Sonne, Strand, Sand … Klimawandel?

Sonne, Strand, Sand … Klimawandel?

Wenn wir an Sand denken, fallen uns als Erstes heiße Nachmittage an überfüllten Touristenstränden irgendwo entlang der italienischen Adria ein. Irgendwann vermischen sich die feinen Körnchen mit den Resten der Sonnencreme auf der Haut und es entsteht eine klebrige Schicht, die so zäh ist, wie die langen Tage am Meer selbst. Auch das Tanzstück »Sand« von Georg Reischl, aufgeführt im Velodrom in Regensburg, spielt mit Assoziationen zu dem körnigen Material, die dann durch unterschiedlichste Bewegungselemente realisiert werden.

von Pauline Fell und Anna-Lena Brunner

Das Publikum schweigt. Hin und wieder ist ein Räuspern zu hören. Ansonsten verharrt man in angespannter Erwartung. Das Licht ist gedimmt. Die Bühne wirkt wie ein Fenster in eine apokalyptische Zukunft, in der es der Mensch nicht geschafft hat, den Klimawandel aufzuhalten. Ausgedörrt, felsig, schummrig, sandig. So ist diese Welt. Vor allem letzteres. Denn ganze zehn Tonnen Sand wurden gebraucht, um den Untergrund für das gleichnamige Tanzstück, erstmalig inszeniert und choreografiert von Georg Reischl, zu schaffen. 

Der rote Faden des Stücks stellt das titelgebende Thema Sand dar, zu welchem zahlreiche Assoziationen geweckt wurden– sowohl räumlich als auch symbolisch. Denn der Sand unter den Füßen der Tänzer*innen beeinflusst deren Bewegungen unwillkürlich. Es entsteht Unsicherheit, Flexibilität und Spontanität, was die Beschaffenheit des Materials wiederspiegelt. So fügt sich das Ganze zu einem Wechselspiel aus Tanz und Energie, das von abgehackt bis fließend, von dynamisch bis statisch sämtliche Gegensätze in sich vereint. Leider waren diese Gegensätze teilweise etwas zu breit gefächert und die Übergänge  dazwischen nicht immer nachvollziehbar, sodass sich das Stück manchmal in den eigenen Andeutungen verirrt hat. In dieses doch recht antithetische Muster reiht sich auch die musikalische Untermalung des neo-klassischen Jungkomponisten Nils Frahm ein. Eher bekannt für ruhige Klänge, lernt man bei dieser Aufführung seine infernalische Seite kennen. Die Musik passt sich an die Bewegungen der Tänzer*innen an wie eine zweite Haut, wenn es schnell und laut, langsam und leise wird. 

Diese Gegensätzlichkeiten schaffen einen großen Deutungsspielraum für das Publikum und weisen so auf eine Art Zerrissenheit hin, in der sich der moderne Mensch heutzutage befinden mag. Wenn zum Beispiel die Kostüme der Darsteller*innen Hightech-Sportoutfits gleichen, erinnert dies an die hyperindividualisierte Leistungsgesellschaft, in der wir uns mittlerweile – wie die Tänzer*innen – mal leichtfüßig-gekonnt, mal unsicher-strauchelnd bewegen. Des Weiteren wird dadurch die Entfremdung des Menschen zur Natur deutlich, wenn sich das vorsichtige Austesten des sandigen Untergrunds hin zu einer zarten Verbundenheit mit dem Bodenmaterial entwickelt. So werden Tanz und Sand geradezu auf organische Weise eins.

Das Tanzstück »Sand« erhebt das körnige Bodenmaterial zur symbolischen Kraft. Es wird sich daran entlanggehangelt, um einen gesellschaftskritischen Blick auf uns alle zu werfen. Das Medium Tanz passt sich daran an und es entsteht eine Gemengelage an Gefühlen und Gedanken, bei der sich ganz von allein ein Vakuum bildet, in das Künstler*innen und Zuschauer*innen gemeinsam hineingesogen werden.

Erste Reaktion nach Ende des Stückes von Anna-Lena: »Crazy!«  

Insgesamt waren wir von dem Stück begeistert und mitgenommen, was an der zueinander passenden Gesamtkomposition lag.

»Sand« rief bei uns auch in gewisser Weise ein Gefühl des Loslassens hervor. Loslassen zum einen vom stressigen Hintergrundbrausen des Alltags, da das Stück unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Loslassen zum anderen, da man so etwas flüchtiges wie Sand sowieso nicht festhalten kann und es nur eine Illusion von Beständigkeit gibt, die wir Menschen oft so dringend zu brauchen scheinen. Gerade jetzt in diesen unbeständigen Zeiten mag es umso wichtiger sein, manche Dinge loszulassen und sich neuen Möglichkeiten und Gedanken zuzuwenden. 

Obwohl es uns jetzt vor allem nach dieser großartigen Premiere natürlich sehr schwerfällt, das Theater Regensburg im November loszulassen. Denn nicht nur für uns war es ein besonderer Abend. Aufgrund des Lockdowns light diesen Monat war es für das Tanztheater Regensburg die erste und letzte Aufführung der aktuellen Spielzeit bis dato.

Jetzt heißt es also Loslassen, um dann in der Weihnachtszeit wieder umso mehr an Kultur und öffentlichen Leben (verantwortungsvoll und vernünftig natürlich!) festzuhalten. Auch bei Vorstellungen von »Sand«! Anschauen lohnt sich! 

Karten für die Vorstellungen ab Ende Dezember sind auf der Webseite des Theaters erhältlich.

Beitragsbild: Die Tänzer*innen in trendiger Funktionsklamotte inmitten einer düsteren Dystopie. ©Gerhard W. H. Schmidt

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