Mov:ement: Klaus Kinski – »Filme machen ist besser als Toiletten putzen«

Mov:ement: Klaus Kinski – »Filme machen ist besser als Toiletten putzen«

»Wahnsinniger Tyrann«, »unerträglicher Selbstdarsteller« oder aber »genialer Schauspieler mit dämonischer Ausstrahlung«: Klaus Kinski ließ niemanden kalt, sondern teilte und teilt das Publikum in zwei unversöhnliche Lager. Insbesondere Schurkenrollen machten Kinski zu einem der wenigen deutschen Weltstars des Kinos. Sein Größenwahn gilt als legendär, genauso wie seine Tobsucht und Übergriffe. Seinen Ärger entlud er in privaten Ausschweifungen und Exzessen. Zertrümmerte Luxusrestaurants, verprügelte Polizisten, unzählige sexuelle Affären und mehrere gescheiterte Ehen erzählen von dem Weg eines kompromisslosen Egomanen, der bürgerliche Konventionen weder beachtete noch respektierte.

von Friederike Hirth

»Ich bin nicht hervorragend. Ich bin monumental!«

Der junge Kinski (geboren am 18. Oktober 1926 in Zoppot) kam durch einen Zufall zum Schauspiel. Als Angehöriger der Luftwaffe geriet er 1944 in britische Kriegsgefangenschaft, wo er seinen Beruf – oder vielmehr seine Berufung – fand. Ohne eine eigentliche professionelle Ausbildung als Schauspieler arbeitete er sich nach oben. Mit seinen Klassikerprogrammen absolvierte er in den 50er-Jahren in ganz Deutschland Tourneen, füllte auch Säle in Österreich. Nicht nur seine Filme, auch seine öffentlichen Auftritte wirkten wie ein großes Schauspiel. Als ewiges »Enfant terrible« hatte er Narrenfreiheit und jahrzehntelang sah die Öffentlichkeit ihm gebannt zu – mal amüsiert staunend, mal erschrocken schaudernd: Ist das real? Ist dieser Egomane wirklich so aufbrausend und unberechenbar, oder inszeniert er das nur zur Selbstvermarktung? Heute scheint klar: Sein Zorn und die Wutausbrüche waren echt. »Ich spiele nicht! Ich bin es!«, brüllte Kinski einst, als ihn mal wieder ein Journalist fragte, wie er denn diese oder jene Rolle angelegt habe.

Kinskis Kunst war es, zu brennen und auf der Leinwand gelang es ihm, sämtliche Facetten der Schauspielerei darzubieten. Seine viel zu großen Augen, so schrieben bereits seine ersten Kritiker*innen, seien von einer »bedrückenden Kindlichkeit und wohnten in einem uralten Gesicht«. Dem breiten deutschen Publikum galt er oft nur als der Quartalsirre oder Kotzbrocken. Doch die Größten der Branche verehrten ihn. Der deutsche Schauspieler Bruno Ganz etwa drehte mit Kinski 1979 »Nosferatu« und erinnert sich in Christian Davids Kinski-Biografie, wie er »die Krone aufhatte. Er war in seiner Art von mondänem Star-Sein angekommen«. Regisseur Werner Herzog beschreibt ihn als ebenfalls als außerordentlich fleißigen Schauspieler, der seine Rollen tagelang einstudierte, allerding auch (oft grundlose) Wutanfälle entwickelte – insbesondere dann, wenn er den Eindruck hatte, nicht genügend Aufmerksamkeit zu bekommen. So kam es auch vor, dass er als junger Mann seine Rezeptionen (»Kinski besitzt erhabene schauspielerische Magie. Eine Flamme, die aus sich selbst brennt«) selbst tippte, da ihm die hymnischen Kritiken nicht reichten. Den Zeitungen schickte er teuer produzierte Starporträts gleich mit.

Oft verkörperte er in Filmen Psychopathen und Schurken; diese Festlegung schien Rückschlüsse auf seinen Charakter zu gestatten. In der Tat trat er selbst in der Öffentlichkeit exzentrisch und aggressiv auf. Als legendäres Beispiel lässt sich eine Berliner Vorstellung seiner polarisierenden »Jesus Christus Erlöser«-Bühneninszenierung nennen, in der er Zwischenrufe aus dem Publikum wütend mit „Du dumme Sau“ und „Scheiß-Gesindel“ beschimpfte. Kinskis wichtigster Regisseur Werner Herzog, der in München mit Kinski kurz zusammenwohnte, beschrieb einmal einen seiner Wutausbrüche und erzählte, wie der Schauspieler Anlauf nahm und in der Küche lossprintete, um durch die geschlossene Wohnungstür zu rennen. Zwecks Besänftigung lud Herzog zum Essen einen Theaterkritiker ein, der um Kinskis Gunst buhlte und dessen letzten Theaterauftritt als »hervorragend« lobte. Da soll Kinski ihm kochend heiße Kartoffeln ins Gesicht geschmissen und gebrüllt haben: »Ich bin nicht hervorragend. Ich bin monumental!«.

