Mov:ement: »2020 gab es gar keine Filme, alles wurde verschoben« – Halt, Stopp.

Mov:ement: »2020 gab es gar keine Filme, alles wurde verschoben« – Halt, Stopp.

Auch wenn 2020 die ganz großen Blockbuster ausgeblieben sind, gab es vor allem abseits des Mainstream-Kinos doch einige spannende und interessante Filme zumindest auf den heimischen Bildschirmen zu bewundern. Viele dieser Filme haben vielleicht sogar davon profitieren können, wären sie unter normalen Umständen wohl vollständig untergegangen. Heute will ich Euch fünf meiner Favoriten des vergangenen »Kino«-Jahres vorstellen.

von Julian Tassev

»Palm Springs«

© LEONINE

Zu Beginn was zum Lachen, denn genau das brauchen wir im Moment wohl alle. Der Film von Max Barbakow kam im Sommer 2020 irgendwie aus dem Nichts und wurde sofort zum Phänomen. Im genau richtigen Moment holte »Palm Springs« mich ab und nahm mich mit auf eine Hochzeit im titelgebenden Palm Springs, wie man* sie selten erlebt hat. Andy Samberg und Cristin Milioti (die sagenumwobene Mutter aus »How I Met Your Mother«) ergeben so ein charmantes Chaos-Pärchen, dass der berüchtigte Twist des Films beinahe in den Hintergrund rückt. In einer Zeit, in der man* irgendwie das Gefühl hat, jeder Tag ist völlig austauschbar und verschwimmt mit dem nächsten, schafft es »Palm Springs« irgendwie, das Positive der Situation erkennen zu lassen und sich selbst vielleicht mal aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Ziemlich große Worte für eine Komödie, deren eigentliches Ziel es nur ist, die Zuschauenden zum Lachen zu bringen. Der Film ist schön kurz und verabschiedet sich auf einem Höhepunkt, bevor ihm wie so vielen Filmen dieser Art die Luft ausgeht.

»The Vast of Night – Die Weite der Nacht«

© Amazon Studios

Bereits 2016 für ca. 700.000 Dollar gedreht, schaffte es dieses kleine, geniale Sci-Fi-Drama über etliche Filmfestivals dank Amazon Studios vergangenes Jahr endlich zu einer internationalen Veröffentlichung. Der Film ist ein Paradebeispiel für das Independent-Kino, fast vollständig aus eigener Tasche des Regisseurs Andrew Patterson (der unter Pseudonymen auch als Autor und Editor fungierte) finanziert und mit den absoluten Basics an Ausrüstung realisiert.

Als Episode einer eindeutig durch »Twilight Zone« inspirierten Mystery-Serie in den 1950er Jahren eingerahmt, erzählt der Film die Geschichte einer sehr denkwürdigen Nacht im Leben des jungen Radiomoderators Everett und der Schülerin Fay, die sich als Telefonistin in ihrem kleinen, beschaulichen Heimatort in New Mexico etwas dazu verdient. Als plötzlich ein merkwürdiges, undefinierbares Geräusch alle Leitungen heimsucht, forschen die beiden nach und kommen bald einer Verschwörung, die Jahre zurückreicht, auf die Spur. Als sich dann auch noch herumspricht, irgendetwas wäre am Nachthimmel aufgetaucht, spitzt sich die Situation zu: Sind es die Russen? Oder etwas Schlimmeres?

»The Vast of Night« nutzt alle möglichen Mittel der Filmkunst, um sein überschaubares Budget zu kompensieren und trotzdem ein absolut filmreifes Abenteuer zu liefern. Dies schafft der Film mit genialer Kameraarbeit, schnellen und unterhaltsamen Dialogen zwischen unseren beiden Helden und einer stetig wachsenden Anspannung darüber, wo diese Nacht enden wird.

»Sound of Metal«

© Amazon Studios

Wo »The Vast of Night« mit seiner Kamera brilliert, beeindruckt Darius Marders (Autor des überraschend einfühlsamen Außenseiter-Dramas »The Place Beyond The Pines«) Spielfilm-Debüt mit seinem fantastischen Audio-Design. Der immer geniale und viel zu unbekannte Riz Ahmed spielt Ruben, einen Metal-Drummer, der aus heiterem Himmel sein Gehör verliert. Karriere-Aus? Vermutlich. Allerdings dauert es, bis Ruben die neue Situation akzeptiert und versucht, einen Weg zu finden, mit ihr umzugehen.

Seine Freundin Lou bringt ihn zu einer Art Wohngemeinschaft für Gehörlose, wo Ruben sehr viel Neues über sich selbst und die Menschen in seinem Umfeld lernen wird.

Der Film schlägt eine für mich völlig unerwartete Richtung ein, zieht die Zuschauenden aber dank Riz Ahmeds tragischer Darstellung und dem Spiel mit dem Sound in seinen Bann. Meistens hören wir, was Ruben hört. Oft ist dies Nichts. Wir sitzen mit ihm in diesem stillen Boot, jedes Geräusch kann ein Segen oder auch ein Fluch sein. So muss sich Ruben nach und nach an den Klang von Musik und Gesang durch ein Hörgerät gewöhnen.

