Lautstark: Nebraska – ein Soundtrack zum November-Blues

Lautstark: Nebraska – ein Soundtrack zum November-Blues

Bald ist November, die graue Suppe Regensburgs kickt mal wieder ziemlich rein und irgendwie hat man auch keine Lust mehr auf Gute-Laune-Musik. Deshalb habe ich ein uraltes, unfassbar trauriges Album von Bruce Springsteen ausgebuddelt und höre mir – um die Stimmung zu vervollständigen – Geschichten über Tragödien einfacher Leute aus dem Mittleren Westen der 1980er Jahre an.

von Lotte Nachtmann

Offenbar war Bruce Springsteen am 03. Januar 1982 in einer ähnlichen Stimmung wie ich jetzt. Zumindest schloss er sich der Legende nach in seinem Schlafzimmer in New Jersey ein und nahm auf seinem Vierspurtonbandgerät die zehn Songs von »Nebraska« auf (und noch ein paar mehr, die dann später auf einem anderen Album erschienen sind). Eigentlich sollten die Songs später im Studio zusammen mit der E Street Band eingespielt werden, Springsteen hatte aber keinen Bock drauf. Nur ein bisschen E-Gitarre, Glockenspiel und andere Kleinigkeiten sind noch zum ursprünglichen Gitarre-Mundharmonika-Gesangs-Trio dazu gekommen.

Mord, Einsamkeit und Autofahren im Dunkeln

Ich vermute auch ganz stark, dass eine Studio-Version des Albums nie die tief-trübe, verstaubt-nostalgische und sehr intime Aura hätte rüberbringen können, die Springsteen und sein Vierspurtonbandgerät uns nun seit knapp 40 Jahren auf die Ohren geben. Der klassische E Street Band hall-of-sound-Sound hätte nicht zu Mord, Tod, Verbrechen, Einsamkeit, gescheiterte Liebe und ganz viel Autofahren im Dunkeln gepasst.

Thematisch ist das ganze also schon mal ein Fest der Freude. Musikalisch würde ich »Nebraska« als eine Mischung aus Folk, sehr trauriger Rockballade und den Erzählungen eines 88-Jährigen Mannes aus irgendeinem Kaff in Nebraska, der seinem Urenkel die Highlights der Lokalpresse der letzten 78 Jahre erzählt, beschreiben. In diesem Lokalblatt wird zum Beispiel in dem Lead-Artikel »Nebraska« die Geschichte des Serienmörders Charles Starkweather und seiner Komplizin und Partnerin Caril Fugate erzählt, die tötend durchs Land zogen. Und zwar aus dessen Perspektive, sodass man als Zuhörer:in fast schon Mitleid mit ihm bekommt, wenn er darum bittet, dass man seine Freundin nach seiner Hinrichtung gut behandeln solle. Die Mundharmonika klingt fast so, als spiele sich Starkweather sein eigenes Totenlied. Von verschuldeten Kleinkriminellen, die vor ihrer Verantwortung weglaufen, erzählt »Atlantic City«, der wohl bekannteste Song des Albums, der auch einer der wenigen mit breiterer Instrumentalrange ist und daher mit am wenigsten traurig rüberkommt.

Trinken, Schulden und Industriejobs

Aber auch die kleinen Alltagsszenen des neuen, gebrauchten Autos der Familie, einer uralten Villa auf dem Hügel vor der Stadt oder der Suche nach der Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater finden mit Springsteens sehr persönlichen Kolumnen Eingang in so manche Ausgabe der Nebraska News. Das provinzielle Leben des rauen, kargen und irgendwie emotional und finanziell abgehängten Mittleren Westens bringt »Nebraska« auf sehr nahbare Art und Weise rüber, ohne die große Moralkeule zu schwingen, sondern einfach, indem es sich brutal ehrlich und ungeschönt mit den Geschichten der einfachen Leute beschäftigt. Diese einfachen Leute trinken, tanzen, verschulden sich, versuchen, über die Runden zu kommen, bleiben dabei nicht immer auf dem Weg der Legalität, verlieren ihre große Liebe oder ihren Job in der Industrie und führen das gleiche Leben, wie ihre Eltern es schon getan haben. Eine ungesunde Portion Nihilismus durchzieht all diese Songs. In »Nebraska« antwortet der Serienmörder auf die Frage, warum er seine Taten beging: »Well, sir, I guess there’s just a meanness in this world.« Oder in »Atlantic City« heißt es: »Well, now, everything dies, baby, that’s a fact.«

Und trotz all der wirtschaftlichen und emotionalen Widrigkeiten, die diesen Leuten widerfahren, lachen sie auch hin und wieder mal und verlieren in den dunkelsten Stunden nicht die Hoffung: »Still, at the end of every hard day, people find some reason to believe,« heißt es schließlich in »Reason to believe«. So fährt das lyrische Ich von »Highway Patrolman« seinem Bruder Franky hinterher, nachdem dieser einen jungen Mann krankenhausreif geschlagen hat denn: »Well, if it was any other man, I’d put him straight away. But when it’s your brother, sometimes, you look the other way.«

Denn auch wenn am Ende alles stirbt, so wie die Natur in diesen dunklen Herbsttagen zurückzieht und in den Winterschlaf geht, wird immer wieder Frühling: »But maybe everything that dies someday comes back«.

 

Hier noch meine Songempfehlungen:

 

»Nebraska«
»Highway Patrolman«
»Used Cars«

Beitragsbild: Brandon Mowinkel | Unpslash

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