Move:ment: »Nightcrawler« – Jede Nacht hat ihren Preis

Move:ment: »Nightcrawler« – Jede Nacht hat ihren Preis

Der haarsträubende Film »Nightcrawler« zeigt, was passiert, wenn eine sensationsgeile Gesellschaft, Quotenkämpfe und ein von tödlichem Ehrgeiz getriebener Millennial aufeinandertreffen.

von Celina Ford

Let’s gush over Jake Gyllenhaal for a moment

Jake Gyllenhaal ist, ohne Zweifel, einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler*innen. Mit Filmen wie dem Kultklassiker »Donnie Darko« (2001), der von einem schizophrenen, Menschen in dämonischen Hasenkostümen sehenden und (potentiell) in die Zukunft blickenden Teenager handelt, dem herzzerreißenden »Brokeback Mountain« (2005), der die lebenslange Liebesgeschichte zweier Cowboys in Wyoming erzählt oder dem psychologischen Kriegsdrama »Jarhead« (2005), machte sich dieser schon früh in Hollywood einen Namen.

Doch Gyllenhaal passt nicht in das Bild des typischen Hollywood A-listers. Das wollte er jedoch auch nie. Im zweiten Akt seiner Karriere fokussiert er sich stattdessen auf Rollen, die ihn nicht nur aufs Extreme fordern, sondern vor allem Geschichten erzählen, die von emotionalen Grauräumen und Spannungen leben. Dazu gehören »Prisoners« (2013), »Enemy« (2014), »Nocturnal Animals« (2016), »Stronger« (2017) und eben auch »Nightcrawler« (2014) – der Film, der ihn womöglich körperlich und psychisch am meisten abverlangte. Hier schlüpft er nämlich in die Figur des Lou Bloom, der mit weit aufgerissenen Augen und einer Kamera in der Hand wie ein hungriger Kojote seine Beute jagt: Unfallopfer auf den Straßen von Los Angeles.

Der amerikanische (Alb-)Traum

Lou Bloom scheint all das zu haben, was man* braucht, um erfolgreich zu sein: Er ist ehrgeizig, arbeitet hart, ist intelligent und charmant. Da könnte man* meinen, dass diesem auf dem Jobmarkt alle Türen sperrangelweit offen stehen müssten. Falsch gedacht. Lou muss sich, wie viele Millennials, mit Gelegenheitsjobs und manchmal mit nicht ganz legalen Aktivitäten über Wasser halten. Trotzdem wäre er sogar dazu bereit, ein unbezahltes Praktikum (wer kennt’s nicht?) anzunehmen, um wenigstens einen Fuß in die Tür zu bekommen. Doch nicht mal auf diesem Weg erhält er eine Chance. Die Geschichte von Lou scheint prädestiniert dafür zu sein, dem »vom Tellerwäscher zum Millionär«-Narrativ zu folgen. Doch Lou hat auch noch eine andere, dunkle Seite: Er ist ein kalkulierender Psychopath, der auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, um voranzukommen.

Als Lou eines Abends auf den Highways von Los Angeles unterwegs ist, sieht er einen schrecklichen Unfall: Eine Frau wird von Feuerwehrleuten aus ihrem brennenden Auto gezogen. Doch da ist noch etwas anderes. Ein Kameramann hält mit blendendem Licht auf die Horrorszene und versucht, das schmerzverzerrte Gesicht der Frau so gut wie möglich einzufangen. Lou spricht ihn darauf an und erfährt, dass dieser ein sogenannter »Nightcrawler« ist und sein Geld damit verdient, Unfälle zu filmen und das Material an lokale Nachrichtensender zu verkaufen. Je grausamer, desto besser.

Ja, es ist so pervers, wie es sich anhört. Lou fällt es jedoch wie Schuppen von den Augen, denn bereits am Tag darauf kauft er sich einen Camcorder und einen Polizeiscanner, um zu Unfallstellen zu rasen und verletzte Menschen zu filmen. Trotz anfänglicher Fails gibt er nicht auf und entwickelt ein scharfes Auge für Bildkompositionen. Lou ist gut. Gefährlich gut.

