Lautstark: Wenn Glaube auf Wahn trifft – Drab Majestys »The Demonstration«

Lautstark: Wenn Glaube auf Wahn trifft – Drab Majestys »The Demonstration«

Was bewegt Menschen dazu, einem Kult beizutreten? Ist es harmlose Neugier? Sind es desillusionierte Seelen, die sich verzweifelt an einer heilsversprechenden Ideologie festklammern? Oder ist die Aura, welche den*die Kultführer*in umgibt, so anziehend und elektrisierend, dass man* irgendwann schlicht und ergreifend nicht mehr fähig ist, von ihr loszukommen und wie in einem Spinnennetz gefangen ist? Wirft man* einen Blick auf die Historie solcher Gruppen, beantwortet meist eine Mischung aus allen drei Faktoren die Eingangsfrage. Neben ihrer Struktur und verqueren Ideologie haben viele Kulte jedoch vor allem eins gemeinsam: Ihr gewaltsames Ende. Das düstere Album »The Demonstration«(2017) von Drab Majesty behandelt genau ein solches jähes Kultende, nämlich das von Heaven’s Gate.

von Celina Ford

Dark Wave for Dark Themes

Gibt es ein Genre, welches besser dazu geeignet ist, über absolute emotionale Hingabe und diesseitige Tristesse mit einer Prise Okkultismus zu sinnieren, als Dark Wave? Mir fällt spontan keines ein. So wie sich der Name liest, klingt es auch: Eine dunkle Welle an Noten rollt über die Hörer*innen hinweg. Der Sound des Genres ist kalt und distanziert. Von menschlichen Emotionen losgelöste Drum Machines geben einen steten Rhythmus vor, der von elegischen, nebelig-fuzzigen Synths und glitzernden Gitarrenakkorden begleitet wird und sich schließlich im Hall vollends auflöst. Gepaart mit der charakteristisch tiefen und halbtoten Stimme – nicht unähnlich wie im Gothic Rock – kreiert das Genre eine düster-romantische Atmosphäre, die im Szeneclub Edgar Allen Poe, Ian Curtis, Morticia Addams und Elvira, Mistress of the Dark, auf die Tanzfläche locken würde.

Das Albumcover zu »The Demonstration«. © Last.fm

Drab Majesty haben diesen nischigen Sound, den sie selbst »Tragic Wave« nennen, nach der Veröffentlichung der EP »Unarian Dances« (2012) und der LP »Careless« (2015) mit »The Demonstration« (2017) perfektioniert. Die richtige Ästhetik ist für die in Los Angeles situierte Band jedoch mindestens genauso wichtig wie ihr Klang. Zwei weiß angemalte Gestalten, die Augen hinter tiefschwarzen Sonnenbrillen versteckt: Das ist die visuelle DNA von Drab Majesty. Andrew Clinco alias Deb Demure und Alex Nicolaou alias Mona D predigen als androgyne, okkult anmutende und alienhafte Skulpturen von den Bühnen der Welt herab – laut Interviews der einzige Weg, um einen meditativen Zustand in ihrer Performance zu erreichen. Und diese alienhafte Ausstrahlung macht sie zu der Band, um über das Schicksal von Heaven’s Gate wehzuklagen.

Enjoy The Next Level…

Flashback zum Jahr 1997. Die US-Medien überschlagen sich, als bekannt wird, dass sich ein nördlich von San Diego und isoliert lebender Kult selbst ausgelöscht hat. Prompt werden wieder Erinnerungen an das Massaker von Jonestown wach. Doch im Gegensatz zu der in Guyana autark lebenden, christlichen Gemeinde des Predigers und Elvis-Lookalikes Jim Jones legte diese Sekte mit ihrer Überzeugung eine Schippe drauf: Aliens und UFOs werden die Erlösung bringen.

In den 1970er Jahren gründen Marshall Applewhite und Bonnie Nettles jene zum Ende des Jahrtausends berüchtigt gewordene Gruppe Heaven’s Gate. Ein Mix aus Ufoglauben, New Age-Esoterik, evangelikalem Christentum und Star Trek-Fanclub für verwaschene und enttäuschte Anhänger*innen der 1960er-Bewegung. Die Mitglieder*innen lebten nicht nur alle asketisch, sondern kleideten sich zudem in identische Gewänder und wohnten als Kommune in einer Villa. Applewhite und Nettles, die sich Do und Ti nannten, vertraten die Ideologie, dass ihre Gruppe von Aliens in einem Raumschiff abgeholt werden würde, sie und ihre Anhänger*innen somit das irdische Leben zurücklassen könnten, sich biologisch zur nächsten Stufe weiterentwickeln und endlich den menschlichen Zustand transzendieren würden.

Als Nettles Mitte der 1980er Jahre jedoch starb und Applewhite die alleinige Führung übernahm, war es vorbei mit dem bis dahin noch harmlosen und von vielen belächelten Ufoglauben. Da ihr Tod mit dem Glaubenssystem der Gruppe unvereinbar war, drehte Applewhite die Sci-Fi-Doktrin so hin, dass das willentliche Verlassen des Körpers, beziehungsweise des Vehikels, ebenfalls eine Möglichkeit war, um auf ein Raumschiff transportiert zu werden. Das Zurücklassen des eigenen Körpers allein war hierfür jedoch nicht ausreichend. Notwendig für das Übertreten zum nächsten Level war zudem, dass sich die Gruppe so weit wie möglich von ihren Mitmenschen abgrenzt. Übersetzt heißt das: Der Kontakt zur Familie und Freunden muss abgebrochen und die eigene Individualität aufgegeben werden. Für letzteres wurde eine Namensänderung vorgenommen. Eine Kombination aus drei Buchstaben des ursprünglichen Namens und die Endung -ody bildete die neue Anrede. Spätestens hier hätten alle Alarmglocken läuten müssen. Doch trotz dieser absurden Forderungen blieben fast alle Anhänger*innen des Kults Applewhite treu – obwohl sie im Gegensatz zu anderen Sekten jederzeit freiwillig gehen konnten.