Die Werke Kinskis

Bereits Ende der 1940er Jahre erhielt Klaus Kinski die Gelegenheit, sein Schauspieltalent, das er durch autodidaktische Übungen erlernt hatte, auf Berliner Nachkriegsbühnen zu präsentieren. Jedoch ließ er sich nicht in das Korsett eines geregelten Ensemblebetriebs einzwängen, warf die Fensterscheiben der Wohnung seines Förderers ein und begann seine Laufbahn als »Exzentriker der Bühne und des Lebens«. Seinen ersten triumphalen Erfolg feierte Kinski mit Jean Cocteaus Einakter »La voix humaine« – verkleidet als Frau (für das prüde Berlin der 1950er Jahre ein Skandal!). International bekannt wurde Klaus Kinski schließlich mit seiner Arbeit beim Film. Schon seit der zweiten Hälfte der 1940er Jahre immer wieder auf der Leinwand zu sehen, erlangte er insbesondere durch seine Auftritte in zahllosen Edgar-Wallace-Filmen Popularität, in denen er die Rolle des dem Wahnsinn nahen Bösewichts abonniert hatte. Auch Filme wie »Doktor Schiwago« oder »Für ein paar Dollar mehr« und beinahe auch »Jäger des verloren Schatzes« (Kinski lehnte Spielbergs Angebot in einem Anfall von Hochmut ab) verhalfen ihm zum Durchbruch. Diese Filme fand der Schauspieler selbst – wie auch die meisten anderen seiner über 160 Filme – »zum Kotzen«.

Meistens spielte Kinski Mörder, Irre oder merkwürdige Außenseiter; nur einmal schaffte er es, zur anderen ,„gerechten“ Seite zu gehören, nämlich in »Das Gasthaus an der Themse« (1962). Man* kann ihn in reichlich 20 solcher Edgar-Wallace-Kriminalfilme sehen, u.a. auch in »Das Rätsel der roten Orchidee« (1962). Ab circa 1964 war Kinski auch in qualitativ eher weniger guten Produktionen tätig und musste zumeist mexikanische Desperados, Geächtete, Kopfgeldjäger oder Schurken spielen. Zum Teil waren tatsächlich so schlechte Filme dabei, dass man* absolut nichts verpasste, wenn man* sie nicht gesehen hat.

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Werner Herzog in den 1970er- und 1980er- Jahren erfüllte sich Kinski 1987 mit dem Film »Kinski Paganini« einen langgehegten Traum: Er schrieb nicht nur das Drehbuch und spielte die Hauptrolle, sondern er übernahm, nachdem Werner Herzog das Buch mehrmals als unverfilmbar bezeichnet hatte, schließlich auch selbst die Regie und den Schnitt. »Kinski Paganini« ist nicht nur ein Porträt über den Violisten Niccolò Paganini, sondern er spiegelt ebenso sehr Elemente aus dem Leben von Klaus Kinski wider, nicht zuletzt sein ausschweifendes Sexleben und seine obsessive Suche nach der restlosen Begeisterung des Publikums für sein Schaffen.

Generell schenkte er Skripten und Anweisungen wenig Aufmerksamkeit (»Hin- und Herlatschen, damit die Regisseure auch mal sehen, warum sie keine Fantasie haben, das mache ich nicht«), sondern inszenierte sich selbst. Prinzipiell war er sowieso hauptsächlich daran interessiert, den jeweiligen Film so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Wenn er akzeptiert wird, so heißt es, war er am Set zumindest halbwegs diszipliniert und sorgte für einen reibungslosen und schnellen Arbeitsgang – so wie beispielweise bei Jess Francos »Jack the Ripper«, den er in acht Tagen »runterkurbelt«.

Ebenfalls einen Namen machte sich der Exzentriker mit seinen Rezitationsabenden. Für seine Vorträge hatte er sich nicht immer leichte Kost ausgesucht und bot so dem Publikum erst auf einer kleinen Wanderbühne, bis später hin zum Berliner Sportpalast Werke von Friedrich Nietzsche, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire. Seine Dichterlesungen gipfelten zuweilen in – um es vorsichtig auszudrücken – Unruhezuständen im Publikum.

