Mov:ement: »The Lighthouse« – Gefangen auf der Insel des Wahns

Mov:ement: »The Lighthouse« – Gefangen auf der Insel des Wahns

Zwei Männer, ein Leuchtturm und der Lagerkoller des Grauens: »The Lighthouse« ist ein Horrortrip auf hoher See, der das Blut in den Adern gefrieren lässt und die Zuschauer*innen dem Wahnsinn auf der Leinwand so nahebringt, dass man* das Gefühl haben könnte, selbst in einen Strudel des Deliriums hineingesogen zu werden. 

von Celina Ford

»The Lighthouse« (2019) ist vieles: Horrorfilm, Seemannsgarn, Psychostudie und die groteske Inszenierung uralter griechischer Mythen. Der neueste Film des Regisseurs Robert Eggers, der 2015 mit »The Witch« erste Cineast*innenaugen auf sich richten konnte, ist mit Abstand einer der besten psychologischen Arthouse-Horrorfilme der letzten Jahre. Denn »The Lighthouse« besticht nicht nur mit seiner Handlung, sondern auch mit seiner filmischen Schönheit.

Eine Reise ins späte 19. Jahrhundert

Der Film spielt auf einer kleinen und von extrem rauer See umgebenen Leuchtturminsel im späten 19. Jahrhundert vor New England, einer Region im Nordosten der USA. Hierfür filmte Eggers in Nova Scotia, genauer auf Cape Forchu in Kanada, und ließ in diesem kleinen Fischerdorf sogar einen 20 Meter hohen Leuchtturm errichten, der den widrigen Wetterbedingungen standhalten kann.

»The Lighthouse« ist ein Streifen, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Wüsste man* nicht, dass dies ein Film von 2019 ist, würde man* ohne mit der Wimper zu zucken glauben, Bilder aus dem Kino des frühen 20. Jahrhunderts zu sehen. Das liegt vor allem an der Kameraarbeit, bei der die Liebe zum Detail eine große Rolle spielt. Der Film wurde im Format 1.19:1 gedreht, was genau das Bildschirmverhältnis ist, welches Filme während des Wechsels von Stumm- zu Tonfilmen hatten. Zudem ist »The Lighthouse« komplett in Schwarz-Weiß gehalten, jedoch nicht im billigen Instagram-Filter Schwarz-Weiß, sondern im orthochromatischen Stil, wodurch die Farbe Rot (Stichwort Blut) so richtig schwarz wirkt und auch die Unebenheiten und markanten Stellen in den Gesichtern der Personen auf der Leinwand besser zum Ausdruck kommen. Weil Eggers für den Dreh Originallinsen aus dieser Ära auftreiben konnte, erscheint der Film dadurch noch älter und wie ein Überbleibsel aus einer längst vergessenen Zeit des Kinos.

Neben der Kameraarbeit macht auch das Level der Authentizität in Punkto Sprache »The Lighthouse« zu etwas Besonderem. Da die Geschichte im späten 19. Jahrhundert spielt, ist der gesamte Dialog im Originaldialekt dieser spezifischen Region zu genau dieser Zeit verfasst. Darum ist es eigentlich auch ein Muss, »The Lighthouse« auf Englisch zu sehen (Subtitles helfen hier aber definitiv).

Ungemütliches Wetter in »The Lighthouse«. © The Atlantic

Um nochmal auf das Wörtchen Dialog zurückzukommen: Wer ist denn eigentlich in »The Lighthouse« zu sehen? Der Cast des Films besteht aus genau zwei Schauspielern: Robert Pattinson und Willem Dafoe. Und mit diesen beiden Performances steht und fällt der Film. Was Pattinson und Dafoe hier schauspielerisch abliefern, ist eine Klasse für sich. Neben der Schwierigkeit, im Originaldialekt zu sprechen, müssen beide ein sich graduell verschlimmerndes Bild des Wahnsinns zeichnen. Und das schaffen sie so gut, dass man* manchmal wirklich vergisst, dass hier nur eine fiktive Story gezeigt wird. Vor allem Robert Pattinson glänzt mit einer verstörend realistischen Darstellung. Dieser hat sich schon längst zu einem der besten jungen Schauspieler hochgespielt und wer ihn nach diesem Film immer noch als zweitklassigen Vampir und Schönling abstempelt, hat wohl Seetang auf den Augen.

»Boredom Makes Men To Villains«

Um was geht es also in »The Lighthouse«? Tom Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) sollen als Leuchtturmwärter eine vierwöchige Schicht auf einer kleinen Insel antreten. Wake, der ältere der beiden, beansprucht das Licht im Leuchtturm ausschließlich für sich, führt Logbuch und kocht. Winslow, ein noch unerfahrener Leuchtturmwärter, wird hingegen dazu verdonnert, schier unmögliche körperliche Arbeiten zu verrichten und bekommt zudem die ganze Drecksarbeit (Nachttöpfe entleeren, heizen und putzen) aufgebürdet. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, nennt Wake Winslow auch abwertend »dog«.  