Mir gefällt dieser Trend, indem Amazon beliebte Indie-Filme frisch von den einschlägigen Festivals kauft und der breiten Masse zugänglich macht, auch wenn für mich noch nicht ganz klar ist, wo uns dies in den kommenden Jahren noch hinführen wird. Aber das ist ein Thema für eine ganz eigene Kolumne.

»Promising Young Woman«

© Focus Features

Dieses provokante Regie-Debüt von Schauspielerin Emerald Fennell verpackt ein sozial extrem aufgeladenes und spaltendes Thema in einer bizarren Mischung aus Romantic-Comedy-Thriller-Farce. Mitt-dreißigerin Cassie lebt bei ihren liebevollen Eltern und arbeitet im Coffee-Shop um die Ecke. Doch der Schein des beschaulichen Lebens trügt: Nachts geht sie auf die Jagd. Sie gibt sich in Clubs und Bars als betrunkenes, hilfloses Opfer, das einen »starken Mann« braucht, um sie nach Hause zu bringen. In den meisten Fällen wollen ihr ihre »Retter« allerdings sofort an die Wäsche, ganz egal, ob sie sich wehrt oder ob sie sich einfach als schlafend gibt. Genau diese Sorte Mann sucht sie und geht ihnen ordentlich an den Kragen. Das alles entspringt einem traumatischen Event ihrer Vergangenheit, doch als sie den wahnsinnig netten Arzt Ryan kennenlernt, ist sie gezwungen, ihr Leben neu zu betrachten.

Carey Mulligan zeigte schon in Nicolas Winding Refns »Drive« und in Steve McQueens »Shame«, was in ihr steckt. Es ist durchaus bewundernswert, wie sie sich als Darstellerin weiterentwickelt hat; die Rolle könnte kaum besser besetzt sein. Sie fungiert hier außerdem zum ersten Mal als Produzentin, der Film ist also in gewisser Weise auch ihr Baby. Ich liebe Filme, die sich absichtlich nicht in Genre-Schubladen stecken lassen und einen* in einer falschen Sicherheit wiegen, nur um dann unerwartet zuzuschlagen. So ging es mir mit den letzten 15 Minuten dieses Femme-Fatale-Rachetrips. Der morbide Humor kann einem* hier wirklich die Sprache verschlagen. Leider startet der Film (wenn überhaupt) erst im April in den deutschen Kinos, bis dahin wird er sicherlich den ein oder anderen Award abräumen.

»Saint Maud«

© A24

Als riesiger Horror-Fan war Rose Glass’ schauriges Spielfilm-Debüt für mich eine sehr interessante Erfahrung. Seit Ari Asters modernem Meisterwerk »Hereditary« war ich auf der Suche nach einer vergleichbar schrecklichen und kathartischen Erfahrung, und »Saint Maud« hat hier definitiv abgeliefert. Allerdings auf so gänzlich andere Weise als erwartet: Zwar gab es für mich keinen Schlag in die Magengrube, die Kinnlade stand in den letzten Minuten aber definitiv offen. Fans von eher klassischer Horror-Kost, gespickt mit lauten Jumpscares, werden mit dem Film vermutlich nicht viel anfangen können, soviel sei vorweggesagt.

Die junge Krankenschwester Maud arbeitet nach einem Unglück im Krankenhaus als private Pflegerin auf Abruf. Sie zieht ins Haus ihrer neuesten Patientin Amanda, eine sterbende Tänzerin. Während Maud versucht, in ihrem strengen Glauben neue Stärke zu finden, weckt Amanda in ihr etwas ganz Anderes. Aus Passion wird bald Obsession, mit tödlichen Folgen. Viel mehr möchte ich hier gar nicht verraten, mit seinen knapp 85 Minuten ist »Saint Maud« einfach ein Muss für jeden Fan von intelligentem Psycho-Horror. Eine Trigger-Warnung ist aber definitiv angebracht.

Bonus: Mini-Serie »Normal People«

© ELEMENT PICTURES

Keine Serie war 2020 vergleichbar mit dem Phänomen »Normal People«. Basierend auf Sally Rooneys Roman brachte diese irische BBC-Produktion mit 12 angenehm kurzen Episoden die intime, faszinierende, spannende, tragische und doch so reale Beziehung zwischen Connell und Marianne zum Leben. Wir folgen den beiden, wie sie sich noch in der Schule verlieben, es sich nicht eingestehen können, sich aus den Augen verlieren, nur, um wieder mit voller emotionaler Wucht aufeinander zu stoßen. Diesen Zyklus machen die beiden mehrmals durch, ihre so verschiedenen Leben sind kraftvoll miteinander verbunden. Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones spielen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Beide werden in den kommenden Jahren zweifellos zu absoluten Stars.

Es ist so schwer, diese Art von Serie zu beschreiben: Oft ist sie frustrierend, was natürlich genau der Punkt ist. Jede*r Zuschauende wird eine völlig andere Reaktion haben, viele können die Probleme der beiden vielleicht nicht nachvollziehen, wieder andere erkennen sich hier eins zu eins wieder. Ein Must-Watch ist die Mini-Serie so oder so.

Beitragsbild: © A24

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.