Lautstark: Hommage an eine Großstadt – Schillers »Summer in Berlin«

Lautstark: Hommage an eine Großstadt – Schillers »Summer in Berlin«

Die Vertonung der deutschen Hauptstadt ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist also kein Wunder, dass der Elektronikmusiker Christopher von Deylen alias Schiller sein neues Album dieser Stadt widmet. Dass er dabei den Spagat zwischen altem Erfolgskonzept und einer Hommage durchaus schafft, beweist euch die heutige Lautstark-Kolumne – ohne große Kritik am Gesamtwerk…

von Yvonne Mikschl

Eigentlich war die Bluray des Abschlusskonzerts der »Es werde Licht«-Tour 2019 schon im April 2020 angekündigt worden. Doch wie ein guter Wein musste das Boxset offensichtlich länger reifen, dachte sich Schiller, und gab der Erscheinung noch einige Monate Zeit. Das Ergebnis: neben dem Konzert in Berlin gibt es nun auch noch ein Studioalbum mit vierzehn neuen Tracks.

»Summer in Berlin« – Die Vertonung einer Stadt

Blickt man* in die Musikgeschichte, ist die Vertonung einer Stadt wie Berlin keine neue Erfindung. Bands wie Barclay James Harvest oder Snow Patrol widmeten Songs der deutschen Metropole. Und so ist es kein Wunder, dass sich Christopher von Deylen alias Schiller in seinem neuen Studioalbum mit der Stadt auseinandersetzt. Nur auf seine Art und Weise, die sich deutlich von dem abhebt, wie Berlin sonst musikalisch dargestellt wird. Es überrascht nicht, dass von Deylen hierbei auf sein altes Konzept zurückgreift: Klangwelten, gemischt mit markanten neuen Stimmen und bekannten Gastkünstlern aus dem Hotel Schiller und fließenden Übergängen – ein Erfolgsrezept schon seit über zwanzig Jahren.

Christopher von Deylen alias Schiller bleibt bei seinem bestehenden Erfolgsrezept (Quelle: eigene Photodatei)

Bleiben wir zunächst bei den Instrumentalen: Beim Blick auf die Trackliste wird die Bewunderung der Stadt deutlich. Die Titel strahlen Licht und Wärme aus, erzeugen positive Gedanken und rechtfertigen damit den Albumtitel. Markant ist der goldene Engel auf dem Albumcover. Es zeigt die Figur auf der Spitze der Siegessäule, die als der zentrale Punkt in Berlin und als Verbindung zwischen West und Ost gilt. Für Christopher von Deylen ist »Der Goldene Engel« damit das eigentliche Wahrzeichen Berlins und das gleichnamige Stück, die erste Singleauskopplung des Albums, greift die Dynamik des sternförmigen Kreisels auf, in dessen Mitte der Engel steht. Schon hier lässt sich eine Hommage an die Vielfalt der Stadt feststellen, die sich noch weiterzieht.

Und dann ist da ja auch noch »Metropolis«, was die Energie einer lebhaften, bewegten Stadt, die niemals schläft, aufgreift. Das offizielle Video zeigt eine tanzende junge Dame, die sich dem Anschein nach nicht in Berlin befindet. Passt der Bildeindruck daher überhaupt mit dem Song zusammen? Auf Nachfrage erklärt Christopher von Deylen:

»Das Video [zum Song Metropolis] ist ja in einer Metropole gedreht worden, in Haifa in Israel in diesem Zusammenhang. Ich finde diese Dynamik, diese Bewegung, die ich in dem Stück empfinde, die wollte ich gerne auch durch Bilder ausdrücken und deswegen sind die Bilder ja so, wie sie sind.«

»Metropolis« gehört als einziges Instrumentalstück einer sehr überschaubaren Anzahl an Tracks an, die in einem lebhaften Stil gehalten sind. Es sind überwiegend die Stücke des Albums, auf denen gesungen wird – der zweite Teil des Schiller-Erfolgsgeheimnisses. Hier findet man auch die seit 2016 im Hotel Schiller beigetretene britische Sängerin Tricia McTeague wieder, die »Guardian Angel« und »Miracle«, dessen offizielles Video in einem Hotelzimmer in Liverpool gedreht wurde, ihre Stimme leiht. Zudem finden sich zwei Remixe auf dem Album. Der Titelsong »Summer in Berlin der deutschen Band Alphaville stammt eigentlich aus dem Jahre 1984 und bekommt von von Deylen ein neues Gewand. Janet Devlins Song »Better Now« zeichnet sich im Schiller-Remix neben ihrer markanten Stimme durch einen leichten, eingängigen Beat aus.

