Feminis:muss: Das männlichste Kleidungsstück? Ein Kleid.

Feminis:muss: Das männlichste Kleidungsstück? Ein Kleid.

Kleider machen Leute. Und Schlagzeilen. Was das kontrovers diskutierte Vogue-Cover von Harry Styles über unsere Gesellschaft, den Wandel von Maskulinität und die Hysterie über ein sehr schönes Stück Stoff aussagt.

von Celina Ford

Harry Styles, ehemaliges Mitglied der Erfolgs-Boy-Band One Direction, ist ein wahrer Heartthrob: dunkle lockige Haare, grüne Augen und ein breites, verschmitztes Lächeln. Dazu dient sein Körper noch als Leinwand für unzählige Tattoos. Eigentlich logisch, dass sich die Modemagazine darum reißen ihn abzulichten. So auch das Traditionsmodeblatt Vogue. Die amerikanische Dezember-Ausgabe platzierte den Sänger als ersten Mann auf der Titelseite: Styles – mitten auf einem Feld – beim lasziven Aufblasen eines Luftballons, eingekleidet in ein Sakko und … ein blaues Spitzenkleid? 

Bringt die echten Männer zurück! 

Dieses eine Detail reichte aus, um konservative Kreise in eine regelrechte Panik zu versetzen. Beim Aufschlagen des Magazins kam es für sie jedoch noch schlimmer, denn das Titelbild ist nicht das einzige, welches Styles in Frauenkleidern zeigt. Auf einer ganzen Modestrecke präsentiert sich der Brite in wunderschönen Haute-Couture-Roben, verspielten Röcken und ausgefallenen Looks. Und das tut er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als ob sein Outfit für einen Trip zum Supermarkt um die Ecke davon nicht besonders abweichen würde. Und es ist ja im Grunde auch nichts Neues für Styles, der seine Experimentierfreudigkeit in puncto Mode noch nie verheimlicht und einfach Spaß mit extravaganter Kleidung hat. Beweisstück A: sein Look bei der Met Gala 2019, welche er in einem schwarzen, transparenten Spitzenjumpsuit und einem einseitigen Perlenohrring besuchte. Mode ist Kunst und Styles ist Künstler. Logisch also, dass er sich zu unkonventionellen Stücken hingezogen fühlt. Doch ganz so logisch ist das für viele nicht.

Die rechtspopulistische Aktivistin und Trump-Supporterin Candace Owens sah in diesem Cover eine regelrechte Provokation und kritisierte die Verweichlichung der »westlichen« Männer in einem fragwürdigen Tweet. Zudem setzte sie den Aufstieg »femininer« Männer mit der wachsenden Begeisterung für Marxismus in den USA gleich und forderte die Rückkehr der »echten« Männer. Dieses Statement bezüglich Genderrollen ist so fundamental falsch und verquer, dass es eigentlich schon wieder komisch ist. Ungefähr so komisch, wie eine funktionierende und allen zugängliche Krankenversicherung mit dem Einzug des Sozialismus gleichzusetzen. 

Styles, der sich größtenteils aus der Debatte heraushielt – wahrscheinlich, weil es ihm zu blöd ist, sich an einem Streit über seine persönliche Kleiderwahl zu beteiligen – wurde jedoch auch von vielen Personen für seine Offenheit gelobt und verteidigt. Doch die Kritik an seinem Vogue-Cover offenbart eben auch, dass es außerhalb von linksliberalen Kreisen und Studierenden-Bubbles noch nicht gänzlich in der Gesellschaft angekommen ist, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen sexueller Orientierung, Geschlechteridentität und -expression gibt.

Männlichkeit – was ist das überhaupt?

Owens ist nicht die einzige, die sich über »feminine« Männer aufregt. Auch Moderatorin Barbara Schöneberger ereilte einst ein Shitstorm, als sie sich über Männer echauffierte, die ab und an mal einen Pickel abdecken oder ihre Hosen hochkrempeln. Make-Up, Kleider, Röcke – das soll ausschließlich den Damen vorbehalten sein. Doch ist das im Umkehrschluss nicht genauso rückwärts gedacht wie das ehemalige verpönte Tragen von Hosen als Frau?

