Wohnsinn: Warum ich nach Bayern ziehen musste, um das erste Mal von Faschingskrapfen zu hören, oder I glaab, Bayern taugt ma

Wohnsinn: Warum ich nach Bayern ziehen musste, um das erste Mal von Faschingskrapfen zu hören, oder I glaab, Bayern taugt ma

Ich wohne noch nicht so lange in Bayern, aber lange genug, um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

von Hannah Ickes

Die WG meines Freundes ist ein bunter Haufen: zwei Ossis und ein Bayer, der kein Bayer ist, weil er aus München kommt. Vor ein paar Wochen war ich bei ihnen zum Frühstück eingeladen. Schon am Abend zuvor war heiß über die Mahlzeit diskutiert worden, wobei es nicht etwa um die üblichen Themen wie »süß oder herzhaft« und »Kaffee oder Tee« ging, sondern das Thema »Krapfen«. Aber weniger um die Teigware und die Frage, ob man* sie mag oder nicht (Mann mag sie!) oder wo man* sie kaufen wollte (nur beim Bäcker hinter der Tankstelle!) als um den Namen des Siedegebäcks. Bei der Zusammensetzung der Runde waren solche Diskussionen vorprogrammiert: Nennt man sie nun Krapfen, Pfannkuchen oder Berliner? Obwohl es natürlich nur eine Antwort gibt: Berliner*innen und sie landeten so oder so am nächsten Morgen auf dem Frühstückstisch.

Ich hätte nicht weiter drüber nachgedacht, wären in dem kommenden Tagen nicht überall Sonderangebote für »Krapfen« aufgetaucht. »Wat soll dat«, fragte ich mich als Norddeutsche. Es gibt nur eine Zeit für Berliner und die ist das Jahresende (Silvester). Dann hat mich mein Freund, der Bayer, sorry Münchner, aufgeklärt. Es sei doch gerade Faschingszeit. Das kannte ich nicht. Wenn ich Krapfen aber mehrfach im Jahr essen kann, werde ich ganz tolerant und werde sie in Zukunft auch Krapfen nennen. 

Das Essen

Darüber hinaus brachte mich die Begebenheit zum Nachdenken über die vielen Vorzüge, die ein Leben im Süden Deutschlands mit sich bringt – selbstredend also das Essen. Ich liebe Grünkohl und Franzbrötchen, aber Obazda, Brezn und süßer Senf haben es mir auch angetan und obwohl ich immer noch der Meinung bin, dass Astra besser als Corona ist, finde ich Arcobräu auch nicht schlecht. Habe ich früher meinen Koffer auf der Heimreise mit Oliven, Jamón Serrano oder Polverones gefüllt, so mutet er jetzt an wie das Sortiment einer deutschen Kneipe in Amerika an. Trotzdem finde ich es irgendwie schön, dass man* nicht (nur) nach Spanien, Frankreich oder Marokko reisen muss, um seine Lieben mit kulinarischen Mitbringseln zu überraschen und Neues entdecken zu können.  

Das Stadtbild

Neu war mir auch das süddeutsche Stadtbild. Während der Norden nur so von Klinker wimmelt, zaubert der süddeutsche Naturstein einen ganz anderen Charakter. Der Regenbogen, der einen an den Wänden der Gebäude begrüßt, wenn man* einmal in die Innenstadt geht, ist mir an schlechten Tagen viel zu perfekt und ich vermisse das Heimatgefühl, das die rotbraunen Gebäude der norddeutschen Städte in mir auslösen. Aber an guten Tagen bin ich ganz verliebt in das idyllische Panorama der Stadt und ertappe mich bei dem Gedanken, hier Wurzeln zu schlagen. 

Die Landschaft

Diese Tageträume werden umso größer, wenn ich einmal raus aus der Stadt ins Umland gehe und mich wie ein Teil von »Sound of Music« fühle. Ich weiß, es ist nichts Neues von der Donau, den Steinbrüchen oder dem Voralpenland zu schwärmen und ich habe immer gedacht, dass vor allem die Strände der Ostsee und Spaziergänge durchs norddeutsche Flachland unterschätzt werden. Aber es ist wahr, dass eine Zugfahrt von Regensburg nach Ingolstadt kein Spotify oder Netflix braucht, um spannend zu sein. 

Dat Schnacken?

Ein anderes Abenteuer ist es für mich, wenn ich versuche, mich mit Einheimischen zu unterhalten. Denn ich bin mir nie sicher, ob ich sie wirklich richtig verstehe. Tatsächlich ist der Dialekt so eine Sache. Mir gefällt der Gedanke, dass meine Sprache von den Orten, an denen ich lebe oder den Verknüpfungen, die ich zu ihnen habe, geprägt wird: Dass ich das Plattdeutsch meiner Mama und das Hessische meines Vaters übernehme, norddeutsch von Herkunft her schnacke und vielleicht bald ein bisschen mittelbairisch reden werde. Diese Mehrsprachigkeit liegt aber noch in ferner Zukunft, denn ganz regelmäßig fange ich an, lächelnd zu bestellen, wenn mir die Verkäuferin an der Backtheke unverständlich wohl mitteilen möchte, dass sie noch einen Moment bräuchte oder bitte meinen Hausmeister, das eben Gesagte zu wiederholen. Immerhin was die Krapfen angeht, habe ich jetzt den Durchblick.

Ebenfalls Wahlbayerin Lotte meldet sich dann nächste Woche mit News aus ihrem Wohnalltag.

Beitragsbild: Donaublick auf Steinerne Brücke und das historische Zentrum von Regensburg ©Doktent | Wikimedia Commons

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