Wer das Vorgängeralbum »Morgenstund« kennt, wird überrascht sein, dass diese dynamischen, an das Dance-Genre erinnernden Stücke in der Minderheit sind. Von Deylen schien sich in der aktuellen Albumproduktion mehr von seinen Einlassmusiken inspirieren zu lassen. Dass Berlin auch das Gegenteil einer pulsierenden Metropole sein kann, beweist unter anderem »Menschen im Hotel«, bei dem man sich beim Hören den Blick aus einem Hotelzimmer vorstellt; die Schritte von Leuten und sich schließende Türen bestätigen dieses Bild. »Wenn die Nacht erwacht« erinnert an einen Abendspaziergang in der Stadt an einem lauen Sommertag. »Fantastique«, ein Stück, das (ohne erkennbaren Grund) in zwei Teile aufgeteilt wurde, führt zu Ende des Albums dieses Bild der Sanftmut weiter, denn die beiden Teile bilden die Überleitung zum Albumoutro.

Zurück zum Hotel Schiller: Mit Thorsten Quaesching setzt Christopher von Deylen auf einen bereits vertrauten Sound. Auf »Morgenstund« findet sich bereits eine Kooperation der beiden, sodass der Verdacht naheliegen könnte, dass sich der Klangteppich wiederholen könnte. Doch weit gefehlt: das Stück ist Teil der »Behind Closed Doors«-Sessions von Quaesching, die während der Corona-Lockdowns in Berlin gedreht wurden. Man habe sich offenbar nur auf die Tonart und das Tempo verständigt, der Rest sei Improvisation gewesen. Dieser Eindruck bestätigt sich auch – herausgekommen ist das fast zwanzigminütige Opus »Dem Himmel so nah«, das sehr an Meditationsmusik erinnert. Man* hat beim Hören sogar fast das Gefühl, auf der obersten Plattform der Siegessäule zu stehen, seinen Blick über Berlin schweifen zu lassen und damit dem Himmel näher zu sein als je zuvor…

»Es werde Licht – Live in Berlin«

Apropos Berlin: Dass die Hauptstadt ein beliebter Ort für Konzerte ist, dürfte mittlerweile bekannt sein. Und so ist es nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren die Abschlusskonzerte der Schiller-Arenatouren in Berlin in Ton und Bild aufgenommen werden. Das mag vielleicht an der Mercedes-Benz-Arena liegen, die mit ihren hohen Decken für Licht- und Lasershows nahezu perfekt geeignet für eine Symbiose von Licht und sphärischen Klangwelten ist. Womit ein idealer Tourtitel schon auf der Hand liegt: »Es werde Licht« – und von Deylen sah, dass es gut war.

Schiller live 2019 (Quelle: Hardcover-Photobuch Summer in Berlin Super Deluxe Edition)

Das Konzert setzt sowohl auf Neues und auf Altes. Ein Konzept, das für eine Jubiläumstour definitiv aufgeht- Es finden sich sowohl alte Klassiker wie »Das Glockenspiel« oder Schiller in (mehr oder weniger) neuer Fassung als mit »Everything, Velvet Aeroplane« und »Let me love you« auch Stücke, die sehr lange nicht mehr live aufgeführt wurden. Die Ausgewogenheit stimmt: Sowohl Instrumentals als auch Gesangsstücke wechseln sich ab. Doch nicht nur die Klänge kommen einem*r als Schiller-Kenner*in bekannt vor: Die Arena-Tour im Mai 2019 beweist eine gewisse Kontinuität mit ihrer Bühnenbesetzung. Neben Sängerin Tricia McTeague und Bassist Doug Wimbish, die beide auf der »Zeitreise«-Live Tournee 2016 ihr Bühnendebüt feiern durften, ist auch Schlagzeuger Gary Wallis mit von der Partie, der unter anderem als Live-Percussionist für Pink Floyd diente und bereits auf den ersten Schiller-Touren das Drumset bedienen durfte. Neu auf der Bühne ist Gitarrist Scott McKeon und Sängerin Sophie Hiller, die bei »Ein schöner Tag« ihr Talent auf der Querflöte beweist.

