Lautstark: Godspeed You! Black Emperor – Wie schön doch die Apokalypse klingt

Lautstark: Godspeed You! Black Emperor – Wie schön doch die Apokalypse klingt

Wenn die Sonne der Erde den Rücken zukehrt und sie in ewige Finsternis kleidet, wenn Gebäude lärmend einstürzen und Menschen unter sich begraben und wenn die einst stolzen Flaggen der Länder tot von ihren Masten hängen – ja, dann befinden wir uns in der apokalyptischen Welt von Godspeed You! Black Emperor.

von Celina Ford

Das Kollektiv Godspeed You! Black Emperor hat etwas fast mystisches, wenn nicht sogar jenseitiges an sich. Das liegt nicht nur daran, dass die Band abseits von Konzerten nicht aus ihrem Schattendasein in Erscheinung treten will, sondern auch, weil GY!BEs Musik in ihrem eigenen, kleinen Kosmos der stillen Verzweiflung angesichts einer immer tristeren Welt existiert.

Am Anfang war ein Akkord

Flashback zum Jahr 1994. In Montreal, Kanada, gründen Efrim Menuck, Mauro Pezzente und Mike Moya die Band GY!BE und beziehen sich mit dem Namen auf den japanischen Dokumentarfilm »Goddo supīdo yū! Black Emperor« (1976) des Regisseurs Mitsuo Yanagimachi, der die Geschichte der Black Emperors-Bikergang erzählt. Die frisch gegründete Band sollte als Support für die kanadische Gruppe Steak 72auftreten, beschloss jedoch aufgrund mangelnder Zeit zum Proben, ihr Set auf kreative Weise zu füllen. Das Ergebnis: Pro halber Stunde wurde nur ein Akkord gespielt. Ermutigt vom positiven Feedback, kamen mehr Akkorde auf teilweise stundenlange Spielzeiten hinzu. Im selben Jahr nahm die Band auch noch die auf 33 Stück limitierte Kassette »All Lights Fucked on the Hairy Amp Drooling« auf (wie man* bald merken wird, sind solche strange Albumtitel die Norm).

Nach diesen frühen musikalischen Gehversuchen erschien 1997 das erste Album »F#A#∞« (weil GY!BE echte Künstlerseelen sind, wurde jede Albumhülle von Hand gefertigt und kleine Geschenke wie von einem Zug überfahrene Pennys beigelegt). Die Anzahl der Bandmitglieder*innen stieg sprunghaft auf 14 an – Verhältnisse wie bei Slipknot. Die meisten der Neuzugänge waren Montrealer Musiker*innen und Fans der ersten Stunde. Die Gruppe ließ sich in einem Gebäude nieder, welches sie »Hotel2Tango« taufte. Hier wurde gewohnt, Konzerte veranstaltet und in einem Tonstudio Musik aufgenommen. 1999 veröffentlichte die Band zwischen mehreren Touren auch die EP »Slow Riot for New Zerø Kanada«. Während dieser ersten Hochphase gründeten viele der Mitglieder*innen zudem eigene Nebenprojekte, beispielsweise A Silver Mt. Zion.

Der Soundtrack zum Untergang

Die Entstehungsgeschichte von GY!BE wäre somit geklärt. Doch was macht die Musik der Kanadier so dermaßen aufrüttelnd? Das liegt vor allem an der Natur des Genres, in welches man* GY!BE am besten verordnen kann: Dem Post-Rock.

Nach dem traditionellen Verse-Chorus-Verse-Muster sucht man* im Post-Rock lange. Hier dreht sich alles um zyklische und repetitive Segmente, die in Intensität, Dynamik und Lautstärke immer wieder anschwellen und abklingen. Diese Technik führt dazu, dass ein Motiv unendlich oft wiederholt wird und Songs oder Movements – das trifft es eher – teilweise 30 Minuten lang ausgeschlachtet werden. Instrumente wie Synthesizer, Keyboard, Streicher, Klavier, Gitarre und Bass gehören zum Standardrepertoire dieser Stilrichtung und entfalten mit Extras wie Samples oder verschwurbelten Rhythmen (ähnlich wie im Mathrock) als Kirsche auf dem Sahnetörtchen wunderschön melancholische Soundscapes. Bei Bands wie Sigur Rós oder Mogwai eher positiv konnotiert, bei GY!BE eher zermürbend.

GY!BE sind jedoch auch wegen ihrer expliziten politischen Ansichten eine Anomalie im Genre. Das liegt vor allem an der Szene, aus der sie ursprünglich stammen. Die »Pop Montréal«-Kultur entwickelte sich aus den Spannungen zwischen den englisch- und französischsprachigen Gruppen in Québec. Dieser Konfliktherd stürzte die Region in eine wirtschaftliche Depression mit hohen Arbeitslosenzahlen. Zugleich konnte sich jedoch eine lebhafte Künstler*innen-Community entwickeln, die ihren ganz eigenen Sound kultivierte. So dominieren beispielsweise Stile wie Shoegaze, Post-Rock, Art Rock und auch Baroque Pop (bekannte Vertreter sind hier Arcade Fire) den Klang der Szene. Geprägt von diesem Umfeld sind GY!BE deshalb im Herzen grundsätzlich dem Punk und DIY-Mindset mehr zugeneigt als irgendwelchen Prog-Rock-Spielereien, da sie auch – im Gegensatz zu anderen Acts des Genres – komplett auf Synthesizer verzichten.

