Mov:ement: »Je suis Karl« – Gott sei Dank ein bisschen drüber

Mov:ement: »Je suis Karl« – Gott sei Dank ein bisschen drüber

Häufig genug nervt es unendlich, wenn politische Filme über die Stränge schlagen. Die deutsch-tschechische Koproduktion »Je suis Karl« des Regisseurs Christian Schwochow, die Mitte September in die Kinos kam, macht das auch. Aber komischerweise nervt der Film weniger, als dass er einen auf schockierende Art und Weise in den eigenen demokratischen Grundfesten erschüttert und vor allem erst einmal eines macht: Angst. Zumindest solange man* sich unreflektiert den Übertreibungen hingibt.

von Lotte Nachtmann

Überall in Europa erstarken seit Jahren die rechtspopulistischen Parteien. Bei den Bundestagswahlen vor gut einer Woche haben die deutschen Wähler*innen den bundesweiten Aufwärtstrend der AfD zumindest gestoppt. Trotzdem ist rechtes, einwanderungsfeindliches Gedankengut in Deutschland längst Realität bzw. ist es vermutlich immer gewesen. In Thüringen erzielt man* damit Ergebnisse von 23,7 Prozent, in Sachsen sogar von 25,7 Prozent. Auch Realität: Hanau, Halle, Kassel, Chemnitz und die Mordserie des NSU – sprich rechtsextremistischer Terrorismus. Die Schlussszenen von »Je suis Karl«, in denen eine europaweite Eskalation rechter Gewalt ausbricht und ausländisch aussehende Menschen auf den Straßen Paris, Berlins und Mailands verfolgt und ermordet werden, erinnern durchaus an die Hetzjagden von Chemnitz. Wenn auch nicht in dem vom Film dargestellten Ausmaß.

re/Generation europe – ein Best of populistischer Floskeln

Tatsächlich ist es auch gerade diese Übertreibung, die es zu kritisieren und gleichzeitig zu loben gibt. Aber dazu später. Worum geht es in »Je suis Karl«? Mittelpunkt des Filmdramas ist die Jugendliche Maxi Baier aus Berlin (Luna Wedler). Sie verliert durch einen terroristischen Anschlag ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Brüder; nur ihr Vater überlebt. Die Presse vermutet schnell, dass hinter dem Anschlag ein islamistisches Motiv steckt, da der »Paketbote«, der das Paket mit der Briefbombe bei Maxis Vater (Milan Peschel) abgegeben hat, ein »arabisches« Aussehen hatte. Maxi trifft kurz nach der Beerdigung von Mutter und Brüdern auf Karl (Jannis Niewöhner), der sie vor aufdringlichen Journalist*innen rettet. Karl lädt sie zu einer »Summer Academy« an der Prager Universität über die Zukunft Europas ein. Nach einem Streit mit ihrem Vater macht sich Maxi tatsächlich auf nach Prag. Klingt erst einmal alles schön und gut. Junge Menschen treffen sich und machen sich Gedanken über Politik. Doch schnell wird klar, dass es sich bei den Organisator*innen der »Summer Academy« nicht um das Junge Europa handelt. Von einem »Sieg Heil«-Ruf während seiner Rede ist zwar auch Karl offiziell nicht begeistert, das Gerede über eine Kriegserklärung an die Regierungen Europas, eine sichere Heimat Europa und ausgedachte Geschichten über Vergewaltigungen durch Geflüchtete überzeugen dann aber endgültig davon, dass es sich bei Karls Aktionsgruppe re/Generation europe um eine rechtsidentitäre Bewegung handelt. Auch Maxi hat Zweifel daran, ob es rechtens ist, sich Vergewaltigungsgeschichten auszudenken, nur weil sie so geschehen sein könnten. Allerdings ist es schon längst um sie geschehen und sie verliebt sich in Karl, der auch alles daran setzt, dass genau das passiert. Und schon kommt noch ein weiterer Drehort und damit eine weitere Thematik ins Spiel: Karl fährt nach Frankreich, wo ein Volksentscheid über die Wiedereinführung der Todesstrafe abgehalten wird. Angeführt wird das »pour«-Lager – also die Befürworter*innen – von der jungen, rechten Autorin Odile Duval, die die Todesstrafe als Abschreckungsmaßnahme gegen straftätige Migrant*innen preist. Inzwischen ist Maxi so von Karl und den anderen Mitgliedern von re/Generation europe eingelullt, dass sie auf der Abschlussveranstaltung des Wahlkampfes um das Referendum sogar bereit ist, ihre Geschichte zu erzählen. Ganz und gar in der Rhetorik der Bewegung à la »niemand hat uns beschützt«, »die Regierungen haben versagt«, »ich habe Angst«, »zusammen schaffen wir Erneuerung« … ein Best of populistischer Floskeln, wenn ihr mich fragt.

