Mov:ement: Friede, Freude, Diversität und soziale Gerechtigkeit – Die 93. Oscar-Verleihung

Mov:ement: Friede, Freude, Diversität und soziale Gerechtigkeit – Die 93. Oscar-Verleihung

Da die 93. Oscar-Verleihung in der Nacht von Sonntag auf Montag stattfand, liegt natürlich nichts näher, als diese so frisch wie möglich in der darauffolgenden Mov:ement-Kolumne zu behandeln. Auch wenn es mir aufgrund puren Geizes sowie des Fehlens eines VPN-Providers leider nicht vergönnt war, die meisten der hier ausgezeichneten Filme anzusehen, war es trotzdem interessant, einen Blick auf die Oscars zu werfen. Endlich wieder eine Veranstaltung mit Big-Event-Charakter, die zumindest etwas Ablenkung vom tristen Corona-Einheitsalltag schafft, und die sogar auf verschiedene Arten die Zukunft der Hollywood-Filmbranche andeutet.

von Elias Schäfer

Von Anfang an ist die Devise der Veranstaltung klar. Hollywood präsentiert sich bunt: Die offiziellen Artworks der 93. Academy Awards sind in einem farbenfrohen, modernen Art Déco Stil gehalten, die Garderoben der wenigen Gäst*innen sind hauptsächlich hell und stylisch. Was jedoch sofort zu sehen ist: Von den in den letzten Jahren benutzten Hashtags #OscarsSoMale und #OscarsSoWhite kann hier kaum mehr die Rede sein. Fast schon auf Teufel-komm-raus präsentiert sich die Crème de la Crème der US-amerikanischen Filmlandschaft divers, tolerant, weltoffen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Oscars von reichen, weißen Männern (und teilweise auch Frauen) dominiert wurden; die Oscars sind nunmehr eine Bühne für Filmschaffende aus der ganzen Welt und sehen sich als globale, allgemeingültige Preisverleihung. Hollywood inszeniert hier quasi einen Neustart für sich selbst, der all die schon stark verkrusteten Strukturen der Vorjahre aufbrechen und ein neues Zeitalter der nicht nur künstlerisch wertvollen, sondern auch vor allem der diversen und gesellschaftlich-diskursiven Filme einläuten soll. 

Fast wäre das gar nicht möglich gewesen, denn – wie soll es auch anders sein – das Coronavirus brachte die Veranstaltenden der altehrwürdigen Verleihung ganz schön ins Schwitzen. Ein großes Event mit tausenden von Gäst*innen war keineswegs mehr möglich. Zudem sind die Kinos seit viel zu langer Zeit komplett dicht, weswegen die meisten Filme nur noch als Streamingversion auf den mittlerweile unzähligen Plattformen wie Netflix, Amazon Prime, HBO Max oder Hulu herauskamen. Die daraus folgende Umdisponierung war eigentlich ganz okay: Die nun mit zwei Monaten Verspätung anlaufende Hauptverleihung (erst die vierte Verschiebung in der Geschichte der Oscars!) fand nun in der Union Station, einer eleganten Bahnhofshalle in Los Angeles, statt, die gleichzeitige Teilnehmendenanzahl wurde auf 170 heruntergeschraubt. Filme, die nur über Stream verfügbar sind, wurden auch zur Teilnahme zugelassen und das Ganze wurde wie ein Filmset behandelt, um es den Gäst*innen zu ermöglichen, während der Übertragung keine Masken anziehen zu müssen. Die Präsentation war also, wie gesagt, ganz nett, wirkte aber natürlich nicht ganz so nach Big-Time-Feeling wie die letztjährigen Veranstaltungen. Aber mittlerweile ist nicht mal mehr das Mindeste selbstverständlich und so löst auch so ein kleiner Rahmen etwas Freude aus.

