Lautstark: Komm’ mit auf einen Höllentrip – »The Downward Spiral« von Nine Inch Nails

Lautstark: Komm’ mit auf einen Höllentrip – »The Downward Spiral« von Nine Inch Nails

Es gibt wenige Alben, die ich in regelmäßigen Abständen für mich wiederentdecke, denen ich hilflos verfalle und die ich so obsessiv höre wie »The Downward Spiral« von Nine Inch Nails. Ein Meisterwerk des Industrial Rock, welches die Zuhörer*innen auf eine Reise der Selbstzerstörung mitnimmt, die nur eine Richtung kennt: Nach unten in die Hölle.

von Celina Ford

From Pennsylvania With Hate

Michael Trent Reznor, das Mastermind und einzig konstante Mitglied von Nine Inch Nails, wurde 1965 im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren. Nach der Scheidung seiner Eltern verbrachte er die meiste Zeit seiner Jugend bei den Großeltern, welche ihn zum Klavierunterricht schickten. Reznor war aber nicht nur von klassischer Musik begeistert: Während der Schulzeit war dieser auch Mitglied in Jazz- und Marching Bands und in der schulischen Theatergruppe aktiv. Reznors musikalisches Schlüsselereignis war jedoch definitiv die Entdeckung von Rockmusik. Dieses Ereignis war für ihn so überwältigend, dass er prompt den Klavierunterricht an den Nagel hing und sich nur noch dieser Art von Musik widmen wollte. Das Aufwachsen Reznors in Pennsylvania kann deshalb im Nachhinein ironischerweise auch als Einfluss gesehen werden. Welcher Bundesstaat, wenn nicht Pennsylvania – das Herzstück des amerikanischen Rustbelt – ist passender für eine Industrial Rock Band?

Nach seinem High School Abschluss begann Reznor 1983 ein Studium mit dem Fokus auf Computer Engineering, welches er jedoch nicht abschloss. Auf diesen Rückschlag folgte eine enorm wichtige Zeit in Cleveland, Ohio. Reznor arbeitete als Techniker in Musikstudios, weshalb er im Gegenzug in seiner Freizeit das Equipment der Studios benutzen durfte, um an eigenem Material zu arbeiten. Während dieser Zeit war Reznor auch Teil einiger Bands wie Option 30. Aus diesen ersten Sessions ging die Demo »Purest Feeling« hervor. 1988 gründete Reznor schließlich Nine Inch Nails. Der Name an sich hat keine Bedeutung. Laut Reznor war dies der einzige Bandname, der sich nach zwei Wochen nicht lächerlich anhörte und von welchem eine inhärente Gewalttätigkeit ausging. Außerdem sah dieser als NIИ abgekürzt einfach phänomenal aus.

Das erste offizielle Album von Nine Inch Nails erschien 1989 und trägt den Namen »Pretty Hate Machine«. Dieses Album ist definitiv noch eine Ausgeburt der 1980er Jahre. »Pretty Hate Machine« orientierte sich stark am New Wave Sound, der dieses Jahrzehnt so prägte. Jedoch durchströmte das erste Album von Nine Inch Nails nicht diese hoffnungslose Romantik, die vielen Alben des New Wave Sounds zu eigen war, sondern siedelte sich schon am sehr düsteren Ende des Spektrums an. In den Texten behandelte Reznor Themen wie Macht und Missbrauch, Sünde und Sexualität. Musikalisch verwies »Pretty Hate Machine« jedoch bereits auch auf die Richtung, die die Band bald vollends einschlagen würde. Reznor baute in dieses Album ebenfalls Elemente des Industrial Rock ein. Dieser Musikstil zeichnet sich durch Samples, Loops, kurze und harte Riffs und einen elektronisch verfremdeten Stimmgebrauch – sprich kalte, maschinelle Musik – aus. Bekannte Songs des Albums sind »Terrible Lie« und »Head Like a Hole«.

1992 gründete Reznor sein eigenes Label Nothing Records. Sein bisheriges Label TVT Records griff ihm zu sehr in seine künstlerische Vision ein, weshalb er die Abspaltung vom Label als einzige Lösung sah. Diese Zeit war laut Reznor eine der hasserfülltesten seines Lebens, was sich unmissverständlich auf der nachfolgenden »Broken« EP bemerkbar macht. New Wave war nun endgültig vorbei. Die Trennung vom Label zeigte die wahre Seite von Nine Inch Nails, die sich auf »Broken« zum ersten Mal in ihrer ganzen Monstrosität eröffnete. Härtester Industrial Rock und Metal wurden Reznors Boten des Hasses und als Mitarbeiter seines vorherigen Labels überlegte man es sich wohl zweimal, ob man diesem wirklich nochmal begegnen wollte. Im Zuge der düsteren und von Gewaltfantasien durchtränkten Ästhetik des Albums filmten Nine Inch Nails einen nachgestellten Snuff-Film, den sogenannten »Broken Movie«, der heute nur noch in Ausschnitten vorhanden ist. Obwohl das Album im Vergleich zu seinem Vorgänger mit Songs wie »Happiness in Slavery« vollends unzugänglich erschien, gewann der Song »Wish« einen Grammy in der Kategorie »Best Metal Performance«.

