der Kalender den Beginn des Millenniums anzeigen – und schließlich seinem milchbubigen Sohn natürlich beibringt, was es heißt, ein »richtiger Mann« zu sein.

Drei Shaft-Generationen (2019). © Warner Bros. / Netflix

Trotz der ganzen Kritik und der nicht wirklichen Ideenfülle des letzten Films muss ich gestehen, dass ich ihn mochte. Es fühlte sich einfach wohlig an, dieser Vater-Sohn (und später Großvater-Vater-Sohn) Dynamik zu folgen und über die flachen Witzchen zu schmunzeln; die Action war auch echt nicht schlecht. Und Richard Roundtree ist selbst mit weißem Rauschebart immer noch verdammt cool. Dementsprechend kann ich die meisten negativen Kritiken zwar verstehen, aber nichtsdestotrotz ist auch der neue »Shaft« ein eskapistischer Feel-Good-Film, der nach nicht allzu strengen kinematographischen Maßstäben bewertet werden sollte. Den Originalfilm wird man* sowieso nicht wirklich übertrumpfen können, da dessen Machart nur schwer in die derzeitige Kinolandschaft passen würde.

Insgesamt ist die »Shaft«-Reihe quasi das Epitom des Blaxploitation-Genres, an dem sich alle darauffolgenden Filme mit dieser Thematik messen mussten, und das zurecht. Ein Film wie »Shaft« war in den 70ern unbedingt nötig und so lebt bis heute das Franchise, wenn man* es so nennen kann, von diesem einen Low-Budget-Film Anfang der 70er. Die Bedeutung des Films wird heutzutage durch seine Aufnahme in das National Film Registry unterstrichen. Und auch wenn es an den ganzen Blaxploitation Filmen so einiges zu bemängeln gibt, von der Machart über die Dünne der Plots bis hin zu Misogynie oder der namensbezeichnenden exploitativen Darstellung Schwarzer Lebensrealitäten, so war es für Schwarze durch solche Filme wie »Shaft« überhaupt erst möglich, einen Fuß in die vormals hauptsächlich Weiße Filmlandschaft zu bekommen und 200 Millionen Dollar schwere Produktionen wie »Black Panther« Realität werden zu lassen.

Übrigens: Derzeit kommen so einige hochqualitative Filme heraus, die sich mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er und 70er befassen; so könnt Ihr »The Trial of The Chicago 7« auf Netflix, »One Night in Miami« auf Amazon Prime und »Judas and The Black Messiah« hoffentlich bald offiziell abseits von HBO Max sehen.

Beitragsbild: © MGM

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