Etwas glamourös, etwas seltsam, etwas zu sehr gewollt

Der Saal in der Union Station, in der die Verleihung stattfand. © Yahoo

Im deutschen, ProSieben-eigenen Bereich des Red Carpet überzeugt Steven Gätjen mal wieder mit seiner Kompetenz, Souveränität und Eloquenz; der Mann ist auf jeden Fall richtig in seinem Job. Er versucht, sämtliche Sternchen zu stoppen, die an ihm vorbeilaufen, und das gelingt ihm sogar meist. So richten beispielsweise Carey Mulligan und Emerald Fennell (»Promising Young Woman«), Leslie Odom Jr. (»One Night in Miami«) oder Yoon Yeo-Jong (»Minari«) ein paar Worte an die deutschen Zuschauenden, im Falle von Paul Raci (»Sound of Metal«) sogar in zusätzlicher und bei Marlee Matlin (»Coda«) in vollständiger Gebärdensprache. Das Set-up ist hier ziemlich interessant, so müssen natürlich Social Distancing Regeln gewahrt werden, wodurch die Gäst*innen in einem zwei-Meter-Abstand von den Interviewenden stehen und ganz in Ruhe ohne jegliches Gedränge Fragen beantworten können. Schließlich begleitet uns die Schauspielerin und Regisseurin Regina King in den Bahnhofssaal, in dem schon die 170 Gäst*innen, die im Verlauf des Abends immer wieder ausgetauscht werden, warten und tosenden Beifall spendieren. Regina King ist auch diejenige Frau, die die Oscars offiziell eröffnen darf. Während in den vorhergehenden Jahren der Eröffnungsmonolog spektakulär war und in die witzige Richtung ging, stolpert King erst einmal unter den Sounds von Questlove, Mitbegründer der Hip-Hop-Gruppe »The Roots«, auf eine quirky Art und Weise auf dem Weg zum Podium und wird dann ernst, als sie George Floyds Ermordung und ihre Bedenken über die Sicherheit ihres Sohnes in diesem Land anspricht. Allzu viel Brisantes, Bahnbrechendes passiert dann allerdings nicht mehr: Die leider sehr zahnlosen, ergo willkommenen quasi-Protestreden der Gäst*innen ziehen sich schließlich durch den Abend, um wirklich jeder Person klarzumachen, dass Hollywood sich in einer Art friedlichen Revolution von Grund auf geändert habe und an der Vorfront für soziale Gerechtigkeit kämpfe.

So werden in einer gewohnt willkürlich wirkenden Reihenfolge die goldenen Männchen in einer schon leicht kinematischen Aufmachung, für die sich Steven Soderbergh verantwortlich zeigte (und jeder Person, die eine Dankesrede hält, anscheinend angewiesen hat, dass diese sie doch bitte emotional vortragen soll?) herausgegeben. Dabei wird penibel darauf geachtet, immer mal wieder irgendwelche »firsts« und intersektionale Repräsentanz mit in den Mix zu bringen. Das soll nicht einmal ein Vorwurf sein, denn sämtliche Preisträger*innen haben sich die Awards redlich verdient und vor allem ist es unglaublich wichtig, Filmschaffenden abseits des White Mainstreams Gehör zu verschaffen. Jedoch bleibt während der ganzen Prozedur ein fader Beigeschmack zurück: Es wirkt zu sehr über das Knie gebrochen, zu erzwungen, streckenweise sogar zu platt. Hollywood hat diese Veränderung hin zu mehr intersektionaler Gerechtigkeit sichtlich nicht wirklich gewollt, präsentiert diese aber nun als krasses Event, das die Künstler*innen ohne dessen Beihilfe nicht geschafft hätten. Dass in den USA gerne mal mit Symbolpolitik (siehe Black Lives Matter Plaza) um sich geworfen wird, kurz bevor sprichwörtlich die Kacke am Dampfen ist, um wirklich radikale Stimmen verstummen zu lassen und die Wogen ein bisschen zu glätten, damit alles weiterlaufen kann wie bisher, ist nichts Neues. Nichtsdestotrotz ist es höchstwahrscheinlich eine massive Genugtuung für viele Filmschaffende, die bis vor ein paar Jahren alleine aufgrund ihrer Herkunft noch nicht einmal mit einem müden Auge angesehen worden wären. 

And the Oscar goes to…

Regisseurin Chloé Zhao mit ihrem ersten Oscar. © Tagesspiegel

Sehen wir uns aber mal die ganzen Gewinner*innen etwas genauer an. Bei der diesjährigen Verleihung ging es nämlich hauptsächlich nicht wirklich um die ausgezeichneten Filme, sondern um die Menschen hinter ihnen. So gewann Chloé Zhao den Preis für die Beste Regie mit ihrem sozialkritischen Roadmovie-Drama »Nomadland« – als gerade mal zweite Frau in der Geschichte der Veranstaltung und natürlich auch als erste Chinesin. »Nomadland« sollte noch so einige Preise abräumen: Nicht nur wurde er zum Besten Film gekrönt, auch schaffte es Frances McDormand zum dritten Mal in ihrem Leben, Beste Hauptdarstellerin zu werden. In der Kategorie der Besten Schauspieler wurde der Oscar überraschenderweise an Anthony Hopkins für seine Rolle in »The Father« vergeben, wobei viele eher mit dem im letzten Jahr verstorbenen Chadwick Boseman (»Ma Rainey’s Black Bottom«) gerechnet hätten, der schon posthum einen Golden Globe dafür bekam. Das war auch so ziemlich die einzige wirkliche Überraschung an diesem Abend. Natürlich war dies eine nette Geste an den schon 83-jährigen Hopkins, der damit erst seinen zweiten Oscar gewann, doch zeichnet sich hierbei auch ein kleines Bild ab: Während bei den Nebendarsteller*innen Daniel Kaluuya (»Judas and the Black Messiah« und die offiziell coolste Socke der diesjährigen Verleihung) und Youn Yuh-jung (»Minari«) geehrt wurden – ein junger, Schwarzer Brite und eine ältere, südkoreanische Dame – regiert bei den Hauptdarstellenden immer noch die Weiße, etablierte Garde, trotz des ganzen Geredes über einen repräsentativen Neuanfang. Vielleicht ist dies aber auch als letztes Hurra des alten Hollywoods zu sehen, das die Fackel in den nächsten Jahren an Filmschaffende und Schauspielende aus aller Welt abgibt.