Die Tore zur Hölle: 10050 Cielo Drive, Beverly Hills

Nine Inch Nails während der »The Downward Spiral« Ära. © Band Inside Music

1994 erschien das Meisterwerk von Nine Inch Nails und zugleich das Konzeptalbum, um welches es sich im heutigen Beitrag dreht: »The Downward Spiral«. Dieses Album – in der eigenen Zählweise der Nine Inch Nails-Diskographie Halo 8 – ist das vermutlich düsterste, welches die Band je veröffentlichte. Das liegt nicht nur an den Themen, denen sich etwas später gewidmet wird, sondern auch am Aufnahmeort, den Reznor für das Album wählte. Wem die Adresse 10050 Cielo Drive in Beverly Hills nichts sagt, soll hier eine Hilfestellung bekommen: Klingelt beim Namen Charles Manson und seiner Manson Family etwas? 10050 Cielo Drive ist die ehemalige Adresse von Sharon Tate, Schauspielerin und Frau des Regisseurs Roman Polanski, die 1969 hochschwanger zusammen mit vier weiteren Personen von Mitgliedern der Manson Family ermordet wurde. Eine der Täter*innen, Susan Atkins, schmierte dann mit Tates Blut das Wort »Pig« an die Haustür. In genau diesem Haus richtete Reznor mehr als zwanzig Jahre später sein Studio, welches er morbiderweise daran angelehnt »Le Pig« taufte, ein.

»The Downward Spiral«, was als »Die Abwärtsspirale« ins Deutsche übersetzt werden kann, ist der musikalische Ausdruck eines Menschen, der an sich zugrunde geht. 14 Songs beschreiben, gepaart mit kompromisslosem Industrial Rock und messerscharfen Lyrics, wie sich ein Mensch aufgrund seiner Depressionen, Drogensucht, Misanthropie und Bruch mit der Welt schließlich dazu entschließt, sich selbst auszulöschen. Und: Laut Reznor ist das Album teils autobiographisch.

»Nothing Can Stop Me Now«: Ein unaufhaltsamer Fall

Das Album beginnt mit dem Song »Mr. Self Destruct«. Hierfür sampelte Reznor das Audiomaterial einer Szene des dystopischen George Lucas Films »THX 1138« (1971), nämlich jener, in der ein Gefangener von einem Gefängniswärter mit Stöcken geschlagen wird. Dieser ominöse Part mündet nach dem 33. Schlag in die harsche Synthesizerklangwelt und musikalische Grundaggressivität des Albums, die zugleich das Alter Ego des Protagonisten, Mr. Self Destruct, darstellt. Und dieser Mr. Self Destruct verbindet in seiner Person alles Negative der Hauptfigur: Seine Drogensucht, seine Depressionen und seinen hasserfüllten Blick auf jedes lebende Wesen.

I take you where you want to go

I give you all you need to know

I drag you down, I use you up

Mr. Self Destruct

Auf »Mr. Self Destruct« folgt »Piggy«, ein im Vergleich zum Vorgänger eher langsamer und zugleich unheimlich anmutender Song, der nicht nur das musikalische, sondern auch das textliche Leitmotiv des gesamten Albums, welches immer wieder auftaucht, präsentiert. »Nothing Can Stop Me Now (‘Cause I Don’t Care Anymore)« ist genau dieses Motiv, das bereits im zweiten Song verrät, dass es für den Protagonisten kein Auffangnetz in seinem Fall geben wird. »Piggy« ist nicht nur eine Anspielung auf den Namen des Studios und das Haus der Manson-Morde, sondern zugleich der Spitzname des Musikers Richard Patrick, der Reznor bei den Aufnahmearbeiten half, sich schließlich jedoch wegen künstlerischer Differenzen von diesem distanzierte. Mit einer verführerisch-verstörenden Stimme flüstert Reznor:

Hey pig

Nothing’s turning out the way I planned

Hey pig there’s a lot of things I hoped you could help me understand

What am I supposed to do I lost my shit because of you

»Heresy« war bereits 1994 ein Aufreger, und hat auch heute noch das Potential, vielen Leuten sauer aufzustoßen. Hier beginnt der Bruch des Hauptcharakters mit Teilen der Gesellschaft und auch der Beziehung zu Gott. Voll blinder Wut und zu einem Rundumschlag ausholend prangert Reznor die Opfer, die im Namen der Religion gebracht wurden, an und sichert den Hörer*innen zu, sie in der Hölle wiederzusehen: »If there is a Hell, I’ll see you there«.