Das alles hängt natürlich mit dem fest verankerten Bild von Männlichkeit zusammen. Liebe Männer, ihr habt gefälligst aufrecht und mit breiten Schultern dazustehen, Bart zu tragen, mit einer tiefen Stimme klare Ansagen zu machen und mit gespreizten Beinen gleich zwei Plätze in der Bahn oder im Bus zu belegen. Und ja nicht beim Sprechen wild mit den Händen gestikulieren! Liebe Frauen, ihr hingegen sollt schön brav mit gefalteten Händen im Schoß und mit überkreuzten Beinen dasitzen, mit einer piepsigen Stimme zu allem Ja und Amen sagen und mit euren rot lackierten Händen den überlegten Ausführungen Nachdruck verleihen. Was sind das denn bitte für Forderungen!? Gegen genau diese verkorksten Vorstellungen stemmen sich doch so viele Frauen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was sie zu tun und wie sie sich zu verhalten haben. Wieso sollten sich also Männer dieses veraltete Sittenkorsett anziehen? 

Die heutige Forschung betrachtet das Geschlecht einer Person aus zwei Blickwinkeln: einmal aus dem biologischen, einmal aus dem sozialen. Das biologische Geschlecht bezeichnet die spezifischen Geschlechtsorgane, mit denen eine Person geboren wird. Das soziale Geschlecht hingegen ist mehr ein Konstrukt oder eine Vorstellung – eine durch soziale Strukturen antrainierte Verhaltensweise. Vor allem die Philosophin Judith Butler prägte diese Idee mit dem Begriff »Doing Gender«, der die Ausübung dieser geschlechterspezifischen Normen und Erwartungen meint. Dabei kann man* sich – ganz hypothetisch – die Frage stellen, ob sich eine biologische Frau oder ein biologischer Mann beim Aufwachsen abseits der Zivilisation analog dieser traditionellen Geschlechterrollen verhalten würde. Ich wage das zu bezweifeln.

Doch weil diese Geschlechtervorstellungen in weiten Teilen der Gesellschaft noch tief verankert und regelrecht indoktriniert sind, ist es immer mit Mut verbunden, gegen den Strom zu schwimmen, sich diesen auferlegten Erwartungen überhaupt einmal bewusst zu werden, sich davon zu befreien, einfach mal »fuck it« zu sagen und sich als Mann in einem Kleid schick zu machen. 

© The Viewfinder

Und mal ganz anders gedacht: Gilt es nicht auch als männliche Tugend, stark zu sein, Mut zu beweisen und Führungsqualitäten zu zeigen? Was ist dann bitte schön männlicher, als Geschlechterkonventionen abzulehnen und sein Selbstbewusstsein durch das Tragen untypischer Kleidung zu offenbaren? 

Leben auf einem Spektrum

Die Kinsey-Skala (wenn auch schon etwas älter), benannt nach dem Sexualforscher Alfred Charles Kinsey, sieht die sexuelle Orientierung des Menschen als einen Wert auf einer Skala (0 = ausschließlich heterosexuell bis 6 = ausschließlich homosexuell), der aber auch Grauräume annehmen und sich im Laufe des Lebens verändern kann. Das gleiche könnte man* auch auf das Geschlecht einer Person übertragen. Denn, surprise surprise, auch hier gibt es Mischformen und unklare Übergänge; nicht jede*r ist cis (biologisches Geschlecht und Identität stimmen überein). Vor allem Personen, die sich als non-binary (nicht binär) empfinden oder auch intersexuell sind, also biologische Merkmale beider Geschlechter aufweisen, tun sich oftmals schwer, sich auf ein Geschlecht festzulegen. Und wie man* das eigene Geschlecht dann ausdrücken möchte, ist eh eine andere Geschichte.

Beispiele wie das Vogue-Cover von Harry Styles, Make-Up-Werbungen mit männlichen Personen oder Unisex-Modelinien zeigen, dass sich die Geschlechtervorstellungen immer mehr wandeln und die alten Ideale dekonstruiert werden, um Platz für mehr Skala-Hopping zu machen. Und das ist gut so. Freiheit bedeutet schließlich auch, sich so zu präsentieren, wie man* sich fühlt und das zu tragen, was einem gefällt – unabhängig davon, für welches Geschlecht es eigentlich bestimmt ist. Um es nochmal ganz plump zu sagen: Es ist nur ein Stück Stoff. Das Kleid ist nicht politisch. Nur die Konventionen laden es als Statement auf.

Beitragsbild: © That Grape Juice

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