Mov:ement: Ab ins Kino – Die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg (21. Mai – 06. Juni 21)

Mov:ement: Ab ins Kino – Die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg (21. Mai – 06. Juni 21)

Brisante Themen und Geschichten künstlerisch knapp verpackt: manchmal nur in 5 Minuten, manchmal in 20. Wie ein wilder Ritt in einer Achterbahn lassen Kurzfilme einen* außer Atem im (Kino-)Sessel zurück.

von Sonja Hämmerle

Der Kurzfilm – ein Film, der seine cineastische Welt mit geballter Ladung aus dem breiten Feld vielfältigster stilistischer Mittel in »kurzer Zeit« an die Zuschauer*innen bringt. Oft werden Twists und Botschaften beim erneuten Ansehen oder auch erst einige Tage später beim abendlichen Einschlafgedanken klar; etwas, was mich sehr fasziniert und mich meine Liebe zum Kurzfilm hat finden lassen. Die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg hatte da zu einem großen Teil ihre Finger im Spiel. Zeit ist etwas, was die Gesellschaft in der Pandemie durchaus genug hat(te). Die Motivation, sich aufzuraffen und Routinen zu bilden und nachzugehen fiel mir, wie vielen anderen sicherlich auch, nicht leicht. Vor allem im grauen Winter hat mir die wunderbare Welt der Filme mehr denn je durch die Stunden des düsteren Regensburger Nebels geholfen. Die Vorfreude aufs Frühjahr war dementsprechend groß, nicht nur zum wiederkehrenden Tageslicht, sondern vor allem weil die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg zu diesem Zeitpunkt jährlich den Frühling einleitet. Pandemiebedingt und in der Hoffnung vielleicht doch in Präsenz stattfinden zu dürfen, wurde sie dieses Jahr auf den Mai verschoben.

Wer die Internationale Kurzfilmwoche noch nicht kennt, sollte dies schleunigst nachholen. Denn diese gibt es bereits seit 1994, die damals zunächst als (sehr erfolgreiches) Experiment vom Arbeitskreis Film Regensburg e.V. gegründet wurde und seitdem neben vielen anderen wunderbaren und diversen Kulturveranstaltungen aus Regensburg nicht mehr wegzudenken ist. Das Festivalprogramm, welches von einem engagierten und ausgezeichneten Team unter der Leitung von Insa Wiese und Gabriel Fieger zusammengestellt wird, besteht aus vier Wettbewerben (Internationaler Wettbewerb, Deutscher Wettbewerb, Bayernfenster und Regionalfenster), sowie einem vielfältigen Sonder- und Rahmenprogramm. Dazu gehören beispielsweise das Kinderfilmprogramm, Unter die Lupe genommen!, Fußball, Musik, Trash’n Fun, Donaublut, Midnightmovies, CMV Mascha Film und CMV Lukas Baier. Hier wird jedes (Kurz-)Filmherz fündig! Neben den Filmen und den dazugehörigen Veranstaltungen (wo die berühmte Zündfunkparty natürlich auch nicht fehlen darf) gibt es zudem noch viele thematisch passende, spannende Vorträge.

Auch die Internationale Kurzfilmwoche Regensburg hat sich absolut nicht von der Pandemie unterkriegen lassen und wartete dieses Jahr mit einem liebevoll kuratierten Filmprogramm auf, welches online bequem vom Sofa aus vom 21. Mai bis zum 06. Juni einsehbar ist (Tickets unter: https://www.kurzfilmwoche.de/eintrittskarten-2/). Letztes Jahr musste das Festival noch unter steigenden Inzidenzen schweren Herzens abgebrochen und online fortgeführt werden, doch zu aller Glück kam dieses Jahr kurz nach Anfang die wunderbare Nachricht, dass Präsenzveranstaltungen (natürlich unter sorgfältigen Corona-Auflagen) möglich sind. Somit schließt sich der Kreis. Vergangenes Wochenende wurde also neben dem immer noch online einsehbarem Programm im Mehrzwecksaal im Leeren Beutel ein Pop-Up Kino aufgebaut, in dem nun ausgewählte Veranstaltungen besucht werden können.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Kino – im Kinosessel, nach monatelangem Entzug und dann auch noch die Kurzfilmwoche. Schöner konnte es nicht kommen!

