Lautstark-Kolumne: Toni Childs »Union« – ein Album zum Wegträumen

Tagträume versetzen einen ja in die abwegigsten Situationen der eigenen Vergangenheit zurück. Beim Wiederentdecken des Albums »Union« von Toni Childs fand ich mich in meinem alten Kinderzimmer wieder mit einem uralten Plattenspieler, der den Songs der Australo-Amerikanerin noch einen zusätzlichen, ganz speziellen Sound untermischte.

von Lotte Nachtmann

Jede(r) hat ja so Alben, die er mit bestimmten Situationen verbindet. Und das müssen nicht unbedingt die romantischen Klassiker wie der erste Kuss sein. Aber wenn man die Songs solcher Alben hört, weiß man wieder genau, was man damals gemacht hat und wie man sich gefühlt hat. Mir ging es vor kurzem mit dem Album »Union« der australo-amerikanischen Singer-Songwriterin Toni Childs genauso, als ich es aus der Mottenkiste fast vergessener ehemaliger Lieblingsmusik gezogen habe. Beim lustlosen Durchwühlen von Spotify kam mir sozusagen ein Geistesblitz und ich dachte aus heiterem Himmel an dieses Album, das ich bestimmt seit einigen Jahren nicht mehr gehört hatte. Und schon bei den ersten Percussion-Klängen von »Don’t Walk Away« erinnerte ich mich daran, mit was ich dieses Album verbinde. Und zwar mit meinem uralten Plattenspieler, der noch von meinem inzwischen verstorbenen Großvater stammte, und einen leicht unebenen Plattenteller hatte, weshalb alle LPs, die ich darauf hörte, so einen sanft leiernden Unterton hatten. Vermutlich hatte ich »Union« auch danach noch auf meinem neuen Plattenspieler gehört und mich auch damals schon gewundert, warum es plötzlich so anders klang.

»Kind, ich habe da eine Platte für Dich«

Trotzdem blieb die Erinnerung wohl am Sound meines alten Plattenspielers verhaftet und so wunderte ich mich jetzt wieder, warum die Musik, die sich irgendwo zwischen Pop, Rock, World und afrikanischen Trommelelementen bewegt, so »komisch« klingt. Das liegt vermutlich nicht nur daran, dass jetzt kein 50 Jahre alter Plattenspieler mehr den Sound verfälscht (oder, wie ich sagen würde, einzigartig macht). Auch fehlen die Bässe meiner Stereoanlage, für dessen räumliche und akustische Ausmaße mein jetziges WG-Zimmer einfach nicht gemacht ist. Und die Tonqualität von originalen LPs aus der Jugend unserer Eltern – »Union« erschien 1988 – ist doch etwas ganz anderes als die der zu Tode remasterten Versionen, die man auf Streamingdiensten bekommt. Ich liebe einfach das Knistern vom Staub auf den Platten, die man aus der Sammlung von Mama oder Papa zieht. Daher stammt übrigens auch »Union«. Ein klassischer Fall von Papas »Kind, ich habe da eine Platte für Dich, die Du unbedingt hören musst«-Anfällen, nur damit er dann eine Dreiviertelstunde (so lange geht das Hörvergnügen bei »Union«) in meinem alten Kinderzimmer sitzen kann, um sich an das zu erinnern, was er mit dem Album verbindet.

Wüstenwind und Weltschmerz

Allein wegen des ganz anderen Hörerlebnisses habe ich »Union« also wieder neu entdeckt. Was kann ich Euch zu dem Album erzählen, ohne einfach nur einen Wikipedia-Artikel zu wiederholen? Meiner Auffassung nach zeichnet sich die Platte (ich werde mich einfach nie von der Ideen von Tonträgern verabschieden können) durch zweierlei Merkmale aus: Zum einen mischen sich unter die 80er-artigen Rock- und Pop-Klänge immer wieder Percussion-Elemente, die an afrikanische Trommeln erinnern. Vermutlich ist es daher auch kein Zufall, dass mein Lieblingssong des Albums »Zimbabwae« heißt und die Geschichte von einem Mann erzählt, der sich nichts mehr wünscht, als dass der Krieg vor seiner Haustüre endlich aufhört. In diesem Song kommen die afrikanischen Einflüsse besonders heraus, zusätzlich zur Percussion durch Blasinstrumente (ich vermute Panflöte), die fast schon wie Wüstenwind klingen, und durch vermutlich traditionelle Gesänge im Background. Die Szenen, die im Song besungen werden, haben sich vermutlich in vielen afrikanischen Ländern und auch anderen kriegsgebeutelten Regionen der Welt genau so zugetragen und sind zum Schicksal tausender Familien geworden. Um diesen Weltschmerz – »can there be some peace on earth?« »see no more crime in your lifetime« – den man als Kind des friedlichen Westens beim Hören dieser Zeilen verspürt, auf die heutigen Kriege und Krisen zu beziehen, braucht man nicht viel Fantasie.

Aber »Union« schafft es, kein klassisches Protestalbum zu werden, bei dem die Lyrics wichtiger sind als die Musik. Toni Childs singt in Songs wie »Hush« oder »Walk And Talk Like Angels« über Liebe, Tod und das Leben. Da kommen dann die klassischen Rock- und Pop-Themen zum Vorschein.

»And the good love is so ruly

And without love, nothing truly

When we lie, when we cry

But it’s all that we can try«

Langweilig oder Mainstream wird es aber auch bei solchen Songs nicht. Und das haben wir Toni Childs Stimme – der zweiten Besonderheit des Albums – zu verdanken. Ich habe noch nie eine vergleichbare Stimme gehört und kann sie auch nur ganz schwer beschreiben. An manchen Stellen ist sie engelsklar, an anderen unfassbar tiefgreifend und raumfüllend. Aber vor allem liegt unter allem ein Unterton, der ungefähr so klingt, wie der englische Ausruf »hugh«, aber irgendwie auch nicht. Hört Euch Toni Childs am besten mal selbst an.

Jedenfalls ist »Union« wirklich das perfekte Album, um in Erinnerung zu schwelgen und sich ein bisschen aus dem stressigen Alltag rauszuträumen, egal ob in vergangene Zeiten oder ferne Länder. Das einzige Problem, das ich dabei bemerkt habe: Jetzt vermisse ich meinen alten leiernden Plattenspieler nur noch mehr als sonst.

Hier meine Tipps zum Reinhören:

»Walk And Talk like Angels« 

»Zimbabwae« 

»Where’s The Ocean« 

Beitragsbild: cd and lp

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