© DLF Kultur

Das »Künstlerpaar« Herzog und Kinski

Eine entscheidende Wende in Kinskis Filmlaufbahn kam in den 1970er Jahren durch die Zusammenarbeit mit Werner Herzog, der den Schauspieler zu darstellerischen Höchstleistungen animierte bzw. provozierte: Als kongeniale, kompromisslose und gleichsam eigensinnige Künstler schufen Herzog und Kinski international gefeierte Meisterwerke wie »Aguirre«, »Nosferatu«, »Woyzeck«, »Cobra Verde« und »Fitzcarraldo«. Bei letzterem kam es mal wieder zu einem legendärem Tobsuchtanfall Kinskis, der später von sämtlichen Komikern parodiert wurde. »Gegen Schluss der Dreharbeiten boten mir die Indianer an, dass sie Kinski ermorden würden für mich«, erinnerte sich Herzog später in einem TV-Interview. »Die waren ganz ernst, sie hätten ihn tatsächlich ermordet, wenn ich das gewollt hätte«. Die fünf gemeinsamen Filme kann man* durchaus als Egotrips der beiden Künstler bezeichnen.

Obgleich Kinski einmal öffentlich zugab, gut damit beraten zu sein, nur noch für Werner Herzog zu drehen, empfindet er nichts weiter als Spott und Verachtung für den selbsterklärten Autodidakten. »Herzog ist ein miserabler, gehässiger, missgünstiger, vor Geiz und Geldgier stinkender, bösartiger, sadistischer, verräterischer, erpresserischer, feiger und durch und durch verlogener Mensch«. Obwohl für Herzog bei »Cobra Verde« das »Fass voll ist«, er in Kinskis Auftrag seinen Stammkameramann Thomas Mauch (»Dieser Mauch hatte nicht eine einzige Aufnahme im Kasten, die nicht auf den Misthaufen gehörte«) feuern musste und die Dreharbeiten immer wieder unterbrochen wurden, wurde das Ganze nur vom Drang gesteuert, den Film vor der Unfähigkeit seines Regisseurs zu retten: In der Endszene, die zeigt, wie er zum Scheitern verurteilt ein riesiges Boot ins Meer zieht, steigerte sich Kinski dermaßen rein, dass er beinahe ertrunken wäre.

Herzog brachte auf den Punkt, was wohl viele Mitglieder der Branche empfunden hatten: »Er war einfach die ultimative Pest. Leute wie Marlon Brando waren Musterschüler im Vergleich zu ihm«. Bei den Dreharbeiten zu »Aguirre« habe der Regisseur den Schauspieler sogar mit einem Gewehr bedroht: »Er wollte eines Tages das Set verlassen, weil er sich über das Essen ärgerte. Das konnte ich nicht durchgehen lassen«. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Waffe nicht geladen war.

Herzog thematisiert die Dynamik und die zahlreichen Konflikte ihrer künstlerischen Ausnahme-Partnerschaft später in seiner Dokumentation »Mein liebster Feind«.

Klaus Kinski war einer der wenigen deutschen Weltstars, ein Schauspieler mit vielen genialen Momenten. Er war ein Wahnsinniger – und ein Widerling, der offenbar die eigene Tochter Pola Kinski über ein Jahrzehnt lang sexuell missbraucht hatte. In ihrer Autobiografie »Kindermund« schildert Kinskis älteste Tochter eine Jugend »wie in einem besonders finsteren Grimmschen Märchen«, ihren Vater als Scheusal, das sich schon am kleinen Mädchen verging. Das Buch ist eine Anklage gegen seine körperlichen wie seelischen Übergriffe. Ihr Vater kann sich nicht mehr verteidigen. Die Schilderung Pola Kinskis wurde jedoch allgemein als glaubwürdig empfunden und mittlerweile auch durch Vorwürfe anderer Frauen untermauert. So erklärte seine zweite Tochter Nastassja Kinski, er habe auch sie mit Annäherungsversuchen belästigt, als sie vier oder fünf Jahre alt gewesen sei. »99 Prozent der Zeit hatte ich fürchterliche Angst vor ihm. Er war so unberechenbar, hat die Familie immer terrorisiert.« Würde er heute noch leben, würde sie alles dafür tun, ihn hinter Gitter zu bringen. Auch die Moderatorin Désirée Nosbusch berichtete, sie sei als 15-Jährige während eines Interviews von ihm bedrängt und dann in einer Waldhütte eingesperrt worden.

Klaus Kinski starb vereinsamt am 23. November 1991 in Lagunitas, Kalifornien, an einem Herzinfarkt. Sein Nachruhm wird erschüttert durch die Bekenntnisse seiner älteren Tochter.

Ist es überhaupt erlaubt, den Schauspieler Kinski zu bewundern? Es hat unter großen Künstler*innen so manche Scheusale und Egoman*innen gegeben. Für Kinskis Opfer ist es allerdings nicht möglich, das Leben vom Werk abzukoppeln: »Wenn ich ihn in Filmen gesehen habe, fand ich immer, dass er genauso ist wie zu Hause«, sagte Pola Kinski in einem Interview.

Kinskis wohl berühmtesten Ausraster könnt ihr hier bewundern:

Beitragsbild: © Bild

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