Lautstark: Das letzte Jahrzehnt? 10 Jahre Abfuck! – Eine Bilanz von Zugezogen Maskulin

Lautstark: Das letzte Jahrzehnt? 10 Jahre Abfuck! – Eine Bilanz von Zugezogen Maskulin

Anfang August erschien das neue Album ≫10 Jahre Abfuck≪ des Berliner Rap-Duos Zugezogen Maskulin. Auf insgesamt dreizehn Songs wird sich über alles, was im letzten Jahrzehnt schief gelaufen ist, gehörig ausgelassen. Eine textliche Negativbilanz über den Rechtsruck der Gesellschaft, dem mittlerweile perversen Level des Hedonismus, toxische Männlichkeit und auch die privaten Enttäuschungen.

von Celina Ford

≫10 Jahre Abfuck≪ bahnten sich schon früh an

Zusammen bilden Moritz Wilken alias Grim104 und Hendrik Bolz alias Testo das Duo Zugezogen Maskulin. 2010 lernten sich die aus Zeteln in Niedersachsen und Stralsund in Mecklenburg- Vorpommern Zugezogenen im Praktikum bei dem HipHop-Format rap.de in Berlin kennen. Schnell beschlossen die beiden, ihr Journalistendasein zurückzulassen und gemeinsam Musik zu machen. Der Name Zugezogen Maskulin ist eine Anspielung auf die legendären Berliner Battle-Rap-Crews Westberlin Maskulin und Südberlin Maskulin. Und weil man schließlich zugezogen und kein echter Berliner war, wollte man von Anfang an reinen Tisch machen und mit dem Klischee des Zugezogenen spielen. 2010 erschien dann auch gleich die erste Free-EP ≫Zugezogen Maskulin≪ und 2011 das Free-Album ≫Kauft nicht bei Zugezogenen≪. 2013 brachten beide ihre Solo-EPs raus. Grim104 veröffentlichte ≫Grim104≪ und Testo ≫Töte deine Helden≪. Spätestens nach diesen ersten Releases und Tracks wie ≫Undercut, Tumblrblog≪ hatten sich Zugezogen Maskulin zu einem echten Undergroundliebling entwickelt.

2015 erschien dann das große Debütalbum ≫Alles brennt≪ der Band. Durch ihre extrem gute Beobachtungs- und Auffassungsgabe, den Wortwitz, die Punk-Attitüde und klare politische Haltung wurde die Band schnell vom Feuilleton vereinnahmt und als eine der ≫moralisch guten≪ Rap-Kombos deklariert. Grund dafür war die Auseinandersetzung mit der Geflüchtetenthematik, dem Alltagsrassismus, Unsolidarität und dem Stadt Land-Gegensatz. In ≫Agenturensohn≪, eine Kritik an Besserverdienern, die sich am Elend von Benachteiligten ergötzen, heißt es:

Ich bin so verliebt in deine kecken T-Shirt-Sprüche
Deinen Sinn für die Komik von Elendsvierteln
Keine Angst vorm Hermannplatz, once upon a crime
Doch Jungs mit schwarzen Haaren kommen auf deine Partys nicht rein!

Mit ≫Alles brennt≪ verwandelten sich Zugezogen Maskulin von den von Student*innen geliebten Undergroundrappern in die absolute Hype-Band. Auftritte bei Rock am Ring, dem splash! Festival, das Stattfinden in den großen Medien, viele Partys – für Grim104 und Testo schien alles auf einmal erreichbar.

Hendrik Bolz alias Testo und Moritz Wilken alias Grim104. © Bento

Man ließ sich mit dem Nachfolger ≫Alle gegen Alle≪ zwei Jahre Zeit. Realpolitisch und gesellschaftlich hatte sich einiges verändert: Das Elend der Geflüchteten spitzte sich zu, die Wahlerfolge der AfD ließen einen schwer schlucken, die Ellenbogengesellschaft verrohte zunehmend und das perfekte Instagramfoto eines veganen Streetfood Burgers mit einem Craft Beer zum Nachspülen schien wichtiger als echte Haltung zu zeigen. All das und persönliche Themen wie der Verlust von Familienmitgliedern und das Älterwerden verpassten ≫Alle gegen Alle≪ einen noch pessimistischeren Anstrich.

