Mov:ement: »Tenet« – ein Film der Mut zum Staunen macht

Mov:ement: »Tenet« – ein Film der Mut zum Staunen macht
***Spoilern ist im Folgenden nicht ausgeschlossen ;)***

Wenn eines von dem Film »Tenet« bleibt, dann ist es Verwirrung. Das ist nicht neu für dessen Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan. Das Spiel mit der Zeit und anderen Naturgesetzen beherrscht der Angloamerikaner in Perfektion; Filme wie »Memento«, »Inception« oder »Insterstellar« haben das bereits bewiesen. Mit »Tenet« treibt Nolan dieses Spiel aber bis zum Äußersten. Es folgt der Versuch einer Rezension.

von Lotte Nachtmann

Ich habe mir Tobias Kniebes Tipp aus der SZ zu Herzen genommen, und wollte, der Versuchung, Christopher Nolans neues Meisterwerk zu kapieren, widerstehen. Doch Gegenwehr ist zwecklos und der Mensch ist nun einmal neugierig. Wenn ihm – und sei es nur in einem Kinofilm – glaubhaft gemacht wird, dass man die Kausalität von Gegenständen, Personen, ja der ganzen Welt umdrehen kann, dann will er verstehen, wie das funktioniert. Wie kann es sein, dass Pistolen Kugeln nicht abschießen, sondern wieder einfangen? Wie kann sich ein Mensch rückwärts durch die Zeit bewegen und sich dadurch von einer schweren Schussverletzung erholen? All das wird in atemberaubende Verfolgungs- und Kampfszenen sehr anschaulich dargestellt. Einem bleibt der Gin Tonic im Halse stecken, wenn einer von zwei Kontrahenten vorwärts und der andere rückwärts kämpft – ein nicht Invertierter und ein Invertierter, wie es in »Tenet« heißt. Das »Wie?« wird damit aber nicht geklärt. Und vermutlich ist es für den menschlichen Verstand unserer Generation auch kaum möglich zu verstehen, wie das funktionieren soll; außer für Christopher Nolan natürlich. Der hat sich die ganze Sache mit dem Invertieren schließlich ausgedacht. Selbst sein namenloser Protagonist (John David Washington) kämpft mit der Umkehrung der physikalischen Gesetze, als er plötzlich im invertierten Zeitverlauf ein Auto lenken soll. Der darauffolgende Autounfall verwirrt das Vergangsheits-Ich des Protagonisten im Übrigen zutiefst. Und auch die weibliche Hauptfigur Kat Barton (Elizabeth Debicki) bemerkt, dass sie sich nie daran gewöhnen werde, dass Vögel plötzlich rückwärts fliegen.

Mit einer invertierten Kugel verletzt Sator (Kenneth Branagh) seine Frau Kat (Elizabeth Debicki) lebensbedrohlich. ©Warner Bros

Das Großvaterparadoxon – ein Klassiker

Das »Wie?« bleibt also offen. Aber wie es um das warum bestellt? Auf diese Frage liefert »Tenet« eine zufriedenstellendere Antwort. Die Gesellschaft der Zukunft steht vor einem unwiderruflich zerstörten Planeten und die einzige Lösung liegt darin, den Beginn der Katastrophe in der Vergangenheit zu verhindern. Wissenschaftler*innen erfinden das Konzept des Invertierens, das bei einer einfachen Kugel beginnt und bei einem Algorithmus endet, der die ganze Welt der Vergangenheit verstört. Ihr fragt Euch jetzt sicher, wie es ernsthaft als Lösung betrachtet werden kann, die Generation der Vergangenheit, die die Umwelt so nachhaltig beeinflusst hat, auszulöschen, um in der Zukunft weiterleben zu können. Wenn alles Leben in der Vergangenheit vernichtet wird, kann es doch auch keine Nachkommen geben, die die Generation der Zukunft zeugen, oder? It’s a classic: das sogenannte »Großvaterparadoxon«. Das haben auch einige Wissenschaftler*innen der Zukunft erkannt und den Algorithmus zur Invertierung der Welt in neun Teile zerlegt und diese neun Teile von den neun Atommächten in ihren Nuklearanlagen verstecken lassen.

Wer will sich schon selbst begegnen?

