Auf Zeitreise mit dem Sugar Man

Auf Zeitreise mit dem Sugar Man

In der dieswöchigen Ausgabe der Lautstark-Kolumne reisen wir in der Zeit ein paar Jahrzehnte zurück … an den Anfang der siebziger Jahre. Ich werde Euch die beiden Alben »Cold Fact« und »Coming from Reality« vorstellen. Warum zwei Alben? Ganz einfach, der Urheber dieser beiden – in meinen Augen Meisterwerke – hat nicht mehr veröffentlicht. Die Rede ist von Sixto Díaz Rodríguez, meist einfach nur Rodríguez genannt, oder auch Sugar Man.

von Lotte Nachtmann

Ich habe Rodríguez über den Oskar-prämierten Film »Searching for Sugar Man« überhaupt erst kennengelernt, über den Film, der den US-amerikanischen Singer-Songwriter 2012 international bekannt machte. Zuvor war dieser Rodríguez nach zwei Studioalben Anfang der Siebziger bis auf ein paar äußerst interessante Ausnahmen weitgehend in Vergessenheit geraten. Berühmt also durch einen Film, der die Geschichte dieses außergewöhnlichen Musikers erzählt. Da könnte man meinen, dass ich seine Musik auch nur wegen dieser Geschichte so besonders und wie nicht von dieser Welt finde. Doch ich bin mir sicher, dass mich auch ohne diese Background-Infos die ersten Takte seiner Songs direkt aus den Birkenstocks gehoben hätten. Deshalb würde ich allen LeserInnen dieses Artikels dringend empfehlen, hier eine Lesepause einzulegen und sich die folgenden Songs anzuhören. Lass sie auf Euch wirken und lest dann erst, was es mit diesem Rodríguez auf sich hat:

Und? Gänsehaut? So ging es mir, als ich diese Songs in »Searching for Sugar Man« und später dann auf Spotify gehört habe. Mich hat ein kaum beschreibbares Gefühl der Ergreifung und des Verstehens ergriffen, dass mir auch die eine oder andere Träne abverlangte. Jedes Mal ist es eine Art Zeitreise, aber nicht nur in den Singer-Songwriter-Sound der Siebziger, sondern vielmehr in eine Gefühlswelt. Die Gefühlswelt eines Arbeiters, eines Kindes mexikanischer Einwanderer, eines einfachen Mannes, der vermutlich die gleichen Gefühle hat, wie die meisten Menschen. Daher ist einem die Welt, die er in seiner Musik aufzeichnet, wahrscheinlich gar nicht so fern, da sie dem Alltag vieler (nicht nur AmerikanerInnen) auch heute noch ziemlich gut entspricht.

Wie ein Spiegel der eigenen Seele

»Cause I lost my job two weeks before Christmas« als erster Vers von »Cause« fühlt sich daher wahrscheinlich auch fast wie der imaginäre Schlag in die Magengrube an, den ein Kündigungsschreiben in der Regel auslöst. Und später im Song lösen die Verse »Cause they told me everybody’s got to pay their dues | And I explained that I had overpaid them« ein fast schon gruseliges Gefühl von Ungerechtigkeit bei seinem/r ZuhörerIn aus. Und Sätze wie »I’ll hear this song that breaks my heart« kann jede/r, die/der sich schon mal zu einem Song die Seele aus dem Leib geheult hat, nur allzu gut nachvollziehen. Und Fragen wie »I wonder how many time you had sex« stellen sich vermutlich auch nicht wenige bei ihrem neuesten Crush. Was will ich damit sagen? Rodríguez beschreibt in seinen Texten ganz alltägliche Situationen und die ganz normalen Gefühle der Menschen seiner Heimatstadt Detroit. Er transportiert sie mit einer Einfachheit und Lockerheit, als würde sie der sonst nicht so gesprächige Opa in einem ruhigen Moment seinem Enkelkind erzählen, der wissen möchte, wie das Leben damals in den Siebzigern so war und dann feststellen muss, dass es sich in den wichtigen seelischen Grundzügen gar nicht so sehr von dem eigenen im Jahr 2020 unterscheidet. Deshalb ist Rodríguez‘ Musik irgendwie gleichzeitig die Zeitreise, die man beim Anschauen alter Videoaufnahmen der Großeltern macht, und das Vorhalten eines Spiegels, mit dem man in die eigene Seele blickt.

