Buchrezension: Albert Camus – »Die Pest«

Vor wenigen Wochen noch tanzten wir ausgelassen zur Polonäse und anderen albernen Faschingsliedern. Da hätten wir uns womöglich prustend am Tequila verschluckt, wenn uns erzählt worden wäre, wie wir nun unsere Samstagabende verbringen sollen: #WirBleibenDaheim verpflichtet uns zu Solidarität, sozialer Isolierung und intensiven Netflix & Chill Abenden.

von Verena Gerbl

Wer bereits jetzt das Gefühl hat, alle Serien und Filme, die auf Streaming-Plattformen zur Verfügung stehen, durchgesehen zu haben, dem bleibt nur noch übrig, mal wieder ein Buch aus dem Regal zu ziehen. Nachdem der Frühling ohnehin noch auf sich warten lässt, kann man das gemütlich in eine Decke gehüllt und mit Tee ausgestattet angehen. So nahm auch ich mir in der nun im Überfluss vorhandenen Freizeit vor, in ein paar Klassikern zu schmökern. Und siehe da: Die Lektüre von Albert Camus gesellschaftskritischer »Die Pest« hat mich trotz Aktualität der Thematik vom, das Coronavirus begleitenden, Wahnsinn ablenken können.

Für alle, die »Die Pest« noch nicht gelesen haben, eine kurze inhaltliche Zusammenfassung:

In der algerischen Stadt Oran treten in den 1940er Jahren plötzlich Ratten aus ihren Löchern hervor, verenden auf der Straße und verbreiten die todbringende Pest. Kurz darauf sterben die ersten Menschen an den die Krankheit begleitenden Fieberschüben. Die örtlichen Behörden wollen die Seuche zunächst nicht beim Namen nennen und ergreifen Maßnahmen erst sehr spät. Aufgrund der raschen Ausbreitung muss aber dennoch die Abriegelung der gesamten Stadt erfolgen: Kein/e BewohnerIn darf mehr die Mauern der Stadt verlassen. Oran wird zu einer geschlossenen Gesellschaft. Die Krankheit stellt sich als, auch symbolisch zu deutender, Feind gegen die BewohnerInnen der Stadt heraus. Der Arzt Dr. Rieux, welcher auch Erzähler des Romans ist, versucht daraufhin, gegen die tödliche Bedrohung durch die Krankheit zu kämpfen.

Um den Roman richtig verstehen zu können, muss man sich ein wenig mit Albert Camus’ »Philosophie des Absurden« beschäftigen. Obwohl der Franzose zwar offiziell gar kein Philosoph war, wird das Absurde dennoch immer wieder Thema seiner Werke, wie beispielsweise in »Der Mythos des Sisyphos«. Sisyphos, bekannt aus der griechischen Mythologie, lebt aufgrund seines harten Schicksals im Absurden: Er muss, als göttliche Strafe auferlegt, immer wieder von Neuem einen schweren Felsbrocken einen Berg hinaufrollen. Oben angekommen rollt dieser ständig zurück ins Tal und seine Arbeit beginnt von Neuem. »Absurdität« bezeichnet allgemein also etwas »Widersinniges«. Camus beschreibt damit aber auch das den Menschen ureigene Gefühl der inneren Zerrissenheit zwischen Leben und Tod. Diese Überlegung soll das Leben jedoch keineswegs als sinnlos erscheinen lassen: Der Mensch soll sich seiner Sterblichkeit stets bewusst sein und daraus einen Zweck für sein Leben ziehen.

Genau darum geht es auch in »Die Pest«: Sinnschöpfung in Zeiten, in denen das Leben alles andere als einfach scheint. Als die Ärzte kaum noch wissen, wie sie die zahlreichen unter unsäglichem Leid dahinsterbenden Menschen retten sollen, greifen ihnen Freiwillige unter die Arme. Darunter auch Rambert. Als Journalist lebt dieser erst seit Kurzem in der Stadt. Er möchte sie daher so schnell wie möglich wieder verlassen und zurück zu seiner Freundin, um diese zu heiraten. Die Flucht ist eigentlich aufgrund der geschlossenen Stadtmauern nicht möglich. Durch geknüpfte Kontakte mit Wachmännern steht er schließlich dennoch kurz vor einer Fluchtmöglichkeit. In letzter Minute beschließt er aber zu bleiben, um mit den Ärzten gegen die Seuche zu kämpfen.

Camus schuf sein Werk als Anspielung auf die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges. Die Seuche, das sollten die Nazis sein. Jedoch lässt sich sein Roman auch in ganz andere Richtungen deuten. Die Parallele zur aktuellen Situation ist offensichtlich. Der Text steht für Solidarität und emotionale Zugewandtheit unter Menschen in Extremsituationen, um somit der Hoffnungslosigkeit und Absurdität der Krise den Kampf anzusagen. Genau deswegen kann ich die Lektüre des Klassikers wärmstens empfehlen. Trotz der zunächst stimmungsdämpfenden Thematik lässt sich allerhand Positives aus dem Roman schöpfen.

Gerade hinsichtlich der negativen Corona-Schlagzeilen ist es schön, der Krankheit auch etwas Lehrreiches abgewinnen zu können. Vielleicht hätten wir, genauso wie die Behörden im Buch, nicht so lange zögern und das Virus früher ernst nehmen sollen? Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen und Kontaktreduktionen wären definitiv schon eher angebracht gewesen. Deswegen können wir die momentane Situation der Krise nutzen, etwas Wichtiges dazuzulernen: Füreinander da zu sein und ab und an das Gemeinwohl den eigenen Interessen überzuordnen. Damit kann genau wie in Camus’ Werk auch die momentan wütende sinnbildliche »Pest» der Ignoranz und Egozentrik überwunden werden. Zitiert man Dr. Rieux, so lernt man »dass es an einem Menschen mehr zu bewundern, als zu verachten gibt«. Genau das gilt es nun zu beweisen, damit die Welt auch in den kommenden Wochen für alle ein sicherer Ort bleibt.

Beitragsbild: Getty Images

Ein Kommentar bei „Buchrezension: Albert Camus – »Die Pest«“

  1. Martin Lammich sagt: Antworten

    Danke für aktuelle Interpretation, die Google an die erste Stelle platziert hat und die mir gut gefallen hat!
    Ich kam auf Camus PEST über 70 Jahre Rowohlt-Taschenbücher, wo DIE PESTein Bestseller ist. Von Camus las ich DER FREMDE, als Comic von Ferrandez.
    Noch viel Spaß beim Lesevergnügen,
    Martin

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