Der Fahrrad-Friedhof vor dem Wohnheim

Jetzt zum Start des Sommersemesters holen viele wieder ihr Fahrrad raus, um bei schönem Wetter zur Uni zu radeln. Damit fängt aber auch der alltägliche Kampf um einen Platz in den von Fahrradleichen übersäten Ständern vor den Wohnheimen erneut an. Eine Bestandsaufnahme der Altmetall-Sammlung, die sich vor dem Dr.-Gessler-Heim türmt.

Von Lotte Nachtmann

Regensburg ist eine Fahrradstadt. Hunderte Studierende strampeln sich jeden Tag den Galgenberg hinauf oder genießen vor allem im Sommer diese unbeschwerte und vom nur partiell zuverlässigen RVV unabhängige Fortbewegungsart. Doch dann ist das Studium irgendwann vorbei oder ein Wohnortswechsel steht an. Wenn das Auto eh schon proppenvoll ist, fällt vielen die Entscheidung nicht schwer, die alte Tretmühle im Fahrradkeller oder vor dem Eingang des Wohnheims stehen zu lassen. Kein Wunder, denn viele Studierende sehen berechtigterweise nicht ein, hunderte Euro für ein schickes modernes Rennrad auszugeben, das dann wenige Wochen später schon wieder gestohlen wird. Lieber greift man auf das gebrauchte 50-Euro-Brückengeländer zurück, um das es nicht schade ist, falls es wegkommt, aber eben auch nicht, wenn man es stehenlässt. So verwaisen jedes Semester hunderte Fahrräder und die Stellplätze gerade vor den Studentenwohnheimen verwandeln sich langsam aber sicher in Altmetall-Friedhöfe. Schätzungsweise 40 bis 50 Prozent der Zweiräder ist anzusehen, dass sie seit Jahren nicht bewegt worden sind. Verrostete Ketten, platte Reifen und aufgeplatzte Sättel komplettieren dieses traurige Bild, das eher einem Sperrmüll gleicht. Manche Exemplare verwachsen förmlich mit ihrer Umgebung, langsam ranken sich die Schlingpflanzen an den Speichen hinauf und die Räder werden Teil der Wohnheimsvorplätze.

Problematisch wird das natürlich irgendwann für diejenigen, die dort regelmäßig ein Plätzchen für ihr noch funktionstüchtiges Velo suchen. Viele dieser Fahrradwracks sind nämlich auch noch an den Ständern angeschlossen, sodass man sich auch nicht so einfach einen Platz verschaffen kann, den das aktive Rad nun wirklich mehr verdient hat, als dieser Schrott auf zwei Plattfüßen. So quetschen viele ihre fahrbaren Untersätze irgendwie dazwischen, was regelmäßig Dominoeffekte auslöst und man am nächsten Morgen sein Rad aus einem Mikado-ähnlichen Haufen ziehen darf. In meinem Wohnheim im Regensburger Westen gibt es zusätzlich zu den Stellplätzen vor den Eingängen der Wohnhäuser noch Fahrradzwinger in der Tiefgarage. Dort sind die Fahrräder zumindest vor der Witterung geschützt, die bei nicht regelmäßiger Kettenpflege doch ihre Spuren hinterlässt. Abgesehen von der ebenfalls vollkommen unübersichtlichen Lage, ist aber auch noch aus einem anderen Grund von der Unterbringung seines Fahrrades dort unten abzuraten: Dunkelheit und fehlende Einsehbarkeit laden gerade den einen oder anderen Erasmus-Studenten dazu ein, sich an der Auswahl mehr oder weniger fahrtüchtiger Zweiräder zu bedienen und so kostengünstig zu einem Fortbewegungsmittel für ein Semester zu kommen. Und da werden natürlich in erster Linie die Exemplare gewählt, die noch einigermaßen in Schuss sind. Obwohl es bei manchen Fahrrad-Waisen gar nicht mal so ein großer Aufwand wäre, sie wieder fit zu machen. Neue Mäntel und eine ordentliche Kettenreinigung würden häufig schon reichen. Umso trauriger ist es daher für eine Fahrrad-Liebhaberin wie mich, zu sehen, wie durchaus passable Räder dort unten und auch oben vor den Eingängen verwahrlosen. Und bei halbwegs hoffnungslosen Fällen könnte man bestimmt noch brauchbare Teile abschrauben und aus zwei bis drei Brückengeländern ein benutzbares Fahrrad basteln.

Natürlich bleibt diese unübersichtliche Lage auch von den Hausmeistern unseres Wohnheims nicht unbeobachtet. So landete vor ein paar Monaten ein Zettel in den Briefkästen des Wohnheims, auf dem eine ausführliche Ausmist-Aktion für die Fahrrad-Stellplätze angekündigt wurde. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden dazu angehalten, ihre Räder mit Namen und Zimmernummer zu markieren; alle nicht markierten Exemplare würden ab einem bestimmten Datum entfernt. An sich eine sinnvolle Maßnahme, dachte ich mir in der Hoffnung, bald wieder einfacher einen Platz für mein eigenes Rad zu finden. Komischerweise ist dies auch passiert, wobei sich die Logik, nach der die Fahrräder aussortiert wurden, mir nicht wirklich erschließt. Die Räder, die noch gut in Schuss sind, wurden natürlich markiert und durften bleiben. Andererseits stehen auch weiterhin ungekennzeichnete, in der Auflösung begriffene Altmetall-Haufen vor meiner Haustür, die mit Sicherheit nie wieder einen Meter fahren werden. Mal wieder eine von vielen Wohnheims-Bizarrerien, die sich mir nie erschließen werden.

Während ich jetzt mein Fahrrad aufpumpen gehe, um damit sportlich ins Sommersemester zu starten, freue ich mich schon wieder auf eine spannende Geschichte aus Lenas WG nächste Woche.

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