Die »Es werde Licht«-Tour verdankt ihrem Namen Schillers letztem Studioalbum »Morgenstund«, das 2019 erschienen ist. Und so ist es kein Wunder, dass die beiden Bühnengäste Kooperationen aus dem Album sind: Roland Meyer de Voltaire, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Schwarz, singt die Stücke »Avalanche« und »New Day«, während die Musikerin Yalda Abbasi mit ihrem Dota-Solo und dem Track »Das Goldene Tor« ein iranisches Flair in die Arena bringt. Einziger Kritikpunkt der Konzertaufnahme liegt in der Bühnenfassung von »Berlin Tehran«, das durch die Gitarre McKeons den iranischen Zauber verliert, während »Harmonia« bereits in der zuvor veröffentlichten Micro-Konzert-Fassung als Endstück wiederum überzeugen kann.

Die CD-Fassung des Konzerts, die mit den letzten Worten des Christopher von Deylen zum Publikum ihr Ende findet, lässt Konzertstimmung in Corona-Tagen durch die heimischen Wohnzimmer fließen, selbst wenn man den filmischen Konzertmitschnitt nicht vorliegen hat. Sie nimmt jedoch nicht alle Titel des zweistündigen Konzerts auf. Dies erklärt sich durch die Boxset-Fassung, wie der Kopf hinter Schiller klarstellt:

»Natürlich ist das eine Qual der Wahl gewesen bei der Live-CD, weil leider nicht alles draufgepasst hat, und es gab zwischenzeitlich mal Überlegungen, eine weitere CD in das Paket zu tun, aber das Boxset bietet nur die Möglichkeit, maximal vier Silberlinge dort einzubauen – mehr hätte da nicht reingepasst, deswegen mussten wir das Livekonzert ein ganz bisschen kürzen […] und wir überlegen aber natürlich, ob man in Zukunft vielleicht die anderen Teile, die jetzt draufgekommen sind, […] zumindest digital veröffentlicht, dass man sie sich dann so anhören kann. Ja, die Wahl zu treffen, das ist natürlich wirklich wirklich sehr schwer und ich vermisse eigentlich alles das, was nicht drauf ist, und ich musste einfach gucken, wie bekommt man* ein möglichst abwechslungsreiches und trotzdem repräsentatives [musikalisches] Konzertbild zusammen […].«

Es ist zwar in diesem Punkt schade, dass die Audiofassung nur so kurz geraten ist, aber von Deylens Aussage birgt Hoffnung in diesen Punkten. Nicht nur in diesen Zeiten, sondern allgemein gesprochen. Eine Tour birgt nicht nur für das Publikum viele Erinnerungen, sondern auch für die Musiker. Lieblingsmomente dabei zu finden und noch danach zu wissen ist da schwierig, wie mir von Deylen verrät:

»Ein Lieblingsmoment auf den Tourneen festzuhalten oder sich daran zu erinnern, ist gar nicht so einfach, weil wirklich jeder Moment einzigartig ist, sodass ja da die Erinnerung nicht so einfach in Worte zu fassen ist. Ich hoffe natürlich sehr, dass es bald wieder neue Konzerte geben wird […].«

Und wenn es wieder Konzerte gibt, wird von Deylen die Frage nach seinen Lieblingsmomenten sicher beantworten können – ob auf einer neuen Schiller-Tour oder bei den (im Moment) für den April geplanten Solokonzerten.

Fazit: Die Mischung zwischen ruhigen, melodischen Instrumentalstücken und den Gesangstracks mit eingängiger Melodie macht das Album hörenswert und reiht sich damit in die Welt von Schiller perfekt ein. Die Live-CD gibt zwar nur einen kleinen Einblick in das Konzert, jedoch repräsentiert die Track-Auswahl die Welt von Schiller live sehr gut. Sowohl das Studioalbum als auch der Konzertmitschnitt in Kombination verdeutlicht die Lebhaftigkeit der Metropole, die (außer im Lockdown) niemals wirklich zur Ruhe kommt. Eine perfekte Hommage an Berlin also.

Anmerkung: Ich hatte selbst die Gelegenheit, am Release-Chat teilzunehmen und das erwähnte Konzert in Berlin 2019 zu besuchen.

Beitragsbild: © SDE

Metropolis – das dynamische Berlin

 Harmonia in der Micro-Konzert-Fassung

 

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