stories | Wie man mit dem Hammer philosophiert

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„Den Insassen nichts geben und nichts annehmen!“, mahnte der Wachmann und spreizte seinen Schnurrbart. Durch dichten Nebel hörte man Schüsse der Maschinengewehre vom nahegelegenen Truppenübungsplatz. Ein paar der Wiederholungstäter hatten gerade Freigang. Götz sah schon von weitem, wie sie schwerfällig ein Bein hinter dem anderen über den Asphalt schleiften. In einem amerikanischen Gefangenenlager wurden erst kürzlich einem Insassen die Beine mit einem Baseballschläger gebrochen, erinnerte sich Götz. Der könne jetzt wohl nicht mehr weglaufen. Aus kürzerer Distanz bemerkte er die gelben Augen hinter den geschwollenen Höhlen der Häftlinge. Er versteckte seine zitternden Hände in den Manteltaschen.

„Was haben diese Menschen? Ist das ansteckend?“

„Ikterus! Klingt wie ein Erzengel, oder?“ erwiderte der Wärter, während er einen der Sträflinge fixierte. „Ist aber der Fachausdruck für Gelbsucht. Das haben hier circa 60 Prozent. Sie wissen schon, alles Drogenabhängige.“

Dann trat er etwas näher an Götz heran. „Und Frauen gibt’s hier ja auch keine und Verhütung gibt’s auch nicht wirklich. Sie wissen doch, wie das ist, oder?“

Da hat sich also nicht viel geändert. Genau wie damals, als hier noch Mönche lebten, dachte Götz. Seine erste Freundin hatte er mit neun. Im Schullandheim hielten sie sich oft an der Hand. Ihre Hand war immer voller Dreck oder klebrig. Im Inneren war der Komplex kleinteilig. Die Führung nahm kein Ende. Viele Zellen an ewigen Gängen. Am Ende jedes Ganges kam Licht durch ein kleines Fenster. Götz erinnerte das alles an das Tracheen-System eines zu groß geratenen Tausendfüßers.

„Passt gut zu Weihnachten, oder?“, fragte der Wärter und wendete sich erwartungsvoll zu Götz, als ob er die Pointe schon kennen würde.

„Hinter jedem Türchen wartet ein Schwerverbrecher. Adventskalender des Grauens. “

Der ganze Brei aus Leid und Hass war ekelhaft. Irgendwer müsse ihn noch auslöffeln. Und dieser einfältige Wärter. Die spätgotische Architektur war vollkommen. Aber der Kraftraum für die Häftlinge war auch nicht zu verachten. ‚Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt‘, hatte jemand mit Kugelschreiber in die Wand geritzt. Eine schöne Vorstellung, wie sie sich selber geißeln. An den Foltertürmen des Bodybuildings. Und wenn gerade die Zuchtlosen an Gelbsucht litten und sich ihre Leber zu einer großen Narbe zusammenziehen würde… Das wäre eine gerechte Strafe, überlegte Götz. Zugleich bereute er, denn so darf man nicht denken, keine Urteile fällen. Alle Rachegelüste von sich schieben. Wie furchtbar das Leben gewesen wäre, ohne Glauben, ohne Gott und ohne Moral. Manche Häftlinge hatten keine Hemmungen, einen Mitmenschen zum Krüppel zu schlagen. Dabei kann man sich schon schämen, wenn man aus Versehen einer Frau beim Einkaufen auf den Hintern schaut. Wie verschieden doch alle sind. Wie es wohl wäre, als Homosexueller auf die Welt zu kommen? Aber nein, auch das darf man nicht denken. Wie verschieden doch alle sind.

 

Text: Niels Ringler

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