Lautstark: Die russische Band Kino – »Wir warten auf Veränderungen!«

Nachdem Kollegin Celina in der letzten Lautstark-Ausgabe über Post-Punk im Allgemeinen berichtete, knüpfe ich heute daran mit einer Band an, die als der größte Einfluss für nicht nur osteuropäischen Post-Punk gilt, sondern für Rockmusik als Ganzes jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs die wohl berühmteste Rolle spielt. Die Rede ist von der russischen Band Kino, die in ihrer aktiven Zeit zwar schon gewaltige Erfolge verbuchen durfte, doch nach dem frühen Tod ihres charismatischen Frontmannes Viktor Zoi im Jahre 1990 endgültig in legendäre Sphären erhoben wurde.

von Elias Schäfer

Wenn man bedeutungsvolle Bands vergleichen müsste, war Kino für die sowjetische Gesellschaft das, was Nirvana ein paar Jahre später für die US-amerikanische werden sollte. Während der Perestroika-Zeit in den 1980ern brodelte es in der russischen Underground-Rock Szene, die sich von einem verpönten und verbotenen Nischenprodukt langsam in ein landesweit gefeiertes Genre wandelte, berühmte Bands wie DDT, Agatha Christie, Nautilus Pompilius oder Auktyon hervorbrachte und sich stilistisch sehr vom bisherigen, harmlosen in der Sowjetunion bekannten Rock, der sich meist an Bands wie den Beatles orientierte, unterschied und damit brach. Allgemein waren die jeweiligen Bands vom Sound her sehr verschieden: Manche inkoorporierten westlichen Post-Punk oder New Wave, manche benutzten viele Synthies oder sogar Streicher, manche blieben doch eher beim klassischen Rock. Was diese Bands jedoch verband waren ihre Texte und ihre dazugehörigen Lebenseinstellungen: Sie schrieben nicht nur über das permanent präsente Thema Liebe, sondern über Veränderungen in der Gesellschaft, über persönliche Freiheit, über ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben, womit sich viele, vor allem junge, HörerInnen identifizieren konnten.

Die Anfänge im Leningrader Rockclub

In dieser Atmosphäre des Umschwungs bildeten sich anfangs einige Rockclubs in verschiedenen größeren Städten quer durch die Sowjetunion, von denen der erste und bekannteste der Leningrader Rockclub im heutigen St. Petersburg war. Im Mantel der Halblegalität formierten sich in einem Kulturhaus mehrere Gruppen, die sich dort trafen, probten und kleine Konzerte spielten. Eine dieser Bands war Kino, 1981, also im selben Jahr wie der Leningrader Rockclub, die vom halbkoreanischen, anfänglichen Bassisten Viktor Zoi, der später zum Sänger und Gitarristen wurde, zusammen mit dem Gitarristen Alexei Rybin gegründet wurde. Sie konnten davor bereits schon Erfahrungen in verschiedenen anderen Rockgruppen sammeln und hatten zuerst auch variierende Namen, bis sie sich auf Kino einigten, was im Russischen dieselbe Bedeutung wie im Deutschen hat, nur mit der Betonung auf der letzten Silbe ausgesprochen wird. Schnell fanden sie sich im Leningrader Rockclub wieder, mit dessem Präsidenten Gennadij Saizev sie sich auf Anhieb gut verstanden und schließlich auch in seiner Wohnung ihr erstes Album, »45«, was nach seiner Laufzeit in Minuten benannt wurde, einspielten. Da Kino keinen Schlagzeuger in der Formation hatten, benutzten sie eine Drum Machine, was zu der Zeit ein kleines Novum war, da die Technik dafür ziemlich kostspielig war und auch sehr selten benutzt wurde.