Das Logo von Heaven’s Gate auf ihrer Website, die immer noch im WWW herumgeistert. © laist.com

Was die Gruppe jetzt noch brauchte, war ein Zeichen. Und dieses Zeichen kam in der Gestalt des Kometen Hale-Bopp. Dieser würde, so die Hoffnung von Heaven’s Gate, ein Raumschiff mitführen, sie zum nächsten Level transportieren und sie so vor dem bevorstehenden »Recycling«, einer Art Reinwaschung der Erde und Apokalypse, retten. In den Tagen vor der Umsetzung ihres Plans – einem Massensuizid – nahm Applewhite das Video »Do’s Final Exit«, welches ihre Pläne detailliert darstellte, auf und schickte es als VHS-Kassette an ein paar wenige Auserwählte, die ihre Botschaft verkünden sollten. Die restlichen Mitglieder*innen nahmen ebenfalls Videos auf – Abschiedsvideos, in denen sie ihre Entscheidung erklärten.

Es geschah, was geschehen musste. Zwischen dem 24. und 26. März 1997 nahmen Applewhites Jünger*innen in drei Gruppen aufgeteilt eine Mixtur aus Phenobarbital und Vodka zu sich, legten sich in ihre Hochbetten und warteten auf ihr Ende. Nach dem Tod der ersten Gruppe bedeckten die verbliebenen Mitglieder*innen die Gesichter der Verstorbenen mit einem violetten Tuch – ein Prozess, der sich bis zur letzten Person in der finalen Gruppe durchzog. Einige Tage später fand man* insgesamt 39 leblose Körper in identische, schwarze Jogginganzüge gekleidet, mit Nike Decades-Schuhen (die danach nicht mehr produziert wurden und jetzt zu Wucherpreisen verhökert werden) an den Füßen und mit Reisetaschen neben ihren Betten vor. Zudem trugen alle Ufogläubigen ein Armband mit der Aufschrift »Heaven’s Gate Away Team« um ihr Handgelenk und hielten als Inside-Joke etwas Kleingeld für den Transport in ihren Hosentaschen bereit. Und obwohl der Kult ein tragisches Ende nahm, gibt es heute immer noch zwei Anhänger*innen von Applewhites und Nettles‘ Ideologie, die die Heaven’s Gate-Website in ihrer ursprünglichen Form weiterbetreiben – inklusive verpixelten 90s-Grafiken und grüner Schrift auf schwarzem Hintergrund. Sehr weird, aber für alle, die wie ich etwas tiefer graben wollen, sehr interessant.

Wo waren wir doch? Ach ja, bei Drab Majesty. Obwohl man* Heaven’s Gate leicht als Spinner abtun könnte (wobei man* nie sicher sein kann, dass Aliens nicht doch existieren, so who knows?), nimmt sich das Duo dieser Thematik mit einer aufrichtigen Ernsthaftigkeit und viel Empathie an. Deb und Mona wollen verstehen, wie sich Menschen einer solch absurden Idee so bedingungslos hingeben und für ihren Glauben das ultimative Opfer bringen können.

Anspielungen auf den Kult lassen sich deshalb überall finden. Das fängt mit dem Namen der LP an und endet mit den Roben, den Kameraeffekten, dem Setting und den Symbolen in den Musikvideos, welche alle Marshall Applewhites und Heaven’s Gates Stil imitieren. Auch die Songs selbst streben eine facettenreiche Aufarbeitung des Themas an. So dröseln Drab Majesty in prachtvoller Dark Wave-/Tragic Wave-Manier nicht nur das Glaubenssystem der Gruppe auf, sondern denken sich auch in die Gefühlswelt der Hinterbliebenen hinein und schlüpfen natürlich auch in die Rolle eines Heaven’s Gate-Mitglieds.

Auf »Not Just a Name«, eine Anspielung auf die erzwungene Namensänderung der Anhänger*innen, singt Deb beispielsweise anklagend:

You said we would be recycled
Took a hold of our souls just make us the same
Called me something I wasn't it's not just a name
Take your time taking minds just to stay in the game
Made me someone I wasn't it's not just a name

Und auf »Forget Tomorrow« wird das Ende der Gruppe im Detail und ungeschönt aufgearbeitet:

Shoot it up
Ready to take a pill, juice the cup
Phenobarbital, loosen up
Drift away in the bottom bunk

Klar könnte man* jetzt sagen, dass es geschmacklos ist, weiter so auf einer Tragödie dieses Ausmaßes rumzureiten und den Finger in die Wunde zu legen. Aber wie soll man* sonst derartige Ereignisse verarbeiten? Natürlich gibt es zig Dokumentationen über Heaven’s Gate, doch nur in der Kunst darf man* den Bogen überspannen und das Geschehene auf persönliche und unkonventionelle Art und Weise verarbeiten und neu interpretieren. Und wer weiß, ob die Gruppe vielleicht nicht doch das nächste Level erreicht hat. »The Demonstration« zufolge ist das gar nicht so unwahrscheinlich.

Titelbild: © Interview Magazine

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