Aber auch eines der Herzensthemen von Testo – seine Jugend nach der Wende in Ostdeutschland, die rechtsradikalen Strukturen und  Hoffnungslosigkeit im Plattenbauviertel – kam auf diesem Album mehr zum Tragen. Wo ≫Plattenbau O.S.T.≪ auf ≫Alles brennt≪ die Ausnahme bildete, widmen sich auf ≫Alle gegen Alle≪ die Tracks ≫Steine & Draht≪, ≫Teenage Werwolf≪ und ≫Uwe & Heiko≪ ganz konkret dem Wendetrauma:

Wir marodieren durch die Ruinen vom Stasiknast
Thälmann-Statue schaut herab wie König Ozymandias
Hansa wieder abgekackt, kein Trost mehr in den Flaschen
Ich zieh’ dich vom Balkongeländer mit nassgeweinten Backen
Die Volkswerft ging pleite in Konflikt mit dem System
Ich spiel’ auf dem Oranienplatz und du wählst die AfD

In Anbetracht der Tatsache, dass in diesem kurzen Zeitfenster so viele tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte aufgebrochen sind, könnte man meinen, dass Zugezogen Maskulin die Hörer*innen nur so zugeflogen sein müssten. Dem war aber nicht so. Der Hype von ≫Zeckenmusik≪ (linke Gruppen wie die Antilopen Gang oder Feine Sahne Fischfilet) war vorbei. Das Album wurde vor allem von ihrem Stammpublikum und dem Feuilleton gefeiert, in den konventionellen HipHop-Medien jedoch nicht wirklich.

≫Die Maske war gefall’n, es folgten zehn Jahre Verblödung≪

Daniel Richter malte das Cover von ≫10 Jahre Abfuck≪. © Musikexpress

So heißt es im Eröffnungs- und Titeltrack des neuen Albums ≫10 Jahre Abfuck≪. Zugezogen Maskulin klingen resigniert, desillusioniert. Wie sollte man sich jedoch auch fühlen, wenn man fast ein Jahrzehnt lang schreit, wütet, tobt, Missstände anprangert, sich nichts ändert, alles noch mehr den Bach runtergeht und man nicht weiß, wie es weitergehen soll? Dennoch kommt das von Ahzumjot produzierte und deshalb sehr unkonventionell klingende Album nicht weinerlich rüber und die beiden Rapper versinken nicht in Selbstmitleid. Stattdessen behandeln Testo und Grim104 das Album wie eine Zeitkapsel, die alles Schlechte der 2010er-Jahre – privat wie gesellschaftlich – beinhalten soll und beim Öffnen in ein paar Jahren vermutlich ein ≫Wie ging’s denn da ab?!≪ verursachen wird. Gesellschaftskritisch gesehen führen Schlagworte wie Thilo Sarrazins Buch ≫Deutschland schafft sich ab≪, die AfD, Geflüchtete, 30 Jahre Mauerfall, Anschläge und Hipstertum durch die zurückliegenden zehn Jahre. Auf persönlicher Ebene konfrontieren Testo und Grim104 die Hörer*innen mit spaßigen Themen wie Panikattacken, Depressionen und auch einer großen Portion Selbstreflexion. Aber auch Themen wie toxische Männlichkeit und die oftmals gefakte Verbindung zwischen Rappern und ihrem Publikum werden durch den Kakao gezogen. Auf ≫Jeder Schritt≪, ein wirklich ekelhafter Song über misogyne Männer und Feministen mit niederträchtigen Absichten, heißt es:

Raus geht’s auf die Straße Röcke jagen im schön’ Preußenland
In der U-Bahn werd’ ich fündig eine Geile will mein Speer zwischen die Beine
Darum steigt sie doch aus alleine

≫Exit≪, der letzte Song des Albums, ist ein großes Fragezeichen. Beide reden vom Abschied aus der Rap-Szene und davon, dass sie sich mit der krassen Kommerzialisierung und Ästhetisierung des Genres (Stichwort ≫Modus Mio≪ Playlist) nicht mehr identifizieren können. Aus Interviews kann man jedoch herauslesen, dass dieser Exit eher metaphorisch gemeint ist und man sich, auch musikalisch, anderen Dingen zuwenden möchte:

Ich will raus, ich will raus
Viel zu lange schon abhängig von Applaus
Hatte Hype, hatte Rausch, alles brannte
Doch es ging vorbei und es blieb kalte Asche

≫10 Jahre Abfuck≪ ist ein Album, welches wir dringend – vor allem aus dem Rap kommend – brauchten. Es fasst alles zusammen, was uns zu dem Punkt brachte, an dem wir heute gesellschaftlich stehen. Vereinzelung, Missgunst, Kapitalismus und Social Media werden als die Gründe für das Scheitern der 2010er-Jahre verantwortlich gemacht. Jedoch passiert dies nicht mit erhobenem Zeigefinger und unangenehmen Parolen, sondern mit enorm viel Tiefgang, unzähligen Querverweisen, Ironie und in den richtigen Momenten mit verbalen Schlägen in die Magengrube. Und wer in ausführlicher Form hören möchte, was Testo und Grim104 im letzten Jahrzehnt so abfuckte, sollte sich unbedingt den ≫10 Jahre Abfuck≪ Podcast anhören.

Titelbild: © Kreiszeitung

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