Das Album stelle sich als nicht wirklich erfolgreich heraus und weil Zoi mit den Aufnahmen zum eigentlich zweiten Album unzufrieden war, pausierte die Gruppe bis 1984. In der Zwischenzeit zerstritt sich der Frontmann mit dem Gitarristen Rybin, der dann mit dem Gitarrenneuling Jurij Kasparjan ersetzt wurde, der laut einigen Quellen anfangs überhaupt gar nichts mit seinem Instrument anzufangen wusste, schließlich aber doch zum Kernmitglied wurde. Zusammen mit einigen Bekannten ihres damaligen Producers wurde aller Schwierigkeiten zum Trotz das Album »Nachalnik Kamchatki« (Der Kamchatka Chef) aufgenommen, auf dem sich langsam der Stil ersichtlich zeigte, der der Band später zum landesweiten Ruhm verhelfen sollte: Minimalistische Produktion, das Erzeugen eines bestimmten Sounds durch sowjetische Technik und eine melancholische Grundstimmung in fast jedem Song. Doch nicht nur musiktechnisch fand die Gruppe langsam sich selbst, sondern auch bezüglich der Formation, denn zu Zoi und Karsparjan kamen noch der Schlagzeuger Georgij Gurjanov, der 2013 an Krebs verstarb, und Bassist Alexander Titov, der zwar 1985 von Igor Tikhomirov ersetzt wurde, bis dahin aber ein engagiertes Mitglied war, sich letztendlich trotzdem für seine zweite Band, die ebenfalls berühmte Rockgruppe Akvarium, entschied.

Die Band bei einem Liveauftritt
© 24SMI

Werdegang und Erfolge bis zum abrupten Ende

Ab 1986 waren die wirklich turbulenten Anfangszeiten von Kino endgültig vorbei, die Band wurde national immer bekannter und auch international stellten sich für die damalige Zeit ungewöhnliche Erfolge ein, indem ein Compilation-Album verschiedener sowjetischer Gruppen namens »Red Wave« den illegalen Weg in die USA, genauer gesagt nach Kalifornien, fand. Durch die hinzugewonnene Popularität kam Viktor Zoi auch an seine ersten Filmrollen, zuerst im dem russischen Rock gewidmeten Experimentalstreifen Assa, später in der kasachischen Produktion Igla (Nadel), wodurch er die Band etwas schleifen ließ. Nichtsdestotrotz begannen die anderen Mitglieder mit Arbeiten am nächsten Album namens »Gruppa Krovi« (Blutgruppe), das schließlich auch zum endgültigen Durchbruch der Band führen sollte. Der Mix aus Protestgesang, Melancholie, Romantik und Nostalgie, der an die britische Bewegung der New Romance erinnerte, traf genau den Zeitgeist der jungen sowjetischen Bevölkerung und sorgte für einen Kulturschock bei den alteingesessenen Kadern der UdSSR. Touren folgten nicht nur durch sämtliche Sowjetrepubliken, sondern auch in westliche Länder wie Dänemark, Frankreich und Italien, selbst in die USA schaffte man es auf kleinere Konzerte. Dies sorgte zwar für Kontroversen in der eigenen Heimat, doch der Popularität der Gruppe innerhalb der sowjetischen Grenzen waren eben keine Grenzen mehr gesetzt.

Kino wurden zu essentiellen Repräsentanten sowjetischer Musik und traten als solche 1989 auf einem großen Festival in Japan auf, womit sie zur ersten Band der Sowjetunion wurden, die international als »The Next Big Thing« dargestellt wurde. Das Konzert im Juni 1990 im riesigen Moskauer Luzhnikov Stadion, das Platz für mehr als 80.000 Zuschauer bietet, sollte als das größte in der Geschichte der Band eingehen – es gab ein gewaltiges Feuerwerk und selbst das Olympische Feuer wurde im Rahmen des Auftrittes angezündet; Kino befanden sich am Höhepunkt ihres Schaffens. Leider sollte es nicht noch zu größeren Erfolgen kommen, denn Viktor Zoi verstarb am 15.08.1990 um 12:28 Uhr mittags bei einem Autounfall unweit seines Sommerdomizils in Lettland, als er die Kontrolle über seinen dunkelblauen Moskvich-2141 verlor und einen entgegenfahrenden Bus auf fatale Weise rammte. Dies löste einen unvorhergesehenen, landesweiten Schock aus, weswegen sich auch einige Dutzend seiner Fans das Leben nahmen. Zu der Beisetzung in St. Petersburg vier Tage später erschienen über 1000 Menschen.

