Visions of Berlin

Visions of Berlin

»Livin’ the digital dream?!« Unter diesem Motto stand das diesjährige Vision-Zukunftsforum Medien der Jungen Presse, das vom 28. Februar bis zum 01. März 2020 in Berlin stattfand. Unsere Autorinnen @lotte und @lena haben sich das mal angeschaut – und einige Erfahrungen mit nach Hause gebracht.

von Lena Alt und Lotte Nachtmann

Recherchieren, ungemütliche Fragen stellen und kritische Texte schreiben. Das ist das klassische Handwerkszeug eines/r jeden Journalisten/in. Doch wie so ziemlich jeder Bereich wurde auch der Journalismus seit einigen Jahren von den Wellen des WWW erfasst und muss sich Wege suchen, um dabei über Wasser zu bleiben. Los ging es mit den Online-Angeboten der Zeitungen, früher #forfree, heute immer häufiger über Abos. Aber seien wir mal ehrlich: Die meisten jungen User*innen gehen heutzutage nur selten auf die good old Website eines Mediums und durchforsten die zum Teil unübersichtlichen Online-Artikel, von denen sie die meisten eh nicht lesen können, wenn Mami oder Papi nicht ein Abo abgeschlossen haben #sponsored. Das höchste der Gefühle sind meist die @spiegelonline oder @zeit Apps. Das schnellste Board, auf dem im Netz gesurft wird, ist zur Zeit aber Instagram. Die meisten großen Medienhäuser haben dort mindestens ein Profil, bei der @süddeutschenzeitung hört man beim fünften oder sechsten Profil auf zu zählen. Doch wie profiliert man sich als Zeitung in diesem Wust an Profilen? Vor allem wenn die User*innen oftmals nur wenige Sekunden auf einem Beitrag verweilen und dann schon weiter durch den Feed scrollen. Bei den Stories tippt der Finger ja fast schon automatisch nach einem Wimpernschlag weiter. Wie halten wir als Medienmacher*innen die User*innen auf unserem Account? Wie bringen wir sie dazu, mehr als einen Wimpernschlag auf unserer Story zu verweilen, sie vielleicht auf unser Profil zu locken, am Ende gar auf unsere Webseite? Gar nicht so einfach. Dabei bietet das World Wide Web doch so viele Möglichkeiten, die der Journalismus nutzen kann. Aber welche? Und wie?

How to be a digital native

Um sich damit auseinanderzusetzen, fand sich eine Horde #digitalnatives in Berlin ein, darunter auch wir (@lena und @lotte) zwei. Stilecht werden wir in einer Rooftop Bar über den Dächern Berlins empfangen, Kennenlernen deluxe. Der Freitagabend verläuft tummelig, die Getränke schmecken gut und das Essen noch besser. Am Samstagvormittag finden Lotte und ich uns im selben Workshop wieder: Instagram-Stories – Vom Amateur zum Profi mit Tobi Bayer, Nachwuchsjournalist der Axel Springer Akademie. Auf den intensiven und lehrreichen Workshoptag folgt ein entspannter Abend im Deutschen Theater, gefolgt von einer kurzen Nacht (selbstgewähltes Schicksal) und einem Medienbrunch am Sonntagmorgen. Hier können wir per Tischhopping mit Medienmacher*innen ins Gespräch kommen, die die modernen Plattformen bereits erfolgreich nutzen. Und das im 19. Stock des Axel-Springer-Hochhauses. Vermutlich haben wir uns bereits jetzt verraten: Es war ein wirklich tolles Erlebnis, das wir jedem nur wärmstens weiterempfehlen. Warum genau? Das verraten wir euch gerne.

Lotte: Content statt Werbung

Ich wollte schon immer Journalistin werden, bestimmt schon seit der neunten Klasse. Deshalb bin ich auch bei der @lautschrift dabei und habe auch so einige #traineeships in dem Bereich gesammelt. Dort habe ich oben erwähntes journalistisches Handwerkszeug angefangen zu lernen: also Kontakte knüpfen, rumtelefonieren (teilweise stundenlang), um an Infos zu kommen, verschiedene Textsorten schreiben, Meldungen verfassen … viele Meldungen, kürzen, kürzen, kürzen und nebenbei noch den Aufmacher für den nächsten Tag zusammenkratzen. Social-Media-Präsenz, Instagram, Follower*innen-Zahlen, Reichweite im Internet … all das waren in den meisten kleinen Lokalredaktionen, die ich gesehen habe, fast schon Fremdwörter.

