Lautstark: Snap! und die wundersame Welt des Eurodance

Lautstark: Snap! und die wundersame Welt des Eurodance

Nicht nur jede Person, die entweder in den 1990ern geboren wurde oder aufgewachsen ist, kennt diese Sounds: »It’s My Life« von Dr. Alban, »What Is Love?« von Haddaway und natürlich »Rhythm Is A Dancer« von Snap! sind bis heute allseits bekannte Banger, die auf jeder Party garantiert für Stimmung sorgen, egal, wie oft diese schon etwaige Gehörgänge ummanteln durften. In der letzten Dekade des zweiten Millenniums n. Chr. dominierte europäischer, vorrangig sogar deutscher, musikalisch absolut anspruchsloser Techno-Rap-Trash die Charts – und es war toll. 

von Elias Schäfer

In den 1990ern, schien es, hatte sich die Jugend komplett dem Nihilismus und der Perspektivlosigkeit verschrieben: Generation X war das Schlagwort, das durch Autor*innen, Journalist*innen und Soziolog*innen geprägt, und durch neue Musikgenres wie Grunge oder Gangsta Rap und Filme wie »Trainspotting« und »Fight Club« audiovisuell definiert wurde. Die »No Future«-Mentalität der 1970er Punk-Kids feierte nach dem puren Hedonismus der 1980er ihr Revival innerhalb von Flanellhemden, zerschlissenen Jeans und fettigen Matten der Weißen Vorstadtteens, in der erstmals von Rap-Gruppen wie N.W.A. auch im Mainstream angesprochenen ausufernden Gewalt in vordergründig Black Communities und in den Techno-Bunkern der Raver, die förmlich von Ekstase zu Ekstase hüpfen wollten und dabei auch das ein oder andere Hilfsmittelchen gebrauchten.

Im Festland-Europa war die Lage allerdings nicht so prekär wie in den USA oder in Großbritannien. Hier wurde sich »Wo bleibt der Spaß?« gefragt; dieser Unterschied wurde von Florian Illies in seinem 2000 erschienenen Buch »Generation Golf« porträtiert, der die bundesdeutsche Jugend der 80er und 90er Jahre als konsumbesessen und nur den Wohlstand ihrer Eltern genießend skizziert, ohne sich mit den ökonomischen sowie ökologischen Konsequenzen der Baby Boomer auseinandersetzen zu wollen. Dementsprechend ließen sich hierzulande musikalisch eher weniger die teilweise stark lebensverneinenden Botschaften von Bands wie NirvanaKoRn oder Type O Negative finden. Europäische Mainstream-Musik stand noch ganz in der Tradition vom High Energy und Italopop der 80er sowie des Disco Sounds der 70er. 

Vor allem die Frankfurter Club- und DJ-Szene spielte eine enorme Rolle in der Kreation eines neuen, von Samples, House/Trance und Breakbeat dominierten Musikstils, der bald die ganze Welt, vor allem aber Europa und die Länder der nunmehr ehemaligen Sowjetunion überrennen sollte. Der »Sound of Frankfurt« entstand Mitte-Ende der 1980er. Die bekanntesten Jockeys der damaligen Frankfurter Szene, darunter Sven Väth, Torsten Fenslau oder Gruppen wie Moskwa TV und OFF, taten sich zusammen, um ein neues musikalisches Zeitalter anzuschlagen: Es ging um Futurismus, Tanzbarkeit, Spaß und rein synthetisch produzierte Klänge. Doch es ist das Produzentenduo bestehend aus Michael Münzing und Luca Anzilotti, das es schließlich mit einer grandiosen Idee schafft, diesen Sound aus dem Frankfurter Szenetreff Dorian Gray auf die Spitze der internationalen Charts zu hieven: Die Addition von weiblichem Soul-Gesang und männlichen Rap-Parts zusätzlich zu den treibenden und hochenergetischen Beats. 1989 war somit das Projekt Snap! geboren.

Ein bisschen Klauen wird doch wohl ok sein

Snap!, zu der Zeit bestehend aus Thea Austin und Turbo B, im Jahre 1991 in Antwerpen. © Getty Images, gie Knaeps

Der neuartige Eurodance, wie diese Mischung aus verschiedensten Dance-Musikstilen später noch genannt werden sollte, verrichtete seine Innovation durch die Methode des Cherry Pickings seitens der Producer: Am Beispiel von Anzilotti und Münzing, die ihre uncoole, deutsche Herkunft durch die Pseudonyme John Virgo Garrett III und Benito Benites verschleiern wollten, ist zu sehen, dass ihre Kreativität darin lag, bereits Gegebenes und Etabliertes durch verschiedene Kombinationen frisch und aufregend klingen zu lassen. So wurden mithilfe von Sequenzern, Drum Machines und Synthesizern schnelle und pumpende Beats gebaut (meist 120 bis 150 BPM), hinzu kamen zwei Stimmen in Form von einem männlichen Rapper und einer weiblichen Sängerin, die sich abwechselnd im Laufe des Tracks ergänzten, und Plagiate – viele, viele Plagiate. Ganz im Sinne der im Jahre 1990 aufgeflogenen Playback-Crew Milli Vanilli machten die Producer*innen überhaupt keinen Hehl daraus, glorifizierte Remixes von bereits bekannten Songs oder Artworks in ihren Studios zu verwursten, etwas aufzupimpen und schließlich als Welthit zu veröffentlichen.

»The Power« war der erste Hit der Formation Snap!, die aus dem US-amerikanischen Rapper Turbo B mit immer wechselnden Sängerinnen bestand; mal war es Jackie Harris, mal Penny Ford, mal Thea Austin (die Stimme von »Rhythm Is A Dancer«), später auch die ehemalige Madonna-Backgroundsängerin Niki Haris. Der ikonische Song, der mit dem russischen Nonsens-Spruch »Американская фирма Transceptor Technology приступила к производству компьютеров ›Персональный спутник‹« (»The American company Transceptor Technology has started production of the ›Personal Companion‹ computer«) und dem gesampleten Ausruf »I’ve got the power!« von Sängerin Jocelyn Brown beginnt, schafft es in mehreren Ländern sofort auf die Nummer eins der Charts und sollte bis heute unvergessen bleiben, auch wenn er oftmals ironisch gebraucht wird (siehe die »Agathe Bauer« Verhörwitze). Allerdings war der Song selbst nicht ganz so originell:

Die Ursprungsversion enthielt unerlaubt weiterverwendete Teile von so einigen Musikstücken, weswegen sie erstmal vernichtet und neu aufgenommen werden musste. Auch danach sind noch so einige Samples zu hören, was allerdings nicht weiter schlimm ist, denn zu der Zeit wurden Samples langsam zu festen Eckpfeilern der elektronischen Musik sowie des Hip-Hops. Nichtsdestotrotz ist »The Power« bzw. das ganze »World Power« Album von Snap! ein durchaus positives, kreatives Beispiel für den frühen Eurodance, bevor dieser zu einer reinen Hit-Maschinerie wurde, die permanent gleichklingende Songs nach dem bewährten Erfolgsrezept herauspumpte. Hier lag der Fokus noch mehr auf Hip-Hop, teilweise auch langsameren, trancigeren Beats und vor allem ganz schön viel Groove, so dass ich bisher noch keine Gruppe gehört habe, die genau so klingt wie Snap! Anfang der 90er.

Dazu trägt meiner Meinung nach (neben den tollen Breakbeats und Cowbells) vor allem Rapper Turbo B bei, der wirklich viel Potential hatte und bei dem ich es schade finde, dass er sich nie so ganz aus dem Eurodance-Dunstkreis herausgetraut hat. Aufgrund seiner tiefen Stimme, seinem manchmal hölzern klingenden aber doch interessanten Flow und der noch nicht ganz so perfektionierten und glattpolierten Abmischung der Tracks brachte sein Rap etwas Underground Feeling in die Songs des Frankfurter Produzentenduos, auch wenn für die musikalische und vokale Klasse die jeweiligen Begleitsängerinnen sorgten. Mit dem russischen Einleitungssatz am Anfang von »The Power« gelang Anzilotti und Münzing ebenso ein Geniestreich, da der Song schlagartig in der ehemaligen Sowjetunion von der jungen, den Westen entdeckenden Meute total abgefeiert wurde. Natürlich ist lyrisch aus diesen Liedern nicht so viel zu holen: Es sind von vornherein reine Party-Songs, bei denen die Vocals auch Mittel zum Zweck sind. Trotzdem gibt es auch hier einige interessante Lines, die Turbo B an die Hörenden bringt:

Searched and searched, where is the justice?

Couldn’t find it, so in God I trust this mind to

So it’s strong and fruitful

Am what I am, black and it’s beautiful

Not political but aware

Power Lord with a powerful stare

Never bow down to a mortal man

Here I stand at my own command

Snap! – Believe The Hype

Explosion des Eurodance und ein nie eingetretener Niedergang

Michael Münzing (Benito Benites) und Luca Anzilotti (John Virgo Garrett III) genießen die Früchte ihres Erfolgs. © HNA

Trotz oder gerade wegen der musikalischen Erfolge, die die Gruppe Snap! neben anderen Acts wie Technotronic (bekannt für »Pump Up The Jam«) oder C+C Music Factory (»Gonna Make You Sweat (Everybody Dance Now)«) hatten die Kritiker*innen Schaum vor dem Mund; so schrieb die Süddeutsche Zeitung 1990, dass Musiker*innen wie Snap! »das Handwerk gelegt werden sollte«, da die Musik des Produzentenduos nicht mehr auf Noten und »echten« Instrumenten basierte, sondern auf Computern – gar die »Entmenschlichung der Musik« wurde heraufgeschworen. Münzing hingegen quittierte solche Rezensionen folgendermaßen: »Musikinstrumente sind immer von Menschenhand gemacht. Was ist an einer Geige besser als an einem Computer?«, womit er nicht ganz Unrecht hatte. Außerdem, wen jucken Kritiker*innenstimmen, wenn Folgendes über den eigenen Erfolg alleine schon mit der Single »The Power« gesagt werden kann: »Das Stück kann unsere Familien bis ans Lebensende ernähren. Und wahrscheinlich auch die Familien unserer Enkel und Urenkel«. 

Und so breitete sich Eurodance aus der Keimzelle in Hessen immer weiter aus und wurde natürlich mit jedem Jahr populärer. Auch daran hatten Snap! quasi Schuld: 1992 erschien der Song »Rhythm Is A Dancer«, ein Track, der deutlich mehr Trance-Einfluss hatte, von der Stimme Thea Austins dominiert wurde und nur noch einen kleineren Rap-Part am Ende einbaute. Dieser Sound explodierte schließlich und das Mainstream-Erfolgsrezept für den Eurodance war gefunden. Dieses lag nicht mehr im eher experimentelleren House-Sample-Breakbeat-Rap des Jahres 1990, sondern in pathetisch ausufernden, choralen, hymnischen Refrains sowie knallenden, melodischen Synths. Spätestens nach »Rhythm Is A Dancer« entdeckte die ganze Welt diesen Sound für sich und setzte ihn sofort in bare Münze um: Dr. AlbanHaddawayCulture Beat … die Liste der One-Hit-Wonder, die tatsächlich immer noch von ihrem einen Hit leben können, da dieser jeweils sich wahrscheinlich auf noch viele weitere Jahrzehnte in den Gehörgängen der Menschheit eingenistet hat, ist ewig lang. Alleine schon in den Jahren 1993 und 1994 wurde Hit nach Hit herausgepumpt und kommerziell bis zum Gehtnichtmehr gemolken.

