Feminis:muss: Zum 1. Mai bitte keine Pralinenschachtel

Feminis:muss: Zum 1. Mai bitte keine Pralinenschachtel

Bereits zum zweiten Mal musste der Tag der Arbeit unter Corona-Bedingungen stattfinden. Abseits von vereinzelten größeren Demos wie in Berlin oder Hamburg fanden viele Kundgebungen in abgespeckter Version oder im World-Wide-Web statt. Doch egal ob auf der Straße oder im digitalen Raum: Neben Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum, fairer Entlohnung, gerechter Verteilung der Pandemiekosten und antirassistischen Aktionen dominerte vor allem ein Thema den Tag, nämlich die Pflegeberufe.

von Celina Ford

Die Corona-Krise hat uns viele neue Floskeln beschert: »Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas«, »Das sind systemrelevante Berufe« und natürlich »Ich bin mütend«. Ja, die Pandemie wirkte und wirkt tatsächlich immer noch wie ein Brennglas, das den Fokus auf viele Arbeiter*innen in systemrelevanten Berufen legt, die mütend sind und kurz vor dem Kollaps stehen. Und das nicht erst seit Corona, sondern bereits seit Jahren.

Schokolade kann die Welt nicht retten

Es war ja ganz nett, als sich zu Beginn der Pandemie die Leute in den Städten von der Couch auf den Balkon bewegten und für das Pflegepersonal klatschten, die Verkäufer*innen an der Supermarktkasse nicht mehr lediglich als ein menschlicher Scanner wahrgenommen wurden und man* merkte, wie wichtig Kinderpfleger*innen nicht nur für die Knirpse, sondern auch deren Eltern sind. Doch vom gut gemeinten Klatschen und einer Schachtel Merci kann man* halt leider einfach nicht gut leben.

Ich würde vermutlich nicht mal eine Schicht als Krankenpflegerin durchhalten, ohne in eine Ecke zu kriechen und vor Erschöpfung zu heulen. Jede*r, die*der sich die vierteilige rbb-Dokumentation »Charité intensiv: Station 43« angesehen hat, konnte mit eigenen Augen sehen, was für eine physische und vor allem psychische Belastung die Arbeit in den Krankenhäusern nun mehr seit über einem Jahr ist. Davor war es natürlich auch schon ein Knochenjob, doch in Kombination mit der Pandemie grenzt es wirklich an ein Wunder, dass die Menschen nicht reihenweise das Handtuch werfen. Vor allem wenn man* bedenkt, dass sich geld- und personaltechnisch noch nicht viel verbessert hat.

Im SPD-Zukunftsgespräch vom 24. April (diesen Jahres!) unterhielt sich Bundesfinanzminister, Vizekanzler und Kanzlerkandidat Olaf Scholz unter anderem mit dem Gesundheits- und Krankenpfleger Alexander Jorde über die Zukunft der Pflege. Dieser plädierte für eine 35-Stunden-Woche, eine geregelte Personaluntergrenze und vor allem für bessere Gehälter, um diesem Job, den viele natürlich leidenschaftlich gern ausüben, weiterhin nachgehen zu können. 

Neben den klassischen, sichtbaren Pflegeberufen gibt es aber natürlich noch die Care-Arbeit, die hinter verschlossenen Türen passiert und größtenteils unbezahlt ist: die Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen und die Organisation des Haushalts. Alles Aufgabengebiete, die überdurchschnittlich auf die Schultern von weiblichen Personen abgeladen werden und seit über einem Jahr irgendwie mit Home Office unter einen Hut gebracht werden müssen. Das heißt, wenn man* das Glück hat, in einem Beruf zu arbeiten, der das Remote Working erlaubt und somit auch besseren Schutz vor einer Ansteckung bietet. Dennoch ist dieser Balanceakt eine enorme Doppelbelastung und muss honoriert werden. Besagtes Brennglas zeigt nämlich, wie schnell man* doch wieder in alte Rollenmuster verfällt – oftmals zum belastenden Nachteil der Frau.  

Zentraler Punkt: Solidarität

Aber zurück zu den konkreten Forderungen der Kundgebungen. Reiner Hoffmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), lobte unter dem Motto »Mit Solidarität durch die Krise« zwar die Arbeit der Gewerkschaften während der Pandemie, die beispielsweise die Verlängerung und Erhöhung des Kurzarbeitergelds und mehr Arbeits- und Gesundheitsschutz durchsetzen konnten, mahnte aber gleichzeitig vor einer Instrumentalisierung der Krise, um Jobs abzubauen und Lohn-Dumping zu betreiben. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann forderte eine faire Lastenverteilung mit Blick auf die Gewinner und Verlierer der Pandemie. Und ver.di-Vorsitzender Frank Werneke verlangte echte Hilfe und Unterstützung für die vielen Menschen in Kurzarbeit und in systemrelevanten Berufen. 

Politiker*innen wie die Grünen-Chefin und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, CDU-Chef und Kanzlerkandidat Armin Laschet lobten die Arbeit der Pfleger*innen, forderten aber gleichzeitig eine deutliche Verbesserung der Arbeitsverhältnisse. Bundeskanzlerin Angela Merkel legte den Fokus auf oftmals übersehene Arbeitnehmer*innen und dankte ihnen für ihre Solidarität und Geduld. 

Wenn man* sich jetzt noch ein letztes Mal der Brennglas-Metapher bedienen will, lässt sich festhalten, dass die Pandemie vor allem eins zeigte: Nichts, absolut gar nichts läuft ohne die vielen Menschen in den systemrelevanten Berufen. Wir hätten kein belastbares und funktionierendes Gesundheitssystem, wir würden ohne die Entlastung durch die Kinderbetreuung untergehen und wir hätten uns definitiv nicht tonnenweise mit Nudeln und Klopapier eindecken können. Schokolade und nette Worte reichen nicht aus. Sie drücken höchstens Anerkennung aus, was ja auch enorm wichtig ist, doch real kann man* sich davon nichts kaufen. Es braucht mehr Gehalt, mehr Personal, ein attraktiveres Arbeitsumfeld und auch mehr Unterstützung für psychische Herausforderungen im Job. Und das alles bitteschön nicht erst irgendwann nach der Krise, sondern sofort.

In diesem Sinne solidarische und feministische Grüße.

Beitragsbild: © Diana Polekhina via Unsplash

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