Bis auf #facebook natürlich, ja ihr habt richtig gehört … FACEBOOK. Ich weiß, benutzt oder kennt von uns kaum noch jemand, zumal die Plattform entweder zu einer Art Sammelbecken für Hassbotschaften und politisch äußerst fragwürdiger never ending Debatten oder aber zu einem digitalen Fotoalbum mit peinlichen Beiträgen der Generation Ü50 geworden ist. Obwohl, passt dann ja eigentlich genau zur Zielgruppe der meisten Stadtanzeigen. Ein Highlight war dann schon der #twitter-Liveblog von einem französischen Straßenfest. Aber Instagram scheinen viele Lokalmedien entweder zu ignorieren, nach dem Motto »Postet einfach schöne Landschaftsfotos« zu nutzen oder schlichtweg nicht zu verstehen. Ich will jetzt auch echt nicht behaupten, ich hätte großartig viel Ahnung davon, wie man Instagram bis auf schöne Fotos vom letzten #roadtrip (die dann aber bitte auch nur Freund*innen sehen sollen) und dem übermäßigen Konsum meist sinnfreier Inhalten nutzen kann.

So habe ich vor einem Semester etwas blauäugig beschlossen, mich um den verwaisten Instagram-Account der @lautschrift zu kümmern. Bevor ich jedoch auch nur einen Gedanken an die zum Teil komplexen Möglichkeiten dieses Digitaldschungels verschwenden konnte, musste ich mit Babysteps anfangen, wie überhaupt mal wieder Artikel posten und die in Stories anteasern. Das #takeover beim @uniregensburg Account war da echt schon ein großer Schritt. Und auch die Follower*innen-Zahlen steigen so langsam. Alles aber noch nichts im Vergleich dazu, was Instagram zu bieten hat. Da habe ich bisher nur an der obersten Schicht eines fetten Eisberges gekratzt.

Und dahingehend muss ich sagen, dass mir das Workshop-Wochenende von der @jungepresse in Berlin echt enorm viel gebracht hat. Ich muss auch offen und ehrlich zugeben, dass ich Vieles, was uns @tobithebayer erklärt hat, überhaupt nicht zu ahnen geglaubt habe: Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung davon, dass man Stories und Feed nicht nur nutzen kann, um auf Artikel auf der Website hinzuweisen. Das sollte man sogar gar nicht, da man dann #instagram quasi nur als Werbeplattform nutzt. #instagram ist aber eine Content-Plattform. Wie man ‒ von mir aus auch Inhalte, über die man auf der Website schreibt ‒ Stories in zehn bis fünfzehn Sekunden Slots verpackt, das Ganze schriftlich mit den wichtigsten Infos spickt, die passenden # und Markierungen setzt … all das war komplettes Neuland für mich. Von richtigen Kamerawinkeln, Belichtung, Hintergrundgeräuschen etc. will ich hier gar nicht anfangen. Und auch auf so einfache #hacks, wie das Handy gegen die Wand halten, wenn man sich selbst filmt, um nicht alles zu verwackeln, wäre ich nie von selbst gekommen.

Was das angeht, konnte ich nicht nur wahnsinnig viel für den @lautschrift Account mitnehmen, sondern vielleicht auch mein Profil für den späteren journalistischen Arbeitsmarkt schärfen. Denn wer, wenn nicht wir jungen Leute, soll denn die Social Media Profile der Zeitungen füllen? Dass man gerade am Anfang der Karriere nicht mit den Fähigkeiten alter Journalismushasen mithalten kann, ist klar, aber wie gesagt: Die wissen dafür nicht, wie man zielgruppengenau, spannende, abwechslungsreiche Inhalte auf #instagram produziert, über die eben nicht gleich drübergescrollt wird.

Hinsichtlich Socializing muss ich sagen, dass ich da vielleicht nicht ganz so viel mitnehmen konnte, wie vielleicht diejenigen, die sich eine Zukunft bei #springer vorstellen können. Mein Weg soll dann doch eher in Richtung politischer oder gar außenpolitischer Investigativjournalismus gehen. Aber ich habe gelernt, dass auch klassische Berichterstattung modern vermittelt werden kann. Und so ein paar interessante Kontakte, Mailadressen und auch mir bisher nicht bekannte Medien habe ich trotzdem abgestaubt. Und nicht nur deshalb würde ich Workshops der @jungepresse wärmstens an Euch weiterempfehlen: Vor allem für die Erfahrung, mich mit so vielen jungen Medienschaffenden und
-interessierten über ihre Pläne und Visionen für Social-Media-Journalismus austauschen zu können, ist einfach nur goldwert. Denn wenn Social-Media und #instagram für eines stehen, dann ist es schließlich Networking.

Lena: Jasmin mag keinen Koriander

»Es ist so weit, ich werde alt.« Das ist so ziemlich der erste Gedanke, der sich in mein eigentlich noch gar nicht so altes Gehirn einbrennt, sobald @tobithebayer die erste Feedbackrunde in unserem Workshop startet. Ohne es zu merken, hatte mich bereits die erste Aufgabe, die er uns gestellt hat, überfordert.