Das politische Element kommt bei GY!BE vor allem bei den Plattencovern zum Tragen. Auf dem bereits besprochenem Album »F#A#∞« drückt die desolate Szene eines Highways mit einem verfallenen Billboard aus, wie die Band zu der extremen Kommerzialisierung und Kapitalisierung des Westens steht. Die Rückseite der ebenfalls schon erwähnten EP »Slow Riot for New Zerø Kanada« zeigt die Anleitung für einen Molotowcocktail. Und auf »Yanqui U.X.O.« (2002) machen die Fliegerbomben ziemlich deutlich, was die Band von den Konzepten Krieg und Militarismus hält.

Doch nun zurück zum Anfang, zur Apokalypse. Obwohl der Post-Rock größtenteils gänzlich ohne Lyrics auskommt, baut GY!BE immer wieder selbst aufgenommene Field Recordings ein, welche die deprimierende Grundstimmung schwarz untermalen sollen. Dadurch wird der Musik teilweise eine so unheimliche Aura verliehen, dass sie wie kurz vor dem Untergang der Menschheit aufgenommene Tonspuren klingen, die dann wiederum als Artefakte einer verlorenen Zivilisation nach einem nuklearen Desaster geborgen wurden. So sind beispielsweise ein manischer Straßenprediger, melancholische Erzählungen über Coney Island in New Jersey oder statische Lautsprecherdurchsagen in Kaufhäusern zu hören. Diese so heraufbeschwörte, nostalgische Stimmung bewegte auch Danny Boyle dazu, in seinem Zombie-Klassiker »28 Days Later« (2002) die Szene, in der Cillian Murphy alleine über die Westminster Bridge wandert und nach Lebenszeichen anderer Menschen sucht, mit einem Snippet des GY!BE Songs »East Hastings« zu begleiten.

Wenn man* sich die Diskographie der Band genauer anschaut, bildet das im Jahr 2000 erschienene Album »Lift Yr. Skinny Fists Like Antennas to Heaven!« den absoluten Höhepunkt ihres Schaffens. Kein anderes Album konnte bisher die düstere Schönheit und Banalität des Lebens so einfangen wie »LYSF«. Nach der Veröffentlichung von »Yanqui U.X.O.« machte GY!BE jedoch erstmal eine zehnjährige Pause, um 2012 schließlich mit »Allelujah! Don’t Bend! Ascend!« zurückzukehren und das Veröffentlichungstempo anzuziehen. 2015 folgte nämlich schon das nächste Album »Asunder, Sweet and Other Distress« und 2017 »Luciferian Towers«. Und dieses Jahr lieferte die Band mit »G_d’s Pee at STATE’S END!« den perfekten Soundtrack für unsere momentane Weltkrise.

Selbst GY!BE verlieren die Hoffnung nicht ganz. © Tiny Mix Tapes

Ja, die Musik von GY!BE kann sehr matter-of-fact klingen und unsere Zeiten als auf das Ende zusteuernd skizzieren. Dennoch schwingt in der Musik immer ein hoffnungstragendes Element mit, um nicht nur die Dualität der Dinge darzustellen – es gibt immer Licht und Schatten – sondern auch, um den Zuhörer*innen Mut zu machen, weiterhin für ihre politischen und sozialen Ideale zu kämpfen. Das Transkript eines Monologs zur Eröffnung einer Show in London im Jahr 2000 versichert:

there is a devil in this world

and no angel will save us

our relations are sickened and damaged in this upside down world

they’re turning our neighborhoods into disneylands

they’re building more prisons and doubling their patrols

at the same time miss celine dion sings love songs while our cities burn

in these times, when everything is denied us

anything is possible

[…]

we dedicate it to the imminent market collapse

we dedicate it to carpenters

waitresses and drug addicts

we dedicate it to secretaries, alcoholics and schizophrenics

we dedicate it to the boys kissing boys

girls kissing girls

girls kissing boys

and everything in between

we dedicate it to anxiety attacks, hangovers, worried depression

and all the other necessary by-products of trying to live free

we dedicate it to any endeavor whose ultimate unreasonable goal is autonomy

self-determination or joy

we dedicate it to every prisoner in the world

In einer Welt, die immer gefährlicher und undurchsichtiger zu werden scheint, wirkt dieses Verständnis für die Conditio Humana fast schon beruhigend.

Weitere Songbeispiele:

Titelbild: © Metal Hammer

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