Am Dienstag im Studikino: »Greenbook – Eine besondere Freundschaft«

Gegen Ende des Semesters fährt das Studikino noch einmal mit großem Kino auf. Die Oskar-gekrönte Filmbiografie »Greenbook – Eine besondere Freundschaft« von Regisseur Peter Farrelly ist eine Geschichte über Rassengesetze, über Ungerechtigkeit, über Unterschiede … vor allem ist sie aber eine Geschichte über die Freundschaft zweier Männer, die schöner kaum gespielt sein könnte.

von Lotte Nachtmann

Es wurden bereits zig Filme gedreht über Freundschaft, Liebe und Kameradschaft, die sich über Normen, gesellschaftliche Schichten oder die Hautfarbe hinwegsetzen. Ein Klassiker, den jede/r von uns mindestens einmal in der Schule gesehen hat, ist vermutlich die französische Komödie »Les intouchables« – zu Deutsch »Ziemlich beste Freunde«. Ein farbiger junger Mann ohne Perspektive kümmert sich um einen reichen, weißen, einsamen Mann im Rollstuhl und die beiden werden eben über alle Unterschiede hinweg ziemlich beste Freunde. Das Ganze changiert irgendwo zwischen ergreifender Komödie und Sozialmärchen des 21. Jahrhunderts. Der Film suggeriert dabei, dass eine offene und toleranten Haltung schon ganz von alleine kommt, wenn erst einmal die Empathie da ist. »Offenheit« und »Toleranz« sind beflügelte Dogmen, an die sich die beginnende Postmoderne immer noch abarbeitet und die nur in den wenigsten aller realen Gesellschaftszusammenhänge einwandfrei funktioniert. »Les intouchables« bedient sich dieser heutigen Leitbilder und nur deswegen funktioniert der Film als Familienspaß für Groß und Klein. Alltagsrassismus wird einfach weggelacht, da am Ende ja schon alles gut ausgehen wird.

Nicht mehr zum Lachen ist einem, wenn man Don Shirley (Mahershala Ali) sieht, wie es in der Pause seines eigenen Konzertes nur das Toilettenhäuschen im Garten für die Bediensteten der GastgeberInnen benutzen darf, oder nicht in dem Restaurant speisen darf, in dem er eine Stunde später für das ausschließlich weiße Publikum auftreten soll. Da wird einem die Realität klar, gegen die Martin Luther King und Rosa Parks mit ihrem großen und kleinen Protest in den Sechziger Jahren gekämpft haben, und deren immer noch nicht abgeschüttelte Überreste in Familienkomödien als lachhafter Alltagsrassismus abgetan werden. Don Shirley ist Konzertpianist im verhältnismäßig aufgeklärten New York des Jahres 1962. In der dortigen High Society ist der Gentleman angesehen, verkehrt mit den Kennedys und wohnt in einem prunkvollen Apartment mit Personal. Nun soll es auf eine zweimonatige Tournee durch die Südstaaten gehen. Aber Don Shirley ist Afroamerikaner und der Süden der USA ist den Sechziger Jahren auch oder gerade in noblen Gesellschaften mit Rassismus, Vorteilen und strengen Rassengesetzen durchsetzt. Es bedarf des sogenannten »Negro Motorist Green Book« – einer Art Reiseführer für Farbige – um die wenigen Unterkünfte, Restaurants und Tankstellen ausfindet zu machen, die Farbige akzeptieren. Und so kommt es, dass der landesbekannte Pianist in einer billigen Absteige unterkommen muss, während sein Chauffeur im Sternehotel residieren darf. Dieser italoamerikanische Chauffeur Tony »Lip« Vallelonga (Viggo Mortensen) ist ein etwas rabiater Türsteher aus der Arbeiterklasse, der seine Familie über die sechsmonatigen Umbauarbeiten in dem Club bringen muss, in dem er sonst Störenfriede mit einem Kinnhaken und ein paar unflätigen Beleidigungen auf die Straße befördert.