Wie schon in der Einleitung angeschnitten, zeigen die 93. Oscars wirklich ziemlich detailliert, wohin die Reise in Zukunft gehen wird. Mit den letztjährigen Ausgaben der Academy Awards, die fast schon urkonservativ schienen, brachte diese Show auf jeden Fall nicht nur durch ihre coronabedingte Aufmachung, sondern auch durch das Pushen feministischer, Schwarzer und migrantischer Perspektiven frischen Wind in die stark ritualisierte Welt der US-Filmbranche. Neben dieser offensichtlichen Bemühung, dem öffentlichen Druck und dem Wunsch nach mehr Repräsentation nachzugeben, sorgen allerdings mehrere Geschehnisse für ein weinendes Auge: Trotz des zelebrierten Umschwungs in der Kultur und der filmischen Darstellung der Bürgerrechtsbewegung in »Judas and the Black Messiah« oder »One Night in Miami« werden die wenigsten Polizist*innen, die Schwarze ermordeten, verurteilt und viel zu viele Menschen in den USA leben immer noch in einer äußerst prekären Lage, geprägt von Gewalt, Drogen und Ungerechtigkeit. Trotz #MeToo gab es außer für Harvey Weinstein kaum Konsequenzen für andere Täter in derselben Branche, die nun einen feministischen Rachefilm (»Promising Young Woman«) mit einem Oscar für das Beste Originaldrehbuch auszeichnet. Trotz des Hypes um »Minari« (und im letzten Jahr »Parasite«) steigen die Hate Crimes gegen Asiat*innen in den USA weiterhin rapide an. Natürlich ist Hollywood nicht für die Mehrheit dieser Desaster verantwortlich, aber die Filmbranche hat immer noch die Macht, die Öffentlichkeit nachhaltig zu prägen. Es ist nur zu hoffen, dass dieser Keimling der Repräsentation und Zelebrierung von Diversität in den nächsten Jahren viel, viel stärker gepflegt wird und dass es nicht nur bei reinen Symboltaten bleibt. Hollywood ist schließlich auch nur die Traumfabrik, und bis dieser Traum in der Realität ankommt, kann es wohl noch ein Weilchen dauern.

Hier noch alle diesjährigen Gewinner*innen im Überblick:

Bester Film: »Nomadland«

Beste Hauptdarstellerin: Frances McDormand (»Nomadland«)

Bester Hauptdarsteller: Anthony Hopkins (»The Father«)

Beste Nebendarstellerin: Youn Yuh-jung (»Minari«)

Bester Nebendarsteller: Daniel Kaluuya (»Judas and the Black Messiah«)

Beste Regie: Chloé Zhao (»Nomadland«)

Bestes Originaldrehbuch: »Promising Young Woman«

Bester internationaler Film: »Der Rausch« (Thomas Vinterberg, Dänemark) / Bester Animationsfilm: »Soul« / Bester Dokumentarfilm: »My Octopus Teacher« / Bestes adaptiertes Drehbuch: »The Father« / Beste Kamera: Erik Messerschmidt (»Mank«) / Bestes Kostümdesign: Ann Roth (»Ma Rainey's Black Bottom«) / Bester Schnitt: Mikkel E. G. Nielsen (»Sound of Metal«) / Beste Original-Filmmusik: »Soul« / Bester Original-Filmsong: »Fight For You« (»Judas and the Black Messiah«) / Bestes Produktionsdesign: »Mank« / Bester Kurzfilm: »Two Distant Strangers« / Bester Kurz-Dokumentarfilm: »Colette« / Bester animierter Kurzfilm: »If Anything Happens I Love You« / Bestes Make-up: »Ma Rainey's Black Bottom« / Bester Ton: »Sound of Metal« / Beste visuelle Effekte: »Tenet«

Beitragsbild: © Serienjunkies

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