»March of the Pigs« ist mit 269 BPM der bis dato schnellste Nine Inch Nails-Song. Hier schreit Reznor nicht nur seine Zerstörungslust, sondern auch seinen Hass auf die Heuchler der Gesellschaft und deren Oberflächlichkeit heraus. Der sonst brachiale Song fließt jedoch immer wieder in jazzige Passagen über, die es durch ihre Zurückhaltung ermöglichen, hinter die Fassade der Hauptfigur zu blicken und diesen immer mehr als regelrechten Soziopathen zu entlarven:

I want to break it up

I want to smash it up

I want to fuck it up

I want to watch it come down

Das Albumcover. © uDiscover Music

»Closer«, einer der bekanntesten Nine Inch Nails-Songs, folgt nahtlos auf »March of the Pigs«. Für den Song sampelte Reznor den Beat von Iggy Pops »Nightclubbing«, der sich wie ein dumpf dröhnender Herzschlag anhört. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum viele Menschen den Song sexy finden. Klar ist dies der Track mit dem berühmt-berüchtigten Refrain, für mich stellt er im Kontext des Albums jedoch die Stelle dar, an der sich der Protagonist seiner hoffnungslosen Lage immer bewusster wird und als Ausweg in seiner Sexualität eine Art Erlösung anstrebt; Sex wird seine Religion, der er sich bedingungslos hingibt. Das Musikvideo ist mit seiner BDSM-Thematik, einem gekreuzigten Äffchen und religiösem Symbolismus heute immer noch genauso provokant wie zu Release-Zeiten:

I wanna fuck you like an animal

I wanna feel you from the inside

I wanna fuck you like an animal

My whole existence is flawed

You get me closer to God

Auf »Ruiner« rechnet der Hauptcharakter mit den Strippenziehern hinter den Kulissen ab. Jedoch kann der phallische »Ruiner« auch ein weiterer Name für Mr. Self Destruct sein, der nun in seinem von Drogen vollkommen zerstörten Leben das Ruder an sich gerissen hat. Mit bombastischem Synthesizereinsatz und einer Stimme, die nur so vor Verächtlichkeit strotzt, stellt Reznor fest:

The ruiner’s a collector he’s an infector serving his shit to his flies

Maybe there will come a day when those that you keep blind will suddenly realize

Maybe it’s a part of me you took to a place I hoped it would never go

And maybe that fucked me up so much more than you’ll ever know

»The Becoming« ist ein wahrer Schlüsselmoment in der Abwärtsspirale des Protagonisten. Dieser hat nun komplett seine Humanität verloren. Nicht nur er wird zu einem gefühllosen Maschinenmenschen, sondern auch musikalisch klingt »The Becoming« rastlos und kalt. Er realisiert, dass ihn sein Alter Ego – Personifizierung seiner Depressionen und Drogensucht – umbringen wird:

I beat my machine

It’s a part of me, it’s inside of me

I’m stuck in this dream

It’s changing me, I am becoming

»I Do Not Want This« ist einer der letzten Hilfeschreie auf dem Album. Das Loch, in welches die Hauptfigur bereits gefallen ist, ist kilometertief, tiefschwarz und ohne Hilfe unmöglich zu verlassen. Hier hört man Verzweiflung in ihrer musikalischen Form:

I stay inside my bed

I have lived so many lives all in my head

Don’t tell me that you care

There really isn’t anything, is there?

»Big Man With a Gun« ist der letzte Rager des Albums. Ab diesem Punkt herrscht nur noch blinde Wut und der geistige Verfall des Protagonisten ist förmlich greifbar. Neben der Lesart als eine Hasstirade und Lobeshymne auf das beste Stück eines Mannes meinte Reznor jedoch auch, dass es zudem eine Parodie auf misogynen Gangsta-Rap der Zeit sei:

I can reduce you if I want

I can devour

I’m hard as fucking steel and I’ve got the power

I’m every inch a man and I’ll show you somehow

Me and my fucking gun

I never can stop me now

Wer es bis zu »A Warm Place« schafft, kann nun endlich für ein paar Minuten aufatmen. Das Interlude ist nicht nur eine viel benötigte Verschnaufpause auf einem Album mit unzähligen Gewaltausbrüchen, sondern ist vielleicht zugleich einer der letzten Momente, in denen der Protagonist klar denken kann. Ätherische Synths stellen musikalisch das Auflösen eines erblindenden Schleiers aus Hass und Verzweiflung dar und gewähren ein paar schöne Brian Eno-esque Momente. Nur wer ganz genau aufpasst, kann Reznor ≫The best thing about life is knowing you put it together≪ flüstern hören.

