Feminis:muss: »Don’t Be Afraid, It’s Only Blood«

Feminis:muss: »Don’t Be Afraid, It’s Only Blood«

So besingt die norwegische Sängerin Jenny Hval die zu Unrecht tabuisierte Menstruation auf ihrem Album »Blood Bitch«. Hvals Konzeptalbum ist nicht nur eine Ode an den Feminismus und die wunderbaren Kräfte des Körpers, sondern zeigt auch, wie Kunst dazu beitragen kann, dieses monatliche Ritual zu entstigmatisieren. 

von Celina Ford

Jenny Hval ist Musikerin, Autorin und überzeugte Feministin. Obwohl die Exploration von Sexualität und Geschlechterrollen für sie zwar nichts Neues ist, hat sie mit dem 2016 erschienenen, großartig-melancholischen Popalbum »Blood Bitch« einen Meilenstein innerhalb der feministischen Kunst geschaffen. Es gibt kaum ein anderes Album, welches die Periode so poetisch, kompromisslos und romantisch zelebriert. 

Die Kunst als Geheimwaffe

Natürlich sind wir als Gesellschaft in Sachen Aufklärung und Normalisierung der Menstruation im Vergleich zu vor 30 Jahren viel weiter. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass die rote Woche immer noch ein Thema ist, das mit Scham behaftet ist. Nicht jede*r fühlt sich wohl, über PMS zu reden und mit einer Armvoll Binden und Tampons in einem Drogeriemarkt an der Kasse zu stehen. Vor allem wenn es um Transmänner geht, die in der Menstruationsdebatte oftmals schlichtweg vergessen werden, zeigt sich, dass es noch viel Rede- und Lernbedarf gibt. Hier müssen alle – die Politik und die Gesellschaft – an einem Strang ziehen, um inklusiver zu werden und endlich damit aufzuhören, die Periode als etwas ekelhaftes und unreines darzustellen. Dabei kann jedoch insbesondere Kunst, wie die von Jenny Hval eine echte Geheimwaffe im Kampf um Entstigmatisierung sein und die Konnotation der Periode nachhaltig verändern. 

Blut: Das Symbol der »Andersartigkeit« 

»Blood Bitch« ist ein Konzeptalbum, welches natürlich von der Menstruation handelt, jedoch auch von Vampiren, Geschlechteridentitäten, Schwesternschaft, Magie und Horrorfilmen inspiriert ist. Hval hat das Album als eine »investigaton of blood« bezeichnet, denn auch für sie ist die Periode ein Thema, das mit Tabus behaftet ist und von welchen sie sich mit diesem Werk lösen wollte. Überraschenderweise waren für diesen Befreiungsschlag Horrorfilme besonders entscheidend. 

In einem Seminar habe ich mich selbst einmal mit der Faszination für die Menstruation in Horrorfilmen beschäftigt. Dem Horrorfilm, der ja ein »body genre« ist und sich deshalb automatisch ausgiebig mit dem Körper auseinandersetzt, wird grundsätzlich viel zu wenig zugetraut, wenn es um Beiträge zu gesellschaftlichen Debatten geht. Doch wenn man* mal länger darüber nachdenkt, gibt es eigentlich kaum ein anderes Filmgenre, welches zwar auf übertriebene Weise, aber dennoch ziemlich unverblümt zeigt, wovor die Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt Angst hat. Zieht man* beispielsweise »Rosemarie’s Baby« (1968) – ein Film, der fetischisierte Jungfräulichkeit, Aberglauben und Satanismus behandelt – heran, lässt sich ziemlich einfach ablesen, was die konservative Mehrheitsgesellschaft zu diesem Zeitpunkt aufrüttelte: die Ideale der jugendlichen Gegenbewegung. »Psycho« (1960) wird oftmals mit der Angst vor der ökonomischen Unabhängigkeit der Frau, weiblicher Sexualität, Transvestismus, Homosexualität und psychischen Krankheiten in Verbindung gebracht. In Sachen Periode sind Filme wie »Ginger Snaps« (2000) oder »Carrie« (1976), mit welchem ich mich besonders intensiv auseinandergesetzt habe, Paradebeispiele wenn es darum geht, das »Grauen« der Menstruation in Bilder zu fassen. Kaum ein anderes Filmgenre schafft es, das aus der männlichen Perspektive gesehene »Other«, also das Andersartige und Unverständliche, so auf den Punkt zu bringen und als etwas gefährliches und dämonisches zu präsentieren wie das der Horrorfilme.

Von eben diesen Themen und Charakteren ließ sich Jenny Hval inspirieren, um ihre weibliche »Andersartigkeit« zu untersuchen und das Positive darin zu finden. Aber auch der Griff ins Bücherregal half Hval bei dieser Mission. Insbesondere Virginia Woolfs Buch »Orlando – A Biography« (1928), welches das Leben eines zeitreisenden Vampirs erzählt, der jedoch auch von einem Mann zu einer Frau transitioniert, ist zentral, um die Vielschichtigkeit des Albums wertzuschätzen und zu erkennen, dass es immer schon Künstler*innen gab, die mithilfe ihres Outputs unkonventionelle und innovative Wege einschlugen, um über LGBTQIA+ Themen zu reden.

In the doctor’s office my speculum pulls me open
Spacing the space
Accidental sci-fi
Regulating my aperture, vagine savant 
Some people find it painful
But all I feel is connected
All I feel is connected

»Period Piece«

Ich persönlich hatte zwar nie Probleme, offen über Menstruation zu sprechen und mich intensiv mit dieser auseinanderzusetzen, doch »Blood Bitch« löst noch etwas anderes in mir aus: Stolz. Ich bin stolz und glücklich, jeden Monat ein so komplexes Ritual erleben zu dürfen. Und obwohl die Periode natürlich für viele (mich eingeschlossen) eine eher unangenehme Woche im Monat darstellt, darf nicht vergessen werden, dass sie gleichzeitig eine wichtige Nachricht des Körpers ist, die uns mitteilt: »Hey, alles in Ordnung hier unten«. Und genau dieses (Selbst-)Bewusstsein und Umdenken brauchen wir, um in der Entstigmatisierungsdebatte einen gewaltigen, radikal-feministischen Schritt nach vorne zu machen und sagen zu können: I’m proud to be a »Blood Bitch«.

Beitragsbild: © NATT&DAG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.