Wohnsinn-Kolumne: Wohnen next level

Wohnsinn-Kolumne: Wohnen next level

Dass man sich als junge/r Arbeitnehmer*in komfortableres Wohnen leisten kann als die meisten Student*innen, ist logisch. Dass das Leben in einer Haus-WG cooler ist, als das in einer engen Studierendenbude, ist selbsterklärend. Wie es mein Freund geschafft hat, nach einer Eigenbedarfskündigung durch seinen ehemaligen Vermieter seine Wohnsituation upzugraden, ist dennoch sagenhaft. Eine nicht ganz neidlose Kolumne über das Leben in einem leeren Einfamilienhaus.

von Lotte Nachtmann

Ich hatte Euch im Umzugswohnsinn ja bereits darüber berichtet, wie es zum nicht ganz freiwilligen Umzug meines Freundes kam. Nachdem seit einigen Wochen nun endlich auch einmal alle Möbel und Kisten in der neuen Bleibe angekommen sind und die Einrichtung doch recht heimelig geworden ist, wurde Bilanz gezogen. Ja, die alte Wohnung im Maisonnette-Style war schon ’ne Nummer, vor allem die Dachterrasse. Aber im Grunde genommen ist mein Freund inzwischen glücklich über die Tatsache, dass ihm gekündigt worden ist. Denn seine neue Wohnsituation schlägt die alte in jedem Sinne. Er ist wohl echt einer der wenigen, denen es gelingt, trotz so schwieriger Umstände überhaupt eine Wohnung zu finden und noch ein Level aufzusteigen im Wohngame. Jetzt wohnt er nämlich in einer WG in einem Einfamilienhaus mit drei weiteren Mitbewohner*innen. Das Haus liegt in einem ruhigen Wohnviertel in Uninähe, was vor allem für mich – sollte Uni vor meinem Masterabschluss jemals wieder in Präsenzform stattfinden – von hohem praktischen Wert wäre. Dazu kommen ein großer Garten und gleich zwei Terrassen – eine für die Allgemeinheit und eine kleine Veranda direkt von seinen beiden Zimmern im Erdgeschoss ausgehend. Die Küche ist für mich als Hobbyköchin und -bäckerin ein absoluter Traum. So viel Platz, geschweige denn einen fünf-Platten-Gasherd hatte ich noch nie.

Da ist es kein Wunder, dass ich versuche, so viel Zeit wie nur irgend geht bei ihm zu verbringen. Vor allem, wenn meine Mitbewohnerin gerade im Heimaturlaub ist, quartiere ich mich dauerhaft dort ein. Gerade jetzt im Sommer muss man schließlich noch Garten und Terrasse nutzen, ein Luxus, den ich aus meiner WG im vierten Obergeschoss leider nicht kenne. Irgendwie fühlt es sich schon fast wie in den elterlichen vier Wänden an, an deren Lebensqualität die neue Bleibe meines Freundes doch stark erinnert. Mir ist schon klar, dass nicht ich diejenige bin, die hier wohnt. Aber nachdem auch der Partner einer Mitbewohnerin häufiger hier als bei sich zu Hause ist, hat sich mein schlechtes Gewissen darüber, ständig hier rumzuhängen, auch beruhigt. Und ich genieße dieses durchaus angenehme, aber weiterhin merkwürdige Gefühl, als Studentin zumindest zeitweise in einem Einfamilienhaus zu leben. Und es sei Euch gesagt: Selbst für meinen Freund, der bereits seit ein paar Jahren arbeitet, ist es auch noch ziemlich komisch.

Das Leben spielt sich für uns im Erdgeschoss des Hauses ab: Die beiden Zimmer meines Freundes, die Küche und ein eigenes Bad sind dort gelegen. Die anderen drei WG-Bewohner*innen haben ihre Zimmer im ersten Stock bzw. im Dachgeschoss und dort auch ihr eigenes Bad. Sprich, wir sind im Erdgeschoss meistens alleine, außer es kocht und isst jemand am Begegnungsort Küche. Dass wir von den Mitbewohner*innen nicht viel mitbekommen könnte eventuell auch daran liegen, dass meistens überhaupt niemand da ist. Vor allem an den Wochenende könnte man denken, man lebt in einem Geisterhaus. Unter der Woche sind zumindest noch die bereits erwähnte Mitbewohnerin und ihr Freund zu Hause, kochen viel und halten sich im Garten auf, sodass man nicht das Gefühl haben muss, ein ganzes Haus alleine zu bespielen. Die anderen zwei Mitbewohner sind am Wochenende nie und unter der Woche auch eher sporadisch anzutreffen. Zum Teil hatten wir tage- oder wochenlang keine Ahnung, wann oder ob einer der beiden mal wieder einmal reinschneit. Das Mysterium verschollene Mitbewohner hat sich bisher zwar immer wieder aufgelöst, zumal ihre Abwesenheit auch weitestgehend durch Corona erklärbar ist. Dieses komische und manchmal fast gruselige Gefühl, das sich einstellt, wenn man in einem großen Haus alleine ist, bleibt jedoch auch weiterhin regelmäßig unser Begleiter.

Das bleibt jedoch wirklich das Letzte, über das sich mein Freund und ich angesichts dieses Wohnens next level beschweren würden. Man kann sogar fast das Gefühl bekommen, endlich erwachsen geworden zu sein, wenn man die Pflanzen im Garten gießt, freiwillig den Rasen mäht oder die Frage stellt: »Kannst Du eine neue Packung Kaffee aus dem Keller holen?«

Nächste Woche gibt es dann einen Wohnsinn von einer neuen Kolumnistin. Freut Euch drauf!

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