Der nächste Track »Eraser« hält, was der Titel verspricht. Der Mensch ist zerstört, ausgelöscht, verloren gegangen. Während der Song sich mithilfe eines schwer schleppenden Beats vorarbeitet, erkennt der Hauptcharakter, dass Mr. Self Destruct keine Entität ist, die von ihm Besitz ergriffen hat, sondern dass er selbst Mr. Self Destruct ist und für sein eigenes Leiden verantwortlich ist. Über eine Wand voller geräuschlicher Verzerrungen und Freak Outs schreit Reznor hinweg:

Lose me

Hate me

Smash me

Erase me

Kill me

»Reptile« ist nicht nur der am unmenschlichsten klingende Song des gesamten Albums (Reznor sampelte eine Szene des Horrorfilms »The Texas Chainsaw Massacre« (1974) und kreierte Loops die sich anhören, als würde ein Roboter seine verrosteten Gliedmaßen bewegen), sondern ist auch die Realisation des Protagonisten darüber, wie tief er gefallen ist. Zudem versucht er ein letztes Mal verzweifelt, in seiner Sexualität Erlösung zu finden. Allerdings ist dieser moralisch bereits so verrottet, dass eine normale Beziehung nicht mehr möglich ist. Angereichert mit einem Haufen biblischer Anspielungen singt Reznor:

Devils speak of the ways in which she’ll manifest

Angels bleed from the tainted touch of my caress

Need to contaminate to alleviate this loneliness

I now know the depths I reach are limitless

Mit dem Titeltrack »The Downward Spiral« hätten wir nun den traurigen Höhepunkt des Albums erreicht. Ganz ruhig und fast resigniert tönend beginnt der Song, bis ein gedämpfter und sich die Seele aus dem Leib schreiender Reznor die Stille unterbricht. Hier sprechen beide Seiten des Charakters gleichzeitig: Mr. Self Destruct beschreibt banal den Suizid des Protagonisten, während dessen wahres Ich die ganze angestaute Wut, Trauer und Verzweiflung in seinen letzten Lebensmomenten herausschreit:

Everything’s blue

Everything’s blue in this world

All fuzzy

Spilling out of my head

Der Song »Hurt«, der vor allem als ein Cover des verstorbenen Johnny Cash zu seiner Berühmtheit gelangte, ist eine Art Epilog. Zu diesem Zeitpunkt ist jegliche Hoffnung nutzlos und selbst die Gitarre klingt nach diesem Auf und Ab der Gefühle erschöpft. Hier lässt der Protagonist sein Leben nochmals Revue passieren und stellt ernüchtert fest, dass er nichts von Bedeutung zurückließ. Dennoch bereut er die Entscheidung, sein Leben beendet zu haben, nicht:

And you could have it all

My empire of dirt

I will let you down

I will make you hurt

Ein Meilenstein des Alternative Rock

»The Downward Spiral« ist nicht nur ein Meisterwerk von Nine Inch Nails, sondern auch ein Meilenstein des Alternative Rock und Metal der 1990er Jahre. Musikalisch läutete Trent Reznor ein neues Zeitalter ein, in dem unkonventionelle und sperrige Musik auch kommerziell erfolgreich sein konnte. Reznor wurde nicht nur mithilfe seiner Musik, sondern auch wegen seines Modestils – viel Schwarz, Netzstrumpfhosen und Lederhandschuhe in Giallo-Manier – zu einer Ikone der Goth/Industrial-Szene. Obwohl Nine Inch Nails nach »The Downward Spiral« weitere fantastische Alben wie »The Fragile« (1999) und »Hesitation Marks« (2013) veröffentlichten und Reznor für seine Arbeit am Soundtrack zu David Finchers »The Social Network« (2010) sogar einen Oscar gewann, ist es doch das haarsträubende Album »The Downward Spiral«, welches das Hauptthema von Nine Inch Nails – die Dualität des Menschen und dessen Hang zur Selbstzerstörung – so perfekt wie kaum ein anderes musikalisches Werk hörbar macht. Und das selbst 26 Jahre später.

Musikbeispiele:

Titelbild: © Pinterest

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