Am Dienstag im Studikino: Der Traum von Gleichheit

In Zeiten von brutaler Polizeigewalt gegen Afroamerikaner möchte die Regisseurin Ava DuVernay der Bürgerrechtsbewegung mit ihrem Film »Selma« ein Andenken setzen. Ist ihr der Spagat zwischen historischer Authentizität und filmischer Unterhaltung geglückt oder verliert sich dieses Polit-Drama schlicht in allzu theatralischen Reden und Dialogen?

Von Maximilian Stoib

Dass alltäglicher Rassismus in den USA längst noch keine Sache für die Geschichtsbücher ist, haben Fälle brutaler Polizeigewalt gegen Afroamerikaner, wie sie das Land in jüngster Vergangenheit immer wieder erschüttert haben, auf bittere Art und Weise gezeigt. Das Ziel, für welches die Bürgerrechtsbewegung vor rund fünfzig Jahren gekämpft hat, auf dem Papier mag es erreicht sein, in der Realität liegt es leider noch in der Zukunft: Ob Bildung oder Arbeitsmarkt, mit der vollständigen Gleichberechtigung ihrer afroamerikanischen Bürger tun sich die Vereinigten Staaten von Amerika auch im Jahr 2015 noch schwer. Der »table of brotherhood« von dem Martin Luther King (gespielt von David Oyelowo) in der berühmtesten seiner Reden spricht, er mag vielleicht gedeckt sein, wirklich zusammen sitzen Afroamerikaner und Weiße dort noch nicht.

Das soll freilich in keiner Weise schmälern, was Martin Luther King und seine Mitstreiter in den sechziger Jahren erreicht haben: »Selma« erzählt die Geschichte ihres Kampfes gegen den Rassismus und legt den Fokus dabei hauptsächlich auf Ereignisse des Jahres 1965: Die Bürgerrechtsbewegung hat bereits erste Erfolge erzielt, Martin Luther King hat für sein Engagement den Friedensnobelpreis erhalten, aber der Traum, den er im August 1963 in Washington D.C. vor tausenden von Leuten Kund gab, er ist noch lange nicht Realität geworden: Vor allem im Süden der USA werden Afroamerikaner systematisch politisch benachteiligt. So auch in der namensgebenden Stadt Selma in Alabama. Dorthin reist King, nachdem er von der Nobelpreisverleihung zurück in die USA gekommen ist, um den Protest für die Wählerregistrierung von Afroamerikanern in der Stadt zu unterstützen.

Von Selma aus soll sich ein Protestzug in Richtung Montgomery, der Hauptstadt des Bundesstaates Alabama in Bewegung setzen. Doch noch bevor der Marsch die Stadt wirklich verlassen hat, werden die Demonstranten unter den Augen der versammelten Presse von Polizei und Sicherheitskräften brutal zusammengeknüppelt und mit Tränengas zurückgetrieben. Als die Bilder dieser Gewalttaten die Öffentlichkeit erreichen und Unterstützung für die Bürgerrechtsbewegung auch unter weißen US-Amerikanern hervorrufen, gerät Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) zunehmend unter Druck: Er will sich nicht vehement für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner einsetzen, gleichzeitig jedoch an der Spitze der Bürgerrechtsbewegung jemanden wie King sehen, dessen bedingungslos gewaltfreien Protest er schätzt. Die Dialoge zwischen den beiden sind dabei eine der großen Stärken von »Selma«: King und Johnson stehen sich hier nicht als einfacher schwarzer Pastor und US-Präsident gegenüber, sondern als Verhandlungspartner auf Augenhöhe, die sich gegenseitig durchaus respektieren und dem Wort stets den Vorzug vor der Gewalttat geben wollen.

So machen beim zweiten Anlauf für den Marsch nach Montgomery die Sicherheitskräfte den Weg frei, unter den Demonstranten befinden sich diesmal auch zahlreiche Weiße, angereist aus dem ganzen Land. Aber King traut der Situation nicht, rechnet mit einer Falle und lässt den Zug aus stummen Protestierenden umkehren. Das muss er freilich unter seinen eigenen Anhängern rechtfertigen, die ihn stets zu entschlossenerem Vorgehen drängen. Ein dritter und letzter Protestmarsch soll endlich den erhofften Schritt in Richtung politischer Gleichberechtigung bringen.

»Selma« ist ein Film–und das verleiht ihm einen besonderen Ausdruck– der es