Problem gelöst? Nun ja, die Zukunftsgeneration will schließlich immer noch überleben und beauftragt daher in der Vergangenheit den russischen Oligarchen Andrei Sator (Kenneth Branagh), der selbst als Jugendlicher in der sowjetischen Geschlossenen Stadt Stalsk-12 Plutonium abgebaut hat (noch so ein nützlicher Fakt, den »Tenet« beinhaltet, über den viele aber vermutlich weniger Bescheid wissen). Er soll die einzelnen Teile finden und verbinden. Hier kommt die dem Film seinen Namen gebende Organisation Tenet ins Spiel: In der Zukunft gegründet, möchte sie durch die Rekrutierung – wie jene unseres Protagonisten oder die seines kongenialen Partners Neil (Robert Pattinson) – verhindern, dass Sator dem Algorithmus das letzte Teil hinzufügt. Dieses letzte Teil ist im Übrigen derjenige heiß umkämpfte Gegenstand, der zu mehreren Verfolgungsjagden, unter anderem mit Schwerlasttransporten, und einem terroristischen Angriff in der Kiewer Oper führt. Der Name Tenet ergibt sich aus einer Duplizierung und Umdrehung der englischen Zahl ten – net, was den Filmtitel zu einem Palindrom macht, das letztlich die ganze Logik (oder Unlogik, wie man* es nimmt) des Films in einem Wort zusammenfasst. Warum die Zahl zehn so wichtig ist, müsst Ihr schon selbst herausfinden. Gleichzeitig bzw. sowohl vorwärts als auch rückwärts in der Zeit agieren mehrere Versionen der Tenet-Mitglieder, wobei die Vergangenheits-Ichs natürlich von den Zukunfts-Ichs nichts erfahren dürfen. Und mal ehrlich, wer will sich schon selbst über den Weg laufen? Und trotzdem kommt es zu Begegnungen, weshalb der Protagonist und Neil schließlich gegen sich selbst kämpfen und Kat ihre Zukunftsversion für die Geliebte ihres Mannes Sator hält.

Ziemlich kompliziert alles und es wäre vermutlich unmöglich, diese ganzen zeitlichen Verquickungen in einer Rezension unterzubringen. Deshalb versuche ich es gar nicht erst, sondern würde Euch vorschlagen, Euch »Tenet« einfach selbst zu Gemüte zu führen, Euch dabei gesittet zu betrinken und am Ende genauso verwirrt zu sein, wie ich es war und immer noch bin.

Auch mit der Atemluft hat der invertierte Protagonist (John David Washington) zu kämpfen. ©Warner Bros

»Tenet« zeigt gleich mehrere Dinge: Erstens macht der Nummer eins Blockbuster des Jahres 2020 wieder einmal deutlich, wie nah Wahnsinn und Genie beieinander liegen, bei Christopher Nolan vermutlich sehr viel näher als bei Otto-normal-Cineasten*innen. Zweitens wird einem in »Tenet« in jeder der 150 Minuten klar, wie wenig man* sich auf das verlassen kann, was man* gewohnt ist. Somit stellt der Film im Grunde genommen eine perfekte Metapher dessen dar, was uns das vergangene Jahr 2020 gelehrt hat. Zwar mussten wir durch Corona unser Denken nicht komplett auf den Kopf stellen oder rückwärts ein Auto lenken, aber zumindest wurde einiges von dem, was wir zuvor als gegeben und unumstößlich hingenommen haben, kräftig durchgerüttelt. Drittens, sollte uns angesichts der Beweggründe der zukünftigen Generation, die in »Tenet« die Welt invertieren und damit ihr eigenes Schicksal retten möchte, endlich bewusst werden, dass wir mit unserem ressourcenverschwendenden und kurzsichtigen Produktions- und Konsumverhalten die Erde zu Grunde richten und für unsere Kinder und Enkelkinder unbewohnbar machen. Ob sie irgendwann versuchen werden, in den Verlauf der Geschichte einzugreifen ist ziemlich unwahrscheinlich, aber verfluchen werden sie uns allemal. Viertens – und das ist vermutlich am wichtigsten an »Tenet« – habe ich festgestellt, dass man* Filme nicht immer verstehen muss, um sie gut zu finden. Und auch hier bleibt die Frage nach dem »Wie?« letztlich offen. Denn genau erklären kann ich nicht, wie es Christopher Nolan geschafft hat, mich zu überzeugen. Aber vermutlich liegt der Kern der filmischen Genialität von »Tenet« genau darin: dem Mut zum Staunen.

Beitragsbild: John David Washington als namenloser Protagonist und Robert Pattinson als Neil in »Tenet« ©Warner Bros

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