Jam-Session mit dem Teufel

Stellt Euch vor, plötzlich kommt der Teufel bei Euch reingeschneit und will Rache für etwas, das Euer Ururururururhochzweigroßvater damals »vor 885 plus 116 minus 1 macht 1000« Jahren verbockt hat. Genauso geht er Hans Steiner, der eigentlich das Jubiläum des Baubeginns der Steinernen Brücke feiern möchte. Basierend auf der stadtbekannten Saga um den Bau des Regensburger Wahrzeichens, hat das Theater Regensburg in Koproduktion mit Scrooge GbR seine zweite Regensburger Rockreview auf die Bretter des Velodroms gebracht. Die Premiere von »Jenseits von St. Emmeram«, inszeniert von Marc Becker und unter musikalischer Leitung von Gerwin Eisenhauer, am 8. Februar lässt uns mit einem diffusen Gefühl zwischen unterhaltsamem cringe, Heimatgefühl und mitwippenden Zehen zurück.

 

von Selina Roos und Lotte Nachtmann

 

Los geht der wilde Abend im Velodrom, der sich irgendwo zwischen rockigem Musical, Retro-Talkshow-Parodie und in die Neuzeit geholtem Regensburg-Märchen verorten lässt, mit einer etwas befremdlichen Einleitung zur Jubiläumsfeier … glauben wir. Ganz ersichtlich wurde das nämlich nicht gleich. Die Jubilarin ist die Steinerne Brücke, die vor rund 1000 Jahren (eigentlich sind es genau 885 Jahren »plus 116 minus 1 macht tausend«, aber so kleinlich will ja nun wirklich keiner sein) zu bauen begonnen wurde. Der Urururururururhochzweigroßenkel des gleichnamigen damaligen Brückbaumeisters Hans Steiner (Michael Haake) – im Stück meist Hansi oder Steini genannt – und seine zwei Kollegen vom Hochbauamt Heidi (Silke Heise) und Carsten (Robert Herrmanns) leiten mit einem eher gewöhnungsbedürftigen Start in den Abend ein. Die (sicherlich gewollten) humoristischen Ausrutschern erinnern in unangenehmer Weise sehr an einen in den Achtzigern steckengebliebenen Talkshowmoderator. Gekrönt wird die Einleitung in das Stück zudem durch einen minutenlangen, leider nur fast synchronen Sprechgesang, der in seiner eindringlichen Bühnenpräsenz und Länge das Publikum geradezu überrennt und ratlos zurücklässt.

Robert Herrmanns, Michael Haake und Silke Heise bejubeln als Carsten, Hansi Steiner und Heidi vom Hochbauamt die Steinerne Brücke. © Jochen Klenk

Von Meta zu Rock’n Roll

Nach einem kleinen Rundumschlag über die »Planungsangebote« für die Steinerne Brücke (zwischen Da-Vinci-Inspiration und Looping-Version ist alles dabei) und einer kleinen Meta-Einlage zum Thema Brücke (ob eine Anspielung auf den derzeitigen Wahlkampf in Regensburg gewollt war oder nicht, lassen wir an dieser Stelle einmal offen) kommt Hansi zu einer Sage, die wohl alle RegensburgerInnen kennen: Um die Wette gegen den Dombaumeister, darüber welches Bauwerk schneller fertig gestellt wird, zu gewinnen, geht der Brückenbaumeister Hans Steiner einen Pakt mit dem Teufel ein. Dieser verspricht, beim Bau zu helfen, wenn er im Gegenzug die ersten drei Seelen erhält, die über die Brücke gehen. Auf diese Weise gewinnt der Brückenbaumeister die Wette, doch anstatt das Versprechen einzulösen, verarscht er den Teufel und jagt eine Henne, einen Hahn und einen Hund über die Brücke. Die heutige Krümmung der Brücke, auch Buckel genannt, kommt übrigens vom Wutanfall des Teufels aufgrund dieser Finte. Leider finden wir, dass diese alles umspannende Story um die drei versprochenen Seelen zwischen den zahlreichen Musikeinlagen ein bisschen verloren geht.

Moment, Musikeinlagen? »Let’s fetz! Let’s have a party tonight!«, krakelt Hansi Steiner mit stärkerem deutschen Akzent, als es Günther Oettinger je zustande gebracht hat. Jetzt nimmt der Abend Fahrt auf dank der Musicaleinlagen von Steffi Denk, Markus Engelstätter und ihrer Band, tänzerisch begleitet von Amalia Darie, Sophia Friedl, Roshi Gurung und Jonas Dürrbeck. Und die machen einfach einen ausgezeichneten Job: Musikalisch zeigt sich die Band von Elvis bis Rammstein extrem wandelbar und variantenreich. Gerade bei Ikonen wie beispielsweise Freddie Mercury wird glücklicherweise nicht versucht, eine Kopie zu präsentieren, sondern vielmehr eine adaptierte Interpretation. Gerade durch die Musikzusammenstellung bedient das Stück ein breit gefächertes, generationenübergreifendes Publikum.

