Wir wissen, dass wir nichts wissen

Wir wissen, dass wir nichts wissen
***USA-Wahlspecial***

Diese Worte, die der antike Philosoph Sokrates gesagt haben soll, können die Stunden nach den US-Präsidentschaftswahlen kaum treffender beschreiben. Anderthalb Tage nachdem die letzten Wahllokale geschlossen haben, stehen die USA immer noch ohne einen neuen Präsidenten da. Und die Welt schaut mit bangem Blick auf diese Zitterpartie. Ungewissheit sollte aber noch in anderer Hinsicht als Lehre dieser denkwürdigen Wahlen verstanden werden. Eine müde Meinung.

von Lotte Nachtmann

Es bleibt ein verunsichernder Gedanke, dass es – auch am zweiten Abend nach den US-Präsidentschaftswahlen – noch zu früh sein könnte, einen Sieger zu benennen, auch wenn Donald Trump das gestern etwas anders gesehen hat. Wer am gestrigen Morgen entweder nach einer durchgemachten oder unruhigen Nacht mit ständigem Blick auf diverse Liveticker die bis zum Erbrechen gezeigte Karte der USA anblickte, hatte denken müssen: »Es ist gelaufen.« Die USA waren und sind auf diesen Karten des Mittwochmorgens deutscher Zeit bedenklich rot gefärbt. Und auch die grauen – das heißt noch nicht final ausgezählten – Bundesstaaten ließen nicht mehr hoffen, dass sich das Blatt noch zu Gunsten Joe Bidens hätte wenden können. Erster Frust machte sich breit: Wie konnten die Prognosen führender US-Meinungsforschungsinstitute so dermaßen daneben liegen? Wie kann es sein, dass Donald Trump nach vier Jahren einer Politik der Spaltung, #fakenews und Zwietracht noch einmal zum Präsidenten gewählt wurde? Wer es nicht schon längst getan hatte, gab endgültig den Versuch auf, die USA noch verstehen zu wollen.

Eine Pandemie, zwei Meinungen

Diese Fragen machen umso deutlicher, warum die US-Wahlen als Symptom für Unsicherheit und die Infragestellung geltender Normen stehen: Umfragen können sich irren. Nie können alle zukünftigen Wähler*innen erreicht werden. Die Trump-Unterstützer*innen haben es offensichtlich erfolgreich geschafft, sich dem Radar der Meinungsforscher*innen zu entziehen. Aber auch die Politikwissenschaft muss sich im Grunde genommen ratlos zeigen angesichts des erneut so knappen Ergebnisses, für wen auch immer es siegreich enden wird. Denn Erklärungsfaktoren wie wirtschaftliche Stabilität oder die Einhaltung von Wahlversprechen, die normalerweise für die Prognose einer Wiederwahl des amtierenden Staatsoberhauptes herangezogen werden, greifen bei Trump kaum. Die Corona-Krise hat fast alle wirtschaftlichen und Arbeitsplätze betreffenden Erfolge der Trump-Regierung zu Nichte gemacht. Weder steht die Mauer zu Mexiko noch wurde Obamacare rechtskräftig abgeschafft. Vor allem die so unterschiedliche Bewertung der COVID-Krise in Trump- und Bidenlagern wirft die Frage auf, die auch Jörg Schönenborn in der ARD stellte: Reden wir hier überhaupt von derselben Pandemie?

Die Illusion des sicheren Ausgangs

Man schimpfte bereits über die deutschen Medien, die im ununterbrochenen Livestream wiederholten, alles sei noch offen. »Wie kann man an dieser Illusion denn noch festhalten?«, dachte man sich. Spätestens als Florida an Donald Trump ging, wollte man sich nur noch die Haare raufen und sich schlafen legen, um dem Wahnsinn zu entfliehen. Ein Sieg in Florida gilt seit Jahren als fester Indikator für den Gesamtsieg. Inzwischen – einen Tag später – weiß man nicht, ob man sich freuen soll darüber, dass ARD und Co. damit Recht behalten haben, sich nicht festzulegen, so wie es die deutsche Medienlandschaft im Übrigen auch im Vorfeld der Wahlen anders als so manche*r US- oder US-affine*r Politolog*in getan hat. Im Laufe des Mittwochs konnte von Stunde zu Stunde erneut gerechnet werden und die Möglichkeit, dass im Januar ein Wechsel im Weißen Haus stattfinden würde, wurde wieder wahrscheinlicher. Wichtige Swing States wie Michigan oder Wisconsin gingen knapp an Biden. Heute Abend – Donnerstag, 05. November 2020 – blicken alle gespannt auf die verbleibenden Bundesstaaten, die die Wahlen entscheiden werden: Georgia, North Carolina, Pennsylvania. Auch Nevada, Arizona und Alaska haben noch nicht alle Stimmen ausgezählt. Vor allem in erstgenannten Bundesstaaten steht es auf Messers Schneide. Ein paar tausend Stimmen können ausschlaggebend sein. So ist das US-amerikanische Wahlsystem, das wir Europäer*innen als so ungerecht empfinden und vermutlich nie verstehen werden. Denn dass Biden die meisten Gesamtstimmen geholt haben wird, steht jetzt bereits fest: 72,19 Millionen Stimmen sollen es laut Welt-Berichten sein – mehr als je ein anderer Präsidentschaftskandidat.

Warum hat Biden seit gestern Mittag so viel aufgeholt? Das liegt an der sehr hohen Zahl an Briefwähler*innen, die mehrheitlich für Biden gestimmt haben. Eigentlich sollte man sich darüber freuen, dass viele Amerikaner*innen den Weg in die Wahllokale gemieden haben. Auch erfreulich ist, dass auf diese Weise scheinbar sehr viel mehr Bürger*innen überhaupt gewählt haben. Und dennoch werden die Briefwahlstimmen zur Zeit zum Unsicherheitsmomentum dieser Wahlen und zwar nicht nur, da ihre Auszählung in vielen Bundestaaten erst mit Schließung der Wahllokale begonnen werden durfte und sich – wie in Pennsylvania wohl noch bis morgen – hinziehen kann. Nein: Trump fechtet ihre Legitimität an (wie er es seit Wochen bereits im Wahlkampf getan hat); er wolle ihre Auszählung stoppen. Seine Klagen gegen die Auszählungen in mehreren Bundestaaten werden – selbst bei einem Sieger namens Joe Biden – die kommenden Wochen bis zur Amtsvereidigung im Januar mit Ungewissheit, Sorge und Zweifeln prägen. Glücklicherweise blieb es bisher noch friedlich auf den meisten Straßen der USA, was zumindest die Angst vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen mindert. Aber wer weiß, was einem Spiegel, SZ und CNN morgen für Eilmeldungen aufs Handy senden. Diese Unsicherheit bleibt vermutlich eine Konstante im Nachgang dieser US-Wahlen. Wir werden sehen, ob wir demnächst mehr als nichts wissen.

Beitragsbild: © Tiffany Tertipes | Unsplash

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