Move:ment: »Promising Young Woman«: Gesellschaftskritik in Pastellfarben

Move:ment: »Promising Young Woman«: Gesellschaftskritik in Pastellfarben

Schon der Einstieg in den Film ist schwer zu ertragen. Cassie (Carey Mulligan) hängt mehr, als sie sitzt, in einer Bar. Wie Jesus am Kreuz mimt sie das perfekte Opferlamm. Jede Woche geht sie in eine Bar und tut so, als wäre sie betrunken und hilflos. »Und jede Woche wieder kommt ein ›netter Typ‹ und fragt, wie es mir geht«. Ein paar Szenen weiter versucht der »nette Typ« sie auszuziehen und trotz ihrem »Nein« und »Ich will nach Hause« Sex mit ihr zu haben. Sie lässt ihn gewähren – bis sie sich irgendwann als wach und vollkommen zurechnungsfähig outet und den »netten Typen« damit konfrontiert, dass er gerade einen sexuellen Übergriff begeht. Nachts wird sie zum Rachenegel, der alle seine »Opfer« auf einer Strichliste festhält.

Man* kann sich kaum vorstellen das sie sich nachts »Blowjob-Lippen« schminkt und übergriffigen Männern eine Lektion erteilt. Tagsüber arbeitet sie in einem Coffee Shop – dabei hat sie eigentlich Medizin studiert.

In den Rückblenden wird schnell klar, warum Cassie das Studium geschmissen hat: Ihre beste Freundin, Nina, wurde auf einer College Party vergewaltigt. Ihr wurde nicht geglaubt, später beging sie Suizid. Zurück blieb ihre beste Freundin Cassie. Zwei vielversprechende junge Frauen, die durch vielversprechende junge Männer für immer geschädigt wurden.

Der Titel des Films ist eine Anspielung auf Brock Turner. Turner war Leistungsschwimmer und Stanford Student. Er hat als 19-Jähriger eine Kommilitonin, Chanel Miller, auf dem Campus vergewaltigt. Er verging sich hinter den Mülltonen an der bewusstlosen Miller und ließ erst von ihr ab, als zwei schwedische Austauschstudenten ihn bemerkten. Für diese Tat wurde er nur zu sechs Monaten Haft verurteilt, von denen er lediglich drei Monate absitzen musste, weil er nicht vorbestraft war. Im Verfahren bezeichnete der Richter ihn als »promising young man«, dem eine längere Haftstrafe nicht zugemutet werden könne, weil ihn das in seinem weiteren Leben »schwer beeinflussen« würde. Der Richter wurde später abgewählt. In den USA werden County-Richter und Sheriffs von der Bevölkerung gewählt, eine Abwahl ist trotzdem extrem selten. Dies war wohl nur möglich, weil die 23-jährige Chanel Miller einen bewegenden offenen Brief an den Täter schrieb, der großes Aufsehen erregte.

Diese Zustände kritisiert »Promising Young Woman«. Kernthema ist, dass die Gesellschaft »promising young men« schützt, aber die vielversprechenden jungen Frauen nicht. Im Laufe des Films stattet Cassie vielen Beteiligten einen Besuch ab und erteilt ihnen eine Lektion. Ob die Freundin, die ihr nicht geglaubt hat, die Dekanin der Uni oder der Anwalt, der damals »Dreck« über Nina ausgraben sollte und sie so unter Druck gesetzt hat, dass sie ihre Anzeige fallen ließ.

Der Film entwirft einen Alptraum der gewöhnlichen Durchschnittstypen, der dadurch um so beklemmender wird. Die Männer sind »ganz normal«, einer wohnt sogar noch bei seinen Eltern. Keiner von ihnen nimmt sich auch nur eine Sekunde als sexuell übergriffig wahr. »Ich bin ein netter Typ«, verteidigt sich der Mann aus der Anfangsszene und entpuppt sich damit als die größte Gefahr für Frauen: der nette Typ von nebenan, der nie einer Frau etwas antun würde. Oder etwa doch?

Verstärkt wird dieser Film noch durch die bedingungslose Loyalität unter Männern, die vor allem in dem turbulenten und absolut unvorhersehbaren Ende ins Extrem getrieben wird.

»Promising Young Woman« ist das Regiedebüt von Emerald Fennell. Sie kannte man bisher vor allem als Schauspielerin, zuletzt als Camilla Parker Bowles in der Netflix-Erfolgsserie »The Crown«. Zudem produzierte sie die Serie »Killing Eve«. Bei den Oscars 2021 war der Film gleich in fünf Kategorien nominiert, am Ende gewann er den Oscar für das beste Originaldrehbuch.

Er wird häufig als »Me-Too-Rachethriller« bezeichnet. Die Rache in »Promising Young Woman« ist plüschig und clever. Carey Mulligan ist keine bösartige Rachegöttin wie Uma Thurman in »Kill Bill«. Sie sieht unschuldig aus mit ihren blonden Locken, ihren Fingernägeln in pastelligen Regenbogenfarben und ihren unschuldigen Blümchenkleidern. Dieser Kontrast macht den Film erst so interessant.

Faszinierend ist auch, dass »Promising Young Woman« ein Film über Vergewaltigung ist, in dem nicht einmal das Wort »Vergewaltigung« auftaucht und es keine einzige Nacktszene gibt.

Überhaupt, keiner der Schuldigen im Film will wahrnehmen, welche misogynen Muster sie immer wieder abspielen. Für so etwas angeklagt zu werden sei der schlimmste Alptraum eines jeden Mannes, behauptet ein sehr netter, vielversprechender junger Mann, der auf gar keinen Fall seine »heiße« Verlobte betrügen will und auch auf keinen Fall eine Szene zuvor mit einer Stripperin im Krankenschwesterkostüm geflirtet hat.

Cassie gibt belehrend zurück: »Kannst du erraten, was der schlimmste Alptraum einer Frau ist?«

Beitragsbild: © Focus Features

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