Zwischen Bruce Springsteen und Bob Dylan

Gerade angesichts der an nicht wenigen Stellen anklingenden Gesellschaftskritik, die sich in seinen Texten versteckt, könnte man meinen, hier würde über den jungen Bruce Springsteen gesprochen, der seine Unzufriedenheit mit der Welt durch die Musik herausschrie. Doch Rodríguez scheint gar nicht wütend, die Stimme ist ruhig, so als habe er mit sich selbst Frieden geschlossen und müsste niemandem mehr etwas beweisen. Und dennoch kauft man es ihm ab, wenn er unaufgeregt, aber bestimmt, die Dekadenz des Establishments, Rassismus und Hass anprangert. Rodríguez Musik, die irgendwo zwischen Rock, Soul, Blues und Folk anzusiedeln ist, wird häufig mit der von Bob Dylan verglichen. Seine Verleger erhofften sich 1970, als sein erstes Album »Cold Fact« erschien, einen neuen, von keiner Protestbewegung verbrauchten Bob Dylan in die Radios zu bringen. Doch in den USA wurde Rodríguez zumindest damals nicht der Superstar, den sich die Plattenfirma erhoffte. Auch sein zweites Studioalbum »Coming from Reality« floppte. Niemand kannte ihn. Rodríguez zog sich aus dem Musikbusiness zurück, arbeitete als Sozialarbeiter, Bauarbeiter oder Tankwart und führte eben dieses normale Arbeiterleben, über das er zuvor gesungen hatte.

Vom Nobody zur rätselhaften Legende

Das Wunder um den Musiker Rodríguez begann dabei auf der anderen Seite des Globus und lange ohne, dass er selbst darum wusste. Deshalb verdiente auch nicht er, sondern sein ehemaliges Label am Erfolg der Wiederauflage seines ersten Albums … in Australien. Zwar stieg Rodríguez 1979 bis 1981 noch einmal für eine Reihe von Konzerten auf die Bühne, zog sich danach jedoch abermals zurück, wurde quasi wieder zum Nobody. Ein letztes vergebliches Aufflackern einer erlöschenden Flamme, könnte man denken. Doch wieder an einem anderen Ort, der noch mehr aufgrund der herrschenden Apartheid als wegen der damals wenig fortgeschrittenen Globalisierung vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein schien: Südafrika. In den späten Siebzigern wurde Rodríguez’ Musik zum Protestsoundtrack einer ganzen Generation Jugendlicher. In Abschottung lebend, wussten die jungen SüdafrikanerInnen nichts über ihren Helden, der die ihnen widerfahrende Ungerechtigkeit in Worte und Töne fasste. Viele spannten Theorien über seinen Tod von Drogenmissbrauch und Depressionen bis hin zum Suizid auf der Bühne. Aber ihr Held wusste auch nichts von seinen Fans. Erst Ende der Neunziger, nach dem Ende der Apartheid, spürte einer dieser Fans seine geheimnisvolle Legende auf und holte Rodríguez nach Südafrika. Damit ging Rodríguez’ Stern wieder auf. Ab Ende der Neunziger jubelten tausende junge Menschen dem inzwischen in die Jahre gekommenen und zurückhaltenden Musiker plötzlich zu. Spätestens mit der Verfilmung seiner Geschichte und der Geschichte seiner Musik in Südafrika – »Searching for Sugar Man« benannt nach einem seiner Songs – erlangte der einst vergessene und dann im Verborgenen zur musikalischen Legende einer Protestbewegung gewordene einfache Mann aus Detroit internationale Bekanntheit.

Rodríguez Lebens- und Schaffensgeschichte ist schon sehr außergewöhnlich, eine stetige Reise zwischen zwei Welten: der des umjubelten Helden und der des Nobodys, wobei letztere Rolle ihm weitaus besser steht. Vielleicht ist es auch das Wissen darum, dass er selbst von seinem Erfolg lange nichts mitbekommen hat, das seiner Musik diese Direktheit und doch gleichzeitig merkwürdige Ferne verleiht. Man kauft Rodríguez jede gesungene Zeile ab, da man weiß, dass er den Großteil seines Lebens genauso verbracht hat, wie die arbeitenden, liebenden, manchmal verzweifelten und oft genug ungerecht behandelten Figuren seiner Songs. Das ganze ohne Groll, ohne Argwohn, ohne Hass in der Stimme. Diese Ehrlichkeit machten Rodríguez und seine Musik für mich daher zu einem größeren Vorbild als jeder andere Superstar.

 

Beitragsbild: http://sugarman.org/

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