Viktor Zoi beim Anzünden einer Zigarette im Film »Igla«
© Kasachfilm

Kinomania

Viktor Zoi war nicht nur Sänger, Gitarrist, Songwriter, Schauspieler, Dichter und Künstler (er liebte es vor allem, kleine Figuren aus Holz zu schnitzen, was aus seiner früheren Beschäftigung als Schreiner stammte), sondern hauptsächlich die Stimme einer ganzen Generation. Sein Gesang, der durch seine Tiefe und emotionale Monotonie stellenweise an den Joy Division Frontmann Ian Curtis erinnert, resonierte mit Millionen von Sowjetbürgern in Zeiten ökonomischer und politischer Unsicherheit. Seine Texte mit Zeilen wie »Aber wenn sich in der Jackentasche eine Schachtel Zigaretten befindet, heißt es, dass am heutigen Tag nicht alles schlecht ist« (Pachka Sigaret; Zigarettenschachtel), »Veränderungen fordern unsere Herzen. Veränderungen fordern unsere Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern: Veränderungen! Wir warten auf Veränderungen!« (Khochu Peremen; Ich will Veränderungen) oder »Ich habe etwas, womit ich zahlen kann, aber ich will keinen Sieg um jeden Preis. Ich will niemandem den Fuß auf die Brust stellen. Ich würde gerne bei dir bleiben, einfach bei dir bleiben. Doch der hohe Stern im Himmel ruft mich auf den Weg.« (Gruppa Krovi; Blutgruppe) waren poetisch, schön geschrieben, schön vorgetragen, doch niemals abgehoben, sondern komplett bodenständig. Zeilen, mit denen man sich als HörerIn leicht identifizieren konnte und immer noch kann, was sich in der »Kinomania« äußerte, die als riesige Welle ab 1988 über die Sowjetunion schwappte und nach Zois Tod nur größer wurde.

Zois Poesie war geprägt von Widersprüchen, Metaphern und der Eigendarstellung als einsamer Held, der von einem höheren Ziel geleitet durch die Welt stapft. Ein ganz großer Revoluzzer war er nie, dafür war seine Musik zu selbstreflektiert, zu persönlich – und wird doch bis heute von sehr, sehr vielen Fans nachvollzogen und wiedergegeben. An der »Stena Zoya« (Zois Mauer) in Moskau werden bis heute Schriftzüge wie »Zoi zhiv!« (Zoi lebt!) in Erinnerung an den charismatischen Frontmann angebracht, an seinem Grab in St. Petersburg werden bis heute Zigarettenstummel als Tribut für den tabakliebenden Künstler hinterlassen. Im Jahr nach seinem Ableben wurde das »Schwarze Album« von den verbliebenden Mitgliedern von Kino herausgebracht, das auch so das offizielle nächste Album der Band hätte werden sollen, nun aber mit Demoaufnahmen des Sängers komplettiert werden musste. Posthum folgten natürlich viele verschiedene weitere Veröffentlichungen, sogar ein komplett neues Lied inklusive Musikvideo namens »Ataman« wurde 2012 mit einer neugefundenen Gesangsaufnahme Zois herausgebracht. Selbst Metallica coverten »Gruppa Krovi« bei einem Konzert in Russland. Im Herbst 2020 sollen zwei Stadionkonzerte in Moskau und St. Petersburg stattfinden, bei denen die Stimme Zois über Live-Instrumente, die von verschiedenen Wegbegleitern der Band gespielt werden würden, laufen sollte, doch aufgrund der aktuellen Coronakrise steht das noch in den Sternen. Das, was man jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Band um Viktor Zoi und ihr musikalisches Erbe noch viele, viele Jahre von Millionen von Menschen gehört, gefeiert und geliebt werden wird.

Hier noch einige ihrer größten Hits:

Beitragsbild: © Facebook – The Band Kino (von links nach rechts: Jurij Kasparjan, Viktor Zoi, Georgij Gurjanov, Igor Tikhomirov)

Schreibe einen Kommentar