Dabei klingt sie ganz simpel: Zeige deinen Follower*innen in einer Insta-Story, wer du bist, was du machst, was dich interessant machen könnte. Gut, dachte ich. Easy Vorstellungsrunde, aber eben digital. Ich ließ mich also von Lotte dabei filmen, wie ich mein übliches Wir-stellen-uns-alle-vor-Sprüchlein aufsagte: Ich bin Lena, 21 Jahre alt, studiere in Regensburg Politikwissenschaft und Geschichte, aber nicht mehr lange, meine Eltern wohnen in Oberbayern, bla bla bla. Was man eben so sagt. Smileys mit eingebaut, ein Basic-Filter drübergelegt, hochgeladen.

Noch bevor meine Story in der Workshoprunde gezeigt und besprochen wird, schäme ich mich eigentlich in Grund und Boden. Die Beiträge, die vor meinem gezeigt wurden, wirken alle viel besser, viel jünger, viel cooler als meine. Da waren Boomerangs dabei (WTF?), Zeitraffermitschnitte, Textpassagen und noch viel mehr coole Effekte, deren Bezeichnungen ich noch nie gehört und auch sofort wieder vergessen habe. #digitalnative? Mal so gar nicht. Als mein Beitrag gezeigt wird, will ich eigentlich am Liebsten im Boden versinken. Instagram hat so viele Möglichkeiten und ich nutze das Langweiligste des Langweiligen, um mich komplett fremden Menschen vorzustellen.

Offen gestanden weiß ich nicht mehr genau, was die einzelnen Seminarteilnehmer*innen studieren oder woher sie kommen. Bei manchen bin ich mir leider nicht einmal mehr sicher, wie sie heißen. Womöglich ein weiteres Zeichen meines alternden Gehirns, aber diese Überlegung nur am Rande. Was ich aber noch weiß: dass meine Zimmergenossin und Mit-Workshopteilnehmerin Jasmin keinen Koriander mag. Das Unerwartete, die Info, die überhaupt nicht gefragt war, genau die hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Die Schlagzeile sozusagen.

Diese Vorstellungsrunde war für mich die erste und wahrscheinlich wichtigste Lektion des gesamten Wochenendes. Alles, was danach kam, kann ich unter unglaublich nützliches Handwerkszeug subsumieren: Wie filme ich mich am besten? Wie setze ich Boomerangs ein? Wie markiere ich für den Algorithmus möglichst viele Menschen, ohne dass meine Story überladen wirkt? Welche Effekte wirken für welches Ziel am besten? Wie setze ich Giphys passend ein? Wie arbeite ich auch ernste Inhalte Instagram-gerecht auf? All das sind wichtige Fragen und ich bin froh, so viel darüber gelernt zu haben. Aber ich hätte mir wahrscheinlich wenig davon gemerkt, wenn die Erkenntnis aus der ersten Übung nicht gewesen wäre: Der Inhalt einer Story kann noch so interessant sein, jeder swiped sie nach dem Bruchteil einer Sekunde weg, wenn sie nicht #catchy präsentiert wird.

Der britische Verleger Alfred Harmsworth Northcliffe bringt auf den Punkt, was Journalist*innen grundsätzlich beherzigen sollten: »Mit Schlagzeilen erobert man Leser. Mit Information behält man sie.« Northcliffe hatte mit Sicherheit von Instagram, Twitter und Co. sehr viel weniger Ahnung als ich. Da lege ich mich sogar hundertprozentig fest, denn er starb im Jahr 1922 und hatte von den sozialen Medien der digitalisierten Welt, wie wir sie kennen, vermutlich nicht die blasseste Vorstellung. Und trotzdem hat er schon damals verstanden, wozu ich erst einen Instagram-Workshop brauchte: Ohne einen gelungenen Aufmacher liest niemand deine Information und ist sie noch so wichtig.

Aber nicht nur diese tiefschürfende Erkenntnis habe ich aus dem Wochenende mitgenommen: Ähnlich wie Lotte habe ich die Veranstaltung vor allem für’s Networking genutzt. Ich möchte zwar nicht unbedingt Journalistin werden, aber die vielen engagierten jungen Menschen haben mich in vielerlei Hinsicht inspiriert und motiviert. Beim Tischhopping am Sonntagvormittag (by the way mit atemberaubendem Blick auf Berlin aus dem obersten Saal des Axel-Springer-Hochhauses) habe ich zum Beispiel den Podcaster @gregorschwung kennengelernt, der mit seinem Podcast Politik mit Schwung bereits eine beachtliche Anzahl Abonnent*innen aufweist und wirklich guten Content über ein hochmodernes Medium verbreitet. Außerdem gab es noch Gesprächsmöglichkeiten mit diversen anderen jungen Medienmacher*innen, ein Bewerbertraining; nicht zu vergessen die Fotobox, die für reges Kennenlernen und lustige Erinnerungsfotos gesorgt hat.

Ich kann die Veranstaltungen der @jungepresse nur weiterempfehlen. Mir fallen wenig Gelegenheiten ein, an denen ich sonst so viel über Medienschaffung im 21. Jahrhundert hätte lernen können.

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