Kann Kafka glücklich machen? »Die Verwandlung« im Theater Regensburg

Kann Kafka glücklich machen? »Die Verwandlung« im Theater Regensburg

Als Schriftsteller der düsteren Themen bekannt, thematisiert Franz Kafka in seinen Werken die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Das Theater Regensburg bietet jedoch eine andere Perspektive auf die weltberühmte Erzählung »Die Verwandlung«.

Von Anne Nothtroff

Ganz Deutschland ist im Kafka-Fieber. Im Juni jährt sich der Todestag des in Prag geborenen Schriftstellers Franz Kafka zum 100. Mal und gibt damit Anlass für zahlreiche Neuinterpretationen seiner Werke. Auch das Theater Regensburg zeigt seit dem 04. Februar am Haidplatz eine Inszenierung der Erzählung »Die Verwandlung«. Es handelt sich dabei um eine Regensburger Erstaufführung, umgesetzt als Schauspiel mit Puppen.

Über die Handlung

Man kann die Handlung der Erzählung nicht beschreiben, ohne den berühmten ersten Satz daraus zu zitieren: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« Sicherlich wurde dieser Satz bereits deshalb millionenfach zitiert, weil er die Hauptaspekte der Handlung sehr gut zusammenfasst. Die darauffolgende Erzählung berichtet von den Folgen dieser ungewöhnlichen Verwandlung. Da sich der Protagonist Gregor Samsa im Körper eines Käfers wiederfindet, verschwindet nicht nur seine Fähigkeit zu sprechen, sondern nahezu auch seine ganze Beweglichkeit. Folglich verliert er seine Arbeit, wodurch nicht nur ihm, sondern auch seiner Familie die Lebensgrundlage entzogen wird. Er verbringt seine Tage nun eingesperrt in einem Hinterzimmer. Mit der Zeit beginnt er jedoch seine neue Gestalt zu akzeptieren: Freudig stellt er fest, dass er die Wände seines Zimmers hochklettern kann. Währenddessen muss sich seine Familie neu organisieren, um sich ihren Lebensunterhalt leisten zu können und vermietet einige Zimmer der Wohnung. Die neuen Mieter:innen werden jedoch durch das Erscheinungsbild Gregors verschreckt und es kommt zu einem Streit zwischen Gregor und seinem Vater, bei dem Gregor von einem Apfel getroffen wird. Als Folge dessen beginnt er sich noch mehr zurückzuziehen.

Johanna Kunze & Paul Wiesmann © Tom Neumeier Leather

Die Regensburger Inszenierung

Bei vielen lösen die Inhalte Kafkas ein beklemmendes Gefühl aus. So werden zumeist Ängste, Verzweiflung und die Ohnmacht des Individuums thematisiert. Aus der Schulzeit ist Kafka häufig als der »Depri-Schriftsteller« in Erinnerung. Wer sich jedoch die Regensburger Darstellung ansehen möchte, kann sich auf ein heiteres Theatererlebnis freuen.

Florian Loyckes Inszenierung gibt der Erzählung eine Rahmenhandlung, in der auch Kafka selbst, seine Familie sowie sein Freund und Förderer Max Brod zu Wort kommen. Diese biographischen Elemente verbinden Kafkas Leben und die Erzählung auf eine gelungene Art und Weise. Das Stück beginnt mit Kafkas Großvater beim Eisbaden in der Moldau sowie dem Praktizieren der modernen Wim-Hof Methode (eine Atemtechnik, die unter anderem Depression lindern soll). Dieser Einstieg führt die Zuschauenden in den surreal-grotesken Erzählfluss ein, in welchem das gesamte Stück erzählt wird.

Die Darsteller:innen Joscha Eißen, Johanna Kunze, Max Roenneberg und Paul Wiesmann überzeugen mit einer ganz besonderen Mischung aus Puppenspiel und Schauspiel. Über 20 Puppen wurden dafür aus Schaumstoff gefertigt und wirken teils absurd, teils auch ein wenig gruselig. Die Kostüme der Schauspieler:innen, ebenso wie die Musik, erinnern dagegen an die Steampunk-Kultur. Eine Szene, in der Kafka (Joscha Eißen) eine schräge und verzerrte Version des Alternative-Rock Songs »Creep« von Radiohead singt, wird dabei zum musikalischen Höhepunkt.

Joscha Eißen & Johanna Kunze © Tom Neumeier Leather

Auch das bläulich beleuchtete Bühnenbild greift die surreale Grundstimmung, in der das Stück präsentiert wird, wieder auf. Mit einem modernen DJ-Pult, auf dem live Sounds erzeugt werden, wird für die musikalische Untermalung der Aufführung gesorgt. Das Bühnenbild verbirgt auch eine Überraschung, die an dieser Stelle nicht verraten wird. So viel kann jedoch gesagt werden: Dem Zuschauenden wird spürbar verdeutlicht was für eine beängstigende Wirkung Gregors verwandelter Körper auf Außenstehende haben muss. Überschriften, die auf eine Leinwand projiziert werden, ordnen die dargestellten Szenen in das Gesamtgeschehen ein. Zusätzlich wird der Originaltext der Erzählung während der Aufführung auf Leinwänden am Bühnenrand abgespielt. Da dieser aber nicht mit dem Text der Inszenierung übereinstimmt, wirkt die Projektion des Originaltextes etwas störend, wenn man sich auf das Bühnengeschehen konzentrieren möchte. Trotz Rahmenhandlung und humorvoller Darstellung ist Kafkas Erzählung in der Regensburger Inszenierung deutlich erkennbar, sodass man auf die Projektion des Originaltextes hätte verzichten können.

Die humorvolle Seite Kafkas

In ihrem Dossier der fünften Ausgabe dieses Jahres stellt die Wochenzeitung DIE ZEIT die Frage, ob Kafka, trotz seiner oft düsteren Inhalte, glücklich machen kann. Die Regensburger Inszenierung beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen »Ja«. Nicht nur Franz Kafka hatte beim lauten Vorlesen seiner Texte immer wieder selbst Lachanfälle. Auch während der Aufführung am Haidplatz ist häufig lautes Lachen im Publikum zu hören. Die Zuschauenden bekommen, insbesondere durch die groteske Umsetzung mit einigen Steampunk-Elementen, ein humorvolles Stück in einem surrealen und absurden Erzählton präsentiert.

In Zeiten, in denen aufgrund von politischem Rechtsruck das Engagement jedes Einzelnen gefragt ist, kann eine Erzählung in der die Ohnmacht des Individuums im Mittelpunkt steht auch falsche Signale senden. Die Entscheidung in der Inszenierung des Theater Regensburg, die humorvolle Seite des Stoffes zu betonen, kann daher nur gelobt werden.


Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg (Theater Regensburg – Die Verwandlung). Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.

Beitragsbild: Max Roenneberg, Joscha Eißen, Johanna Kunze & Paul Wiesmann © Tom Neumeier Leather

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