Was Maxi nicht weiß, die Zuschauer*innen dafür aber schon: Das Attentat, bei dem ihre Familie ums Leben kam, ist nicht von radikalen Islamist*innen verübt worden, sondern von ihrem ach so charmanten und charismatischen Karl. Und das sollte erst der Anfang sein von dem, was re/Generation in Europa vor hat.

Luna Wedler ist die perfekte Besetzung für Maxi. Bild: Deutsches Filminstitut Filmmuseum

Der neue Nummer-eins-Cast für emotionale Wracks

Bevor wir uns um die politische Analyse dieses Films kümmern, möchte ich zunächst ein paar Worte über die darstellerischen Leistungen von Luna Wedler und das Geschrei von Jannis Niewöhner verlieren. Zu Wedler ist nicht viel mehr zu sagen, als dass sie großartig spielt. Denn ihre Emotionen wirken nicht wie die halbherzigen Gefühlsausbrüche, bei denen gerade Schauspielerinnen immer noch irgendwie attraktiv aussehen sollen. Nein, Luna Wedler hat nichts mehr von Anmut oder Sexiness, wenn sie weint, ein Krankenhauszimmer demoliert oder ihren Vater anschreit. So wie das bei niemandem in Wirklichkeit anmutig oder sexy aussehen würde. Sie balanciert zwischen Trauer, Wut und Glück, ohne dabei so zu wirken, als wolle sie das gesamte Repertoire ihrer Emotionen zeigen wollen. »Es ist alles so traurig und ich bin so glücklich«, sagt sie zu Karl. Sie zeigt Maxi als gleichzeitig manipulierbar und dennoch gefestigt in ihren Werten, spätestens als sie erkennt, welches Spiel re/Generation mit ihr und ihrer Geschichte gespielt hat. Schon in der Netflix-Serie »Biohackers« hat Luna Wedler diese Schauspielkunst präsentiert und wird vermutlich in den kommenden Jahren der Nummer-eins-Cast für weibliche Nervenwracks im deutschen Kino sein. An dieser Stelle noch ein kleines Shoutout an Aziz Dyab, der den libyschen Geflüchteten Yusuf spielt. Maxis Eltern bringen ihn 2015 nach Deutschland. Der Moment, in dem er zum ersten Mal auf deutschen Boden tritt, niederkniet und von seinem Glück übermannt wird, bleibt vermutlich die eindrucksvollste Szene von »Je suis Karl«.

Die schauspielerische Differenziertheit von Luna Wedler fehlt Jannis Niewöhner leider. Bei seinen Auftritten vor Studierenden wirkt er weniger wie ein populistischer Meinungsmacher, auch wenn er sich deren Floskeln perfekt bedient, sondern eher wie ein Lebenscoach für Singles in der Midlifecrisis. Wenn er die Menge aufheizt mit Parolen wie »Ils viennent chez nous, profitent de nos droit et s‘imposent à coups de bombes« (»Sie kommen hier her, genießen unsere Rechte und bomben sich schamlos den Weg frei«) wirkt er allerdings dann doch wieder wie ein fanatischer Rechtsradikaler. Beides passt nicht zu einer modernen Bewegung, die ihre Dynamik aus der Generation Z ziehen möchte.

Wenn die Geheimdienst ein Wörtchen mitzureden haben

Karl (Jannis Niewöhner) bei seiner Rede an der Prager Uni. Bild: © Pandora Film | Radio Arabella

Das macht das Auftreten Karls in mehrfacher Hinsicht unrealistisch. Gerade gegenüber einer politisch woken und insbesondere in Frankreich eher links eingestellten Studierendenschaft bezweifle ich doch stark, dass sein noch so menschenfängerisches Auftreten nicht auf Argwohn stoßen würde. Insbesondere die links-identitären Bubbles französischer Universitäten würden darin das gefundene Fressen für eine Enttarnung von re/Generation finden. Tatsächlich verkauft der Film die europäische Jugend ein bisschen für dumm, wenn er suggeriert, dass von jetzt auf gleich tausende Studierende auf versteckt rechte Parolen reinfallen. Und um uns mal aus dem studentischen Milieu rauszubewegen: In Europa gibt es noch genug kritische Presse, die den Zauber dieser so schillernden Bewegung mit ein paar Schlagzeilen schnell wegpusten würde. Vor allem, wenn diese versucht, sich einen so emotional aufgeladenen Slogan wie »Je suis Charlie« anzueignen. Gerade in Deutschland sehe ich zudem vor meinem inneren Auge, wie sich ziemlich schnell ein politisches Gegengewicht – gesellschaftlich, medial und auch auf Parteieneben – bilden würde, das die Attraktivität von re/Generation nicht so im digitalen Raum stehen lässt. Und spätestens als es am Ende des Films zu exzessiven Gewaltakten – Maxis Vater spricht von einer europaweiten Machtübernahme – kommt, schaltet sich mein Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und die exzellenten Geheimdienste der allermeisten europäischen Länder ein. Und wenn es Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz nicht gebacken bekommen – wir wissen um deren partielle Blindheit auf dem rechten Auge – dann würden doch zumindest MI6, CIA sowie DGSI und DGSE aus Frankreich die Sache regeln.

