Lähmende Schuld – »König Ödipus« im Theater Regensburg

Lähmende Schuld – »König Ödipus« im Theater Regensburg

Die Tragödie von Sophokles feierte am 09. März in einer Inszenierung von Jasper Brandis Premiere. Für das Publikum wird es ein kurzweiliger Ausflug in die Welt des antiken Theaters, für die Charaktere ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele.

Von Hannah Eder

Es ist ein altbekannter Stoff – Ödipus, der unglückliche Held, der nicht nur das Rätsel der Sphinx löste, sondern auch durch unglückliche Verstrickungen des Schicksals seinen Vater König Laios erschlug und seine Mutter Iokaste heiratete. Die Inszenierung im Theater am Bismarckplatz setzt erst später ein, als Ödipus (Jonas Julian Niemann) durch seinen Berater Kreon (Thomas Mehlhorn) den Befehl des Gottes Apollo erhält, Theben von seiner Blutschuld reinzuwaschen und den Mörder des Laios zu offenbaren.

Noch nicht ahnend, dass er selbst der Mörder ist, den er sucht, wiegt sich König Ödipus (Jonas Julian Niemann) zu Beginn des Stücks in unschuldigem Weiß gekleidet auf dem überdimensionalen Schicksalsteppich, mit dem die Bühne am Bismarckplatz von Bühnenbildner Volker Thiele ausgestattet wurde. Vorne, am Bühnenrand ist dessen Stoff schon ganz ausgefranst. Hinten in der Kulisse erhebt sich fast bedrohlich noch der Webstuhl, durch den der Faden des Schicksals weiter verwoben wird. Im Laufe des Stückes wird deutlich, Ödipus wird den Teppich nicht verlassen und seinem Schicksal nicht entkommen können.

Durch Bühnenbild und groteske Kostüme, aus der Feder von Karen Simon, erhält Ödipus‘ Suche nach der Wahrheit einen unheimlichen Subtext. So schält sich der blinde Seher Tereisias aus den Tiefen des Teppichs hervor, um anschließend wieder darin zu verschwinden. Masken verzerren andere Rollen bis zur Unkenntlichkeit. Für die Zuschauenden bleibt bis zuletzt unklar, ob sich Ödipus‘ Kampf nicht schon lange aus der realen Welt in die Abgründe seines Bewusstseins verlagert hat.

Er kämpft mit widersprüchlichen Gefühlen, ringt mit seinem Aufklärungsdrang, aber auch mit der Schwere seiner offenbarten Schuld. Oft wirkt er wie ein Kind, das blind gegenüber der Wahrheit bleiben möchte, bis er am Ende des Stückes unter einem Haufen voller Gegenstände begraben inmitten des Teppichs sitzt und nach den letzten Resten der Gewissheiten greift, die sich vor seinen – mittlerweile tatsächlich blinden Augen – in Luft aufgelöst hatten.

Trotz unkonventioneller Ausführung bleibt Jasper Brandis‘ »König Ödipus« nah an der Theatralik des antiken Stoffes. Immer wieder wird auf charakteristische Elemente der Tragödie zurückgegriffen, insbesondere durch die bewusste Übernahme des antiken Chors in die moderne Inszenierung. Einstudiert unter der Leitung von Adrian Stuhlfelner, begleitet der Chor der thebanischen Greise König Ödipus als zusätzlicher Akteur auf seiner Suche nach Selbsterkenntnis und unterstützt durch seine synchrone Vielstimmigkeit den unheimlichen und eindrücklichen Charakter der Inszenierung.

„König Ödipus“ ist ein kurzweiliges Stück, das auf vielen Ebenen antike Elemente mit moderner Dramaturgie vereint. Diese Brücke zu schlagen, gelingt größtenteils hervorragend. Tickets für kommende Vorstellungen sind beim Theater Regensburg erhältlich.


Diese Vorstellung wurde mit einer Pressekarte besucht.

Beitragsbild: Ensemble, Jonas Julian Niemann, Katharina Solzbacher © Tom Neumeier Leather

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert