Die Zukunft ­– ein trauriger Ort?

Die Zukunft ­– ein trauriger Ort?

Während so mancher Momente in meinem Leben, in denen ich zum Warten verdammt bin – z. B. beim Warten auf den Bus oder in der Warteschlange an der Supermarktkasse ­– kommen mir oft ganz abstruse Gedanken in den Kopf. Einer davon ist beispielsweise, wie wohl unsere Welt in 50 Jahren ausschauen wird. Dieser Gedanke scheint viele Menschen zu beschäftigen, stellt er doch die Basis für Narrative von Klassikern, wie George Orwells »1984« oder Octavia Butlers »Die Parabel vom Sämann« dar. Mit »Die Laborantin« bringt das Theater Regensburg ein Stück auf die Bühne, das auch über unser Leben in der Zukunft sinniert ­– und zwar auf sehr eindringliche Weise.

von Anna-Lena Brunner

Stellt euch vor, die Kategorien, durch die wir beurteilt und in Schubladen gesteckt werden, bestehen nicht mehr aus den unterschiedlichen Tönen, die unsere Haut annehmen kann. Auch Geschlecht – biologisch oder gesellschaftlich – spielt keine Rolle mehr. Klingt das nicht nach Utopie? Nach Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit? Vermutlich nicht. Das deutet zumindest Ella Road in ihrem Stück »Die Laborantin« an. Uraufgeführt 2018 am Hampstead Theatre hat es das Stück mittlerweile auch an das Theater Regensburg geschafft und feierte dort am 14.05.2021 digital Premiere. 

In der darin entwickelten Zukunft werden Menschen nach ihrer genetischen Tauglichkeit bewertet. Mithilfe von Bluttest kann mittlerweile nämlich ermittelt werden, inwieweit man* im weiteren Verlauf seines*ihres Lebens an diversen Krankheiten leiden wird – physisch als auch psychisch. Daraus ergibt sich eine Skala von eins bis zehn, die Personen zu Zahlen werden lässt. Denn da gibt es zum einen die »Low-Raters« oder »Subs», also diejenigen mit niedrigem Wert und die »High-Raters«, jene die quasi genetisch einwandfrei sind. Die ganze Gesellschaft richtet sich nach diesen Werten aus – je höher der Wert, desto höher die Erfolgschancen beispielsweise im Beruf, aber auch in der Liebe.  Und so gedeiht eine neue Form von Diskriminierung ­– nämlich die des »Ratismus«. 

Bea (Verena Maria Bauer) hat Glück. Sie ist eine 7,1 und gehört somit zu den »High-Raters«. Sie hat einen gut bezahlten Job in einem Labor und eine geräumige Wohnung. Ihr Leben scheint zu schön um wahr zu sein, als sie Aaron (Michael Heuberger) kennen und lieben lernt – eine stolze 8,9. Etwas Unruhe schafft nur Char (Zelal Kapcık), eine gute Freundin von Bea, in diesem idyllischen Traum eines*r jeden Boomer*in . Sie bringt die in Zahlen und Genkombinationen geordnete Welt Beas ins Wanken und konfrontiert sie mit jenen ethischen und moralischen Konflikten, die man* ihr als Zuschauer*in förmlich ins Gesicht brüllen möchte. 

Denn Bea verkörpert eine von Pseudo-Bürgerlichkeit und Perfektionismus geleitete Figur, deren moralischer Kompass nur dann ausschlägt, wenn es um die eigenen Befindlichkeiten geht. Dieser kalte Egoismus, der zum einen von Bea selbst ausgeht, aber auch von dieser dystopischen Welt selbst, spiegelt sich im Bühnenbild wider. Der Raum ist dunkel, fensterlos und das kalte Licht der Neonröhren reflektiert auf dem weiß gefliesten Boden. Die Zukunft ist kalt, steril, technisch und zu grell. Vor allem letzteres sind auch die vielen eingeschobenen Szenen, die vom Hauptstrang der Handlung abweichen. Diese Einschübe zeigen skurrile Interviews bzw. Werbeanzeigen, die in ihrer neonfarbenen Überstyltheit an das Capitol aus den »Hungergames« erinnern. Und kaum hat man* sich an das überdrehte Gekreische gewöhnt heißt es Schnitt und man* spielt wieder Laborratte in Beas kaltem Leben. 

Durch diese Variation an Untertönen schafft es Gregor Tureček (Regie) die Aufmerksamkeit des*der Zuschauenden zu halten. Es hätte auch anders laufen können, denn der Ausgang der Handlung steht fast von Beginn an fest. Und auch die Analogien zu unserer aktuellen Realität (Ratismus – Rassismus) werden einem*r schon sehr direkt um die Ohren gehauen. Etwas mehr Subtilität hätte da vermutlich nicht geschadet. Nichtsdestotrotz macht das Stück vor allem aufgrund der tollen Gestaltung von Bühne und Kostüm (Christin Schumann) und der kreativen digitalen Umsetzung Laune! 

Anschauen kann man* das ganze leider nicht mehr … einen Eindruck davon bekommt man* allerdings durch eine Audioeinführung auf der Webseite des Theaters. 

Zum Bild: © Martin Kaufhold – Bea und Char bei einem Plausch in der Arbeit

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