In der zwielichtigen Szene der »Nightcrawler«, die von starkem Konkurrenzdruck geprägt ist – es gilt, als Erste*r am Unfallort zu sein – arbeitet sich Lou immer weiter nach oben. Er heuert den jungen Rick (Riz Ahmed) als seinen Assistenten an und erschlägt diesen regelmäßig mit Endlosmonologen, fährt mittlerweile ein schickes rotes Sportauto, hat besseres Equipment und ist so etwas wie der feste Zulieferer des quotenschwachen Nachrichtensenders von Nina Romina (Rene Russo). Diese nötigt er an der ein oder anderen Stelle zu Sex, um ihr als Gegenleistung weiterhin sensationelles Filmmaterial zuzustecken.

Als Lou und Rick eines Abends noch vor der Polizei an einem Mordschauplatz in einer wohlhabenden Gegend aufkreuzen, wittert Lou seine große Chance: Er betritt das Haus, welches die beiden Täter nur Sekunden vor ihm verlassen haben. Anstatt die Polizei zu rufen, filmt er jedoch die Opfer des blutigen Massakers. Das Material kann er Nina wegen ihres immensen Quotendrucks zu einem horrenden Preis verkaufen. Doch der Polizei, die mittlerweile die Ermittlungen aufgenommen hat, kommt Lou sofort suspekt vor.

Jake Gyllenhaal als skrupelloser Tatortfilmer.
© Open Road Films

Von immer mehr Geldgier getrieben, versucht Lou seinen eigenen Tatort zu inszenieren und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Einerseits die Belohnung, die für die Überführung der Täter aussteht, abzustauben, andererseits mit dem Bildmaterial des drohenden Shootouts extra Cash zu verdienen. Er verfolgt die beiden Täter – das Nummernschild des Fluchtautos konnte er beim Überfall auf Band festhalten – zu einem Restaurant und verständigt die Polizei. Dann wartet er. Er wartet darauf, dass Blut fließt. Der Höhepunkt des Films, der jetzt nicht gespoilert wird, zeigt jedoch: Wer versucht, die Ziele von Lou Bloom zu durchkreuzen, lebt gefährlich.

Ein Monster, das die Gesellschaft selbst geschaffen hat

Lou ist die extremste Manifestation des amerikanischen Kapitalismus: Immer schneller, immer weiter und immer skrupelloser. Doch er ist auch ein Produkt seiner Umwelt, die nicht nur die Figur des Selfmademan wie einen Gott verehrt, sondern Bilder, die von Gewalt nur so strotzen, geradezu aufsaugt. Ohne Nachfrage schließlich kein Angebot. Lou ist im Grunde nur der Dealer, welcher der sensationsgeilen Mediengesellschaft ihren Stoff liefert. Und hier unterscheidet sich »Nightcrawler« von vielen Filmen, die eine ähnliche Thematik behandeln. Regisseur Dan Gilroy hält den Film wie einen Spiegel hoch, der diese Wahrheit auf uns reflektiert. Wovon handelt der Film? Genau, von gewalttätigen Bildern. Und wer sieht ihn sich an? Wir. Da kann man* sich schon etwas ertappt fühlen.

»Nightcrawler« ist ein im besten Sinne unangenehmer Film. Als Zuschauer*in weiß man* nie so genau, ob man* Lou abstoßend finden soll oder ob man* sich nicht doch insgeheim wünscht, dass er davonkommt und sein eigenes Medienimperium aufbaut. Jake Gyllenhaal meint, dass er die Geschichte von Lou Bloom als eine Erfolgsstory und die Coming of Age-Saga eines Künstlers sieht. Lous Pinsel ist die Kamera, seine Farben das Blut der Unfallopfer.

Der Trailer zum Film:

Titelbild: © YouTube

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