Jetzt fehlen nur noch Filmempfehlungen, würde ich sagen. Bei all den preisgekrönten wie vielfältigen Filmen (von denen u.a. zwei Beiträge aus dem Internationalen Wettbewerb der Kurzfilmwoche Oscar-nominiert waren: »Genius Loci« und »The Present«) fällt die Auswahl gar nicht so leicht. Das Schöne an Filmfestivals sind natürlich nicht nur die Filme, sondern auch der Austausch mit Filmschaffenden, Festivalmitarbeiter*innen und Zuschauer*innen. Ein bunter Mix, der da zusammenkommt. Dadurch bin ich schon oft in Filme gegangen, denen ich sonst nie eine Chance gegeben hätte (oder gar nicht erst darauf aufmerksam geworden wäre) und wurde fast immer von einem grandiosem Filmerlebnis belohnt. Das eindrucksvolle Online-Angebot bietet zudem die Möglichkeit, unabhängig von festgesetzten Zeiten und Termindruck, noch viel mehr Filme anzusehen. Schaut auch unbedingt auf der Facebook– (und Instagram-) Seite der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg vorbei. Dort findet ihr viele Filmtipps und Gespräche sowie Interviews und weitere spannende Informationen zum Kurzfilmfest.

Ich selbst hatte dieses Jahr die Ehre, einen Platz in der Jury der Jungen (Menschen) 2021 der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg einnehmen zu dürfen und mit einem kleinen Team bestehend aus Carolin Wittmann, Daniel Adler, Jannik Wiese und Matin Ramenzi den Preis der Stadt Regensburg zu verleihen. Zusammen haben wir über mehrere Wochen Kurzfilme gesichtet und im intensiven Gespräch miteinander bewertet. Da die Inzidenzen zu diesem Zeitpunkt leider noch zu hoch waren, um dies gemeinsam en Persona vorzunehmen, lief alles natürlich online ab. Dies hat aber unserer gemeinsamen Freude und der Spannung nichts abgetan. Bei fünf unterschiedlichen cinephilen Menschen mit diversen Vorlieben und Filmerfahrungen bestand einiges an Diskussionsmaterial. Aus unseren Gesprächen habe ich nicht nur filmisch, sondern auch persönlich Vieles mitgenommen. Die gemeinsamen wöchentlichen Treffen fehlen mir jetzt schon! Die Wahl unseres erstplatzierten Films und somit dem Gewinner des Preisgeldes und dem Zweitplatzierten, der Honorable Mention, fiel uns bei so vielen eindrucksvollen und vielfältigen Filmen definitiv nicht leicht und hat uns einiges an (freudigem) Kopfzerbrechen beschert.

Hoch im Kurs stand bei uns etwa »God’s Daughter Dances« von Sungin Byun (Südkorea 2020); ein Film über eine Transgender-Tänzerin, die einen Aufruf zur Teilnahme an der Wehrdienstprüfung von der Military Manpower Administration bekommt. Der Film wartet neben eindrucksvollem Schauspiel über ein hochsensibles und unfassbar wichtiges Thema mit einem tollen Soundtrack und bunten Bildern auf. Ein ebenso brisantes Thema mit wichtiger Botschaft zeigt der Kurzfilm »Un Jour bien ordinare« (»An Ordinary Day«) von Ovidie Ovidie/Corentin Coëplet (Frankreich 2019), der mit einem humorvollen Twist die Pornofilmindustrie und das Patriachat kritisiert. Geschockt und tief getroffen ließ uns »Maalbeek« von Ismael Joffroy Chandoutis (Frankreich 2020) zurück; ein dokumentarischer Kurzfilm über eine Überlebende des Attentats in der Metro Station von Maalbeek/Belgien am 22. März 2016. Die stilistische Gestaltung hat mich persönlich sehr beeindruckt und emotional in einen Sog gezogen, Sabines Leiden und ihre (vergeblichen) Versuche ihr Gedächtnis über das Schrecken wiederzuerlangen. An die Endszene, eine Videoaufnahme aus der Metro kurz vor dem Attentat, werde ich mich noch lange erinnern.

Mit viel Fingerspitzengefühl und einer eher sanften Filmmelodie widmet sich der animierte Kurzfilm »Genius Loci« von Adrien Mérigeau (Frankreich 2019) ohne zu werten der psychischen Erkrankung Depression. Egal ob selbst betroffen oder nur durch das Umfeld mit in Berührung gekommen, der Film nimmt einen* zusammen vorsichtig mit der Protagonistin an die Hand. Er führt durch die Abgründe und Verzweiflung, ja auch den Wahnsinn, den die Erkrankung hervorrufen kann, mithilfe verschlungener Farben und versteckter Symboliken, die man* beim ersten Betrachten vielleicht noch gar nicht so wahrnimmt. Meine Empfehlung ist, ihn sich nach einiger Zeit unbedingt nochmals anzusehen. In »The Present« von Farah Nabulsi (Palästina/Katar 2019) verfolgen wir Yusef, der zusammen mit seiner kleinen Tochter aufbricht, um ein Hochzeitsgeschenk für seine Frau zu kaufen. Dabei müssen sie an Straßensperren, Kontrollen und Soldaten vorbei. Der Film zeigt die unnötige Komplexität simpler Dinge auf, wundervoll und einfühlsam gespielt. Sehr unterhaltsam und kurzweilig (aber mit ernstem Hintergrund), mit einem überraschenden Twist am Ende, der für Diskussion in unserer Jury gesorgt hat, ist der Film »Sticker« von Georgi M. Unkovski (Nordmazedonien 2020). Eigentlich möchte Dejan nur zur Schule seiner kleinen Tochter gelangen, in der sie einen Auftritt hat. Hierbei werden ihm so einige große und kleine Steine in den Weg gelegt und bei jeder Hürde leidet und hofft man als Zuschauer*in immer mehr mit.