Revolutionäre Aktionen, in dem Ausmaß, das »Je suis Karl« zeigt, wären nicht unentdeckt planbar. Wer sich diese maßlose Übertreibung des Films vor Augen führt, kann sich auch wieder beruhigen und die »Scheiße, genau das könnte wirklich passieren«-Alarmglocken abschalten. »Je suis Karl« ist ein sehr unrealistisches bis undenkbares Worst-case-Szenario. Das macht den Film aber nicht weniger gut. Denn hinter den Übertreibungen stecken doch einige Ansatzpunkte, die tatsächlich heute schon politischer Fakt sind oder gar nicht so sehr an den Haaren herbei gezogen scheinen.

Braucht es die Übertreibung, um wach zu rütteln?

Erstens: der Auslöser Referendum. Dass ein Referendum – es sei einmal dahin gestellt, ob Frankreich in nächster Zeit tatsächlich über die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutieren würde – vor allem bei unserem Nachbarn westlich des Rheins eine Art Sogwirkung für eine politische Bewegung erzeugt, ist gar nicht so befremdlich. Frankreich ist das Land der gescheiterten Referenden (siehe Verfassungsvertrag für die EU), die gerne einmal von den politischen Lagern instrumentalisiert werden. Und dass eine junge Intellektuelle wie Odile Duval im Film auf den Zug aufspringt oder ihn sogar ins Rollen bringt und damit zur Symbolfigur eines Lagers wird, würde ich auch nicht ausschließen.

Zweitens: Die Manipulation und Instrumentalisierung von Anschlägen, Opfern und Einzelfällen ist auch heute schon Praxis im rechten und/oder populistischen Milieu. So werden einzelne migrantische Straftäter*innen zum Anlass stilisiert, über alles »Fremde« als gesellschaftsschädlich herzufallen. Die klassisch populistische Rhetorik greift der Film gut auf. Und dass nicht nur irgendwelche Altnazis dem verfallen, ist in osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Polen zu beobachten. Die Populist*innen dort spielen mit den Ängsten, den tatsächlich historisch gewachsenen Problemen und den Fehlern der (Ex)-Regierungen und überzeugen so auch junge Leute, indem sie ihnen eine rosige Zukunft versprechen, die ihre Länder ihnen angeblich so nicht hätten bieten können.

Drittens: Die Eigendynamik, die die Nutzung der Sozialen Medien entwickeln kann, treibt »Je suis Karl« zwar ein wenig auf die Spitze, trifft sie aber im Kern ganz gut. Livestreams, Influencer*innen … das Ganz-nah-dran-sein. Die Manipulation, der sich viele junge Menschen ungeahnt durch diese Art des Medienkonsums aussetzen, hat durchaus Eskalationspotenzial. Wie wichtig politische Bildung und eine Schulung junger Menschen in differenziertem Umgang mit Social Media Inhalten sind, merken die Zuschauer*innen hier auf schmerzliche Weise. Facebook, Telegram, Instagram und Co. werden schon heute für politische Zwecke missbraucht.

Somit ist die emotionale Übertreibung, die den Plot prägt, ein gar nicht so falsch gewähltes Mittel, um eben diese Angst zu schüren, was passieren könnte, wenn alle gesellschaftlichen, politischen und geheimdienstlichen Notfallprotokolle versagen. Wenn die re/Generation People davon reden, sie hätten Angst, dann muss man* deutlich sagen, dass man* als Zuschauer*in auch mit der Angst zu tun bekommt. Nur nicht mit der Angst vor unkontrollierter Einwanderung, sondern vor rechten Menschenfänger*innen.

 

Beitragsbild: Luna Wedler als Maxi und Jannis Niewöhner als Karl. Quelle: Radio Arabella

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