Die Tage vergehen und Winslow wird langsam klar, auf was er sich hier eingelassen hat. Das völlig verkochte Essen hängt ihm zum Hals raus, sein einziges Abschaltprogramm ist es, mit einer Meerjungfrauenporzellanfigur zu masturbieren und den allgegenwärtigen Möwen wird er immer feindseliger gesinnt. Zusätzlich beobachtet Winslow, dass sich Wake in der Gegenwart des Lichts seltsam und wie in Trance verhält. Der Groll auf seinen Vorgesetzten (und dessen ständige Blähungen) wächst stetig.

Stehen auf Konfrontationskurs: Wake (Willem Dafoe) und Winslow (Robert Pattinson). © GQ

Bei einem ihrer vielen Abendessen, die fast immer von einer spannungsgeladenen Atmosphäre umgeben sind, erzählt Wake Winslow vom Leuchtturmwärter vor ihm, der an seinem in der Isolation auf der Insel entwickelten Wahn gestorben ist. Zudem warnt er Winslow davor, eine Möwe zu töten, da dies ein schlechtes Omen sei und Unheil heraufbeschwöre.

Und an genau diesem Punkt stoppe ich, denn ich möchte Euch so unvorbereitet wie möglich in den Rest des Films schicken. Ich sage nur so viel: Stellt Euch auf Bilder betörender Nixen, hochprozentigen Alkohol, eine wahrhaft schizophrene Beziehung, Menschen an der Hundeleine und das verstörendste Filmende seit Langem ein. Ernsthaft, das Ende ist next level Horror.

Geht es hier um einen betrunkenen und homoerotischen Prometheus, der gerade einen Ödipuskomplex durchlebt?

Wenn man* den Film nun gesehen hat, fällt auf: Die Geschichte ist in erster Linie eine maritime Horrorstory gespickt mit Seemonstern, Wellenbrechern und viel Folklore. Neben diesen offensichtlichen Themen gibt es aber noch weitere subversivere Ebenen, die »The Lighthouse« gekonnt miteinander verstrickt und dadurch ganz neue Interpretationsansätze ermöglicht.

Zum einen wäre da die Lesart, den Film als eine neuere Version des Prometheus-Mythos zu sehen. Der griechische Titan Prometheus, der den Menschen das Feuer (aka das Wissen) brachte, wurde von Zeus damit bestraft, bis in alle Ewigkeit an einen Felsen angekettet zu sein und seine Leber jeden Tag aufs Neue von Vögeln herausgepickt zu bekommen. In »The Lighthouse« ist es Winslows höchstes Ziel, endlich das Licht des Leuchtturms zu sehen, wofür er auch über Leichen geht. Und, sagen wir mal so, das Ende des Films ist nicht gerade vogelfrei.

Winslow (Robert Pattinson) wird vom Licht ergriffen. © Reddit

Ein weitere wichtige Ebene des Films ist der Themenkomplex rund um Maskulinität und Sexualität. Wake und Winslow sind ein odd couple: Sie hassen sich und fühlen sich doch zueinander hingezogen. Darüber hinaus ist »The Lighthouse« voll mit phallischen Metaphern (hallo, ein Leuchtturm), Zank rund um Aufmerksamkeit und Zuneigung und einem stetigen Ringen darum, wer in der Beziehung die Hosen – beziehungsweise die Overalls – anhat. Der homoerotische Touch ist zwar subtil, doch eine Szene sticht heraus: Eggers stellt die Zeichnung »Hypnose« des homosexuellen deutschen Künstlers Sascha Schneider nach, die nicht nur den Prometheus-Mythos aufgreift, sondernd auch die Hierarchie in der Beziehung der beiden (Wake nennt Winslow schließlich »dog«).

Aus psychologischer Sicht behandelt »The Lighthouse« in gewisser Art und Weise den Ödipuskomplex, der von einem unbewussten Verlangen des Kindes für den Vater oder die Mutter und dem simultanen Hass auf das gleichgeschlechtliche Elternteil ausgeht. Wake könnte alterstechnisch problemlos der Vater von Winslow sein und einen Aspekt ihrer turbulenten Beziehung erklären. Natürlich ist aber auch das Phänomen des Lagerkollers – eine Tatsache, die viele wahre Geschichten in der Schifffahrt behandeln – hier ein großes Thema und für den geistigen Verfall der beiden Protagonisten verantwortlich. Als ein Anti-Alkohol-Film macht sich »The Lighthouse« übrigens auch ganz gut.

»The Lighthouse« ist, falls man* es noch nicht herausgelesen hat, nicht nur für Fans des Maritimen durch und durch sehenswert. Der Film hat viele Kinogänger*innen begeistert und konnte Nominierungen in Cannes und auch bei den Academy Awards einheimsen. Mit seinem dunklen und brodelnden Soundtrack, alptraumhaften Bildern und einem ungeschönten Blick auf zwei dem Wahnsinn verfallenen Menschen ist »The Lighthouse« ein Film für Cineast*innen, Horrorenthusiast*innen, Liebhaber*innen des Surrealen und all diejenigen, die keine Angst vor Filmen haben, die mehr Fragen stellen, als dass sie Antworten liefern.

Titelbild: © Moviescramble

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