Ein sehr amüsanter und ebenso kurzweiliger Film ist »The Dirt Devil« von Rolf Hellat (Schweiz 2020). Wer in einer WG lebt oder in einer großen Familie, dem*der Person wird diese Situation wahrscheinlich ziemlich bekannt vorkommen. Wer putzt? Und wer drückt sich davor? Und was genau hat ein Staubsauger damit zu tun? Ich selbst, muss ich gestehen, war am Anfang des Films etwas irritiert und wurde dann doch mit einem großen Schmunzeln abgeholt.

Für »mutige« Cineast*innen hätte ich noch ein paar Filmvorschläge der etwas anderen Art: »Metamorphosis« von Juan Fran Jacinto/Carla Pereira (Frankreich/Spanien 2019), mit einer – nennen wir es – abstoßenden Optik und einem Ende … das, nunja, dem*der ein oder anderen noch länger nachhängen wird und sicherlich für Gesprächsstoff sorgt. Ähnlich wäre dazu »Monachopsis«, die Wortbedeutung »das Gefühl der Ausgeschlossenheit, sich fehl am Platz vorkommen«, ist hier themengebend. Lohnt sich allein schon wegen der tollen, verwaschenen Optik. »Important Police Shit« – auch hier ist der Titel Geschichte und verrät schon ein bisschen in welche Richtung es geht. Vielleicht nicht so schwierig, aber umso interessanter, da der Film vor der Pandemie gedreht worden ist und eine Storyline mit einem vermutlich tödlichen Virus hat, ist »Escaping The Fragile Planet« von Thanasis Tsimpinis (Griechenland 2020)

Ich könnte hier jetzt noch viele weitere spannende Kurzfilme erwähnen, die ich im Laufe des Sichtens oder im Rahmen der Kurzfilmwoche bisher gesehen habe. Das übersteigt dann doch ein wenig den Kolumnenbeitrag. Um zum Schluss zu kommen, werde ich aber noch natürlich noch unseren Gewinnerfilm und die Honorable Mention vorstellen. Gewonnen hat für uns »Shakwa von Farah Shaer«, um aus unserer Laudatio zu zitieren: »[…] Das Thema dieses Films braucht die Emotionalität eines Kurzfilms um zu den Menschen durchdringen zu können. Die Immersion des Kurzfilms im Allgemeinen und dieses Films im Speziellen führt dazu, dass uns der Film diese wichtige Thematik näher bringt, als es Zeitungsartikel oder Statistiken diesbezüglich erreichen können. Im Film werden uns außerdem die Probleme und Missstände unserer Zeit aufgezeigt sowie deren systemische Ausprägung in einer uns entfernteren Gesellschaft kritisiert.« Die wahnsinnig gute und beeindruckende schauspielerische Leistung und geschickte Umsetzung werden einem als Zuschauer*in noch lange im Gedächtnis bleiben und ich, beziehungsweise wir als Jury, können diesen Film wirklich jedem*r nahelegen.

Unsere Honorable Mention ist »I’m here« von Julia Orlik geworden. Um es wieder in unseren Worten der Jury zu sagen: »Gerade in von Distanz und Entfernung geprägten Zeiten der weltweiten Pandemie zeigt uns dieser Film in seiner berührenden, gekonnt minimalistischen Darstellung und der surrealen Realitätsnähe die Wichtigkeit der zwischenmenschlichen Nähe und hat deswegen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Überzeugt euch selbst!«

Abschließend möchte ich nochmals herzlich darauf hinweisen, dass ab Freitag, den 04. Juni (bis einschließlich 06. Juni), wieder Kinokino im Leeren Beutel von 14 Uhr bis 22 Uhr stattfindet. Lasst euch die Chance, ein bisschen Kinoluft zu schnuppern, keinesfalls entgehen! Das Tolle an Kurzfilmen ist ja, dass man* nicht ewig in einem Film sitzt (und dadurch sogar mehrere gucken kann) und wer weiß, am Ende werdet ihr dank der Internationalen Kurzfilmwoche so große Kurzfilm-Fans wie ich.

(Keine Reservierung, nur Abendkasse, Akkreditierte & Dauerkarten-Besitzer*innen haben freien Eintritt solange der Vorrat reicht. Nähere Informationen findet ihr auf der Homepage (https://www.kurzfilmwoche.de/)).

Titelbild: © mdkw

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