Guess who’s back … der Teufel

Doch so einfach lässt sich mit der Geschichte – ob Sage hin oder her – nun doch nicht abschließen. Guess who’s back … der Teufel (Kristóf Gellén) und damit ist the Zeit der Rache gekommen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Stück nun durch das sehr unterhaltsame und abwechslungsreiche Zusammenspiel zwischen Teufi und Steini dominiert. Teufi will natürlich seine drei Seelen und wird mit seiner Forderung recht konkret: Steini, Heidi und Carsten sollen es sein. Beim Auftritt des Teufels wird das etwas eingestaubte Setting mit Steini und seinen beiden Assistenten vom Hochbauamt angenehm aufgerüttelt. Mit zahlreichen Anglizismen und schlagfertigen Repliken durchbricht Teufi dieses fein orchestrierte Trio. Davon lebt der Unterhaltungswert über weite Strecken, ohne den die schauspielerischen Szenen in »Jenseits von St. Emmeram« so nicht denkbar wären.

Teufi lässt nicht eine Gelegenheit aus, um Steini und dem Publikum aufzuzeigen, dass er bzw. eigentlich der Wortbruch von Steinis Ururururururhochzweigroßvater für allerhand Merkwürdigkeiten in Regensburg verantwortlich war und sind. Ob Wohnungsnot oder das nie stattgefundene Elvis-Konzert, der Teufel hatte wohl bei so einigem seine sehr hitzeempfindlichen Finger im Spiel. Doch gerade die (ohne Zweifel beeindruckende) Elvis-Interpretation läuft ins Leere, da diese in ihrer Ausführlichkeit den erzählten Rahmen unserer Meinung nach ein wenig zu sehr strapaziert.

Kristóf Gellén gibt einen humorvollen und stilsicheren Teufel ab. © Jochen Klenk

Ein top moderner Teufel mit Musikgeschmack

Dank FLUX-Kompensator (für sein Alter ist der Teufel technisch echt auf dem Stand von übermorgen, im Gegensatz zu Steini, der nicht nur musikalisch und modisch in den Achtzigern steckengeblieben zu sein scheint) und eigenwilligem Propheten (Silke Heise) stellt »Jenseits von St. Emmeram« auch noch ein paar mehr oder weniger überzogene Zukunftsszenarien vor. Sie reichen von einem zweiten Atlantis bis zu einer wüstenartig vertrockneten Gegend, die nur noch von wurmähnlichen, geistig verkümmerten Individuen bewohnt werden kann. Dass die Menschheit in 50 Jahren eine solche Rückentwicklung durchmacht und dennoch paradoxerweise zu einer technisch hochentwickelten Gesellschaft fähig ist, in der alle digital bestens vernetzt in ihren Höhlengängen liegen, erscheint mehr als fraglich.

Der tolle FLUX-Kompensator kann auch als Fernbedienung für eine digitale Band im Wohnzimmer verwendet werden. Im Streit um diese »Fernbedienung« sorgen Steini und Teufi, oder eigentlich eher die grandiose Band, für ein atemberaubendes Medley aus Hard-Rock, Schlagerparty und Neunziger-Pop, das beim Publikum promt den klassischen Musikantenstadl-Reflex des unkoordinierten Mitklatschens im Dreivierteltakt auslöst. Hier passt der Musical-Charakter des Stückes jedoch hervorragend in die Handlung und kreiert eine sehr unterhaltsame und abwechslungsreiche Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren und deren Musikgeschmäckern (wobei uns der vom Teufel eindeutig besser gefällt).

No Zeit der Rache

Aber gute Musik hin oder her, der Teufel lässt sich trotz zwischenzeitlicher fast freundschaftlicher Annäherungen mit Steini nicht von seiner Forderung abbringen. Netterweise, für den Spannungsbogen jedoch wenig hilfreich, bietet der Teufel Steini noch eine letzte Chance an, den Kopf im Pokerspiel aus der Schlinge zu ziehen. Das ganze geht jedoch ziemlich in Hose und Teufi freut sich schon auf die Neuzugänge in der Hölle, an deren Schwefelgeruch man sich seiner Aussage nach auch schnell gewöhnen würde. Wer jetzt glaubt, damit sei the Zeit der Rache gekommen, liegt jedoch falsch. Aber wenn Ihr wissen wollt, wie Steini und seine Kollegen vom Hochbauamt dem eigentlich doch ganz sympathischen Teufel entgehen und was genau Captain Regensburg und Netto damit zu haben, dann müsst Ihr schon selbst einen Abend im Velodrom verbringen. Karten gibt es auf der Website des Theaters.

Insgesamt ist »Jenseits von St. Emmeram« eine Ode an Regensburg, in der die Domstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten – allen voran natürlich die Steinerne Brücke – durchaus selbstbewusst und in einer größtenteils angenehmen Humorfarbe präsentiert wird. Reflexive Selbstkritik übt das Stück allerdings auch, hauptsächlich an der prekären Wohnsituation, an der sich Immobilienmogule spielerisch eine goldene Nase (oder in diesem Fall: einen goldenen Bauch) verdienen. Frei nach dem Motto: gewohnt wird ja immer.

 

Beitragsbild: Steffi Denk und Markus Engelstätter mit Band und Tänzerinnen

Alle Fotos von © Jochen Klenk

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