Ihr Roadtrip schweißt die beiden Männer, die nicht unterschiedlicher sein könnten und doch eine verkehrte Welt der Sechziger Jahre Realität darstellen, zusammen. Mehr als einmal rettet Tony seinen farbigen Dienstherren mit seiner rabiaten Art aus erniedrigenden Situationen, in denen auch die feinen heuchlerischen Herrschaften, für die er Klavier spielt, nicht vor blankem Rassismus zurückschrecken. Als Tony bei einer demütigenden Verkehrskontrolle, einen Polizisten niederschlägt und die zwei auf einer Wache festsitzen, hilft nur noch ein Anruf Don Shirleys bei den Kennedys. Das alles recht ist dem gebildeten und zuweilen recht elitär wirkenden Pianisten recht peinlich, versucht er doch mit Herz die Einstellung der Menschen zu ändern, wie es einer seiner Kollegen ausdrückt, als sich Tony darüber wundert, wieso Don Shirley diesen scheinheiligen Leuten noch mit einem Lächeln die Hand schütteln kann. Er will »mit Würde« gewinnen und hat damit einen Weg gewählt, den weder »seine Leute«, wie Tony die afroamerikanische Gemeinschaft nennt, noch seine eigene Familie verstehen. Tony – selbst nicht frei von Vorurteilen, was kleine Gesten wie das Wegwerfen der Gläser, aus denen zwei farbige Handwerker getrunken haben, zeigen – versteht nicht, wie wenig »schwarz« Don Shirley ist, der kein fried chicken kennt, nicht spricht, wie man es den Farbigen in den Ghetto-Vierteln nachsagt und auch sonst nichts teilt von dem durch Ungerechtigkeit geprägten Leben vieler »seiner Leute«. »Ich bin schwärzer als du«, wirft er ihm vor. Denn er weiß viel besser, wie es ist, am Ende eines jeden Monats kaum noch über die Runden zu kommen und seit Generationen im gleichen perspektivlosen Viertel, wenn auch halbwegs glücklich, festzuhängen. In einer ergreifenden Szene – durch die Dunkelheit und den strömenden Regen einer schnurgeraden Landstraße künstlich dramatisiert – fällt die Fassade des sonst so beherrschten und trotz aller Demütigung stets höflichen Pianisten. Mahershala Ali verleiht der Verzweiflung derjenigen, die vergeblich versuchen, sich aus dem Sumpf der Vorteile und sozialen Abgehängtheit zu befreien, gerade in diesem Moment glaubhaft und ehrlich Ausdruck. »Wenn ich nicht schwarz genug bin, und nicht weiß genug, dann sag mir doch, Tony: Was bin ich?«, weint er schon fast.

Man mag der Tragikomödie, die an eine reale Biografie angelehnt ist, vorwerfen, sie sei an manchen Stellen arg pathetisch und vielleicht auch realitätsfern, als Don Shirley am Ende statt für die feine Gesellschaft eines Nobelrestaurants, in dem man es ihm verbietet, selbst etwas zu essen, in einer Bar der Farbigen spielt und die innere Zerrissenheit überwunden scheint. Aber Pathos hin oder her, »Green Book« ergreift seine ZuschauerInnen. Das ruhige und tiefe Spiel, mit dem Ali seiner Figur eine Nachdenklichkeit verleiht, die auf die/den Kinobesucher abfärbt, wird ergänzt durch den von Viggo Mortensen erfrischend verkörperten derben Charakter Tonys. Die beiden Schauspieler harmonieren – ob emotional mitreißend oder komödiantisch – und zeigen das Bild einer Freundschaft, das eben nicht nur durch ein Sozialmärchen zeigt. Wenn Don Shirley Tony, die Briefe an dessen Frau diktiert, hat das nichts mehr mit schwarz oder weiß zu tun, sondern mit zwei Männern, die sich gegenseitig durchs Leben helfen. Und als Don Shirley nach seiner Tour an Weihnachten in sein vereinsamtes Apartment zurückkehrt, zeigt sich, dass Einsamkeit selbst im Kontext dieses grandiosen Films nicht nur etwas mit einem ungewöhnlichen Kampf um Anerkennung zu tun hat, sondern mit dem Anderssein als andere.

Ich kann Euch nur ans Herz legen, Euch »Greenbook – Eine besondere Freundschaft« morgen Abend, ab 20 Uhr, in H16 anzusehen. Das Studikino bietet wie immer sportliche Eintrittspreise von 1,50 Euro und freut sich auch kurz vor den Klausuren noch über jede/n BesucherIn.

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