Die Mainstream-Aufmerksamkeit an diesem Genre schwand allerdings immer mehr, innerhalb von drei, vier Jahren hatte es sich, zumindest was kommerzielles Airplay anging, ausgedüdelt. In Deutschland kaperte der Happy Hardcore Sound von Scooter, DJ Bobo, Mark Oh! und Marusha die Charts; im Rest der Welt wurden Hip-Hop und R’n’B zu den neuen heißesten Eisen. Die Formel MC + Soul-Sängerin = Dancehit war schnell ausgemolken, da es nicht mehr viel Spielraum gab, das Genre über Jahre hinweg frisch zu halten und auch aus dem Corny-Spektrum zu bewegen, in das es sich durch seine eigene übertriebene und selbstironische Darstellung manövriert hat, womit es auch schnell langweilig wurde für ein breites Publikum. Am Anfang war die noch experimentellere Mischung musikalisch durchaus interessant; auch eine für die 90er typische Faszination für Urzeit-Science-Fiction-Mystik (siehe »Stargate« oder das Musikvideo zu »California Love« von 2Pac) prägte die Anfangszeit des Genres nicht nur durch Songs von Snap! wie etwa »Cult of Snap«, das orientalisch oder wie ferne Stammesrituale klingende Melodien einbaute, sondern auch durch Gruppen wie The KLF, eine britische Formation, die als einen der ersten Acts (dreistes) Sampling verwendete und mystische Themen in ihre House-Songs einbaute. The KLF ist allgemein sehr nennenswert, alleine schon, weil sie 1992 bei den BRIT Awards mit der Grindcore-Band Extreme Noise Terror eine extreme Version ihres Hits »3 A.M. Eternal« darboten, mit Platzpatronen geladenen Maschinengewehren ins Publikum schossen und auch noch fast Eimer voller Blut über das Publikum gossen, was allerdings verhindert wurde. Direkt danach beendeten The KLF sämtliche öffentlichen Musikaktivitäten.

Auch wenn Eurodance heutzutage bzw. schon seit seines Bestehens, belächelt wird, gibt es heute noch unzählige Best-of-90s Partys und sonstige Events, in denen diese fröhlichen, übertriebenen Songs auf diverse Weisen noch verwurstet werden. Es gibt kein Silvester-Konzert in den Öffentlich-Rechtlichen, das nicht einmal Dr. Alban oder Snap! zeigt, immer wieder werden diese Tracks in der Pop-Kultur referenziert und beeinflussen mit ihrer Art auch heutige Genres wie den Hyperpop. Auch persönlich habe ich eine echt starke Verbindung zu dieser Musik: Ich erinnere mich immer noch mit Freude an meine Kindheit, in der ich zusammen mit meinem Papa, der schon in den 90ern Kassetten mit den ollen Eurodance-Gassenhauern selbst aufnahm und zu diesen Songs mit meiner Mama in Discos tanzte, Songs wie »It’s My Life«, »What Is Love?« und »Rhythm Is A Dancer« aus den Boxen ballern ließ. Bis heute hören wir uns so etwas ab und zu an und werden ganz nostalgisch dabei. Bis heute entdecke ich irgendwelche längst vergessenen One-Hit-Wonder aus dieser Ära. Bis heute laufen Acts wie Snap! oder E-Rotic auf russischen Kanälen rauf und runter. Bis heute werden auch die mittlerweile alten und oftmals aufgedunsenen Künstler*innen nach Russland zu Nostalgie-Konzerten eingeladen. Eurodance ist locker, leicht und verspricht einfach gute Momente, in denen Sorgen keinen Platz haben, weshalb er auch Anfang der 90er solch einen Anklang fand – ein vollkommenes Kind seiner Zeit, das trotzdem zeitlos bleibt.

Hier noch ein paar Songs von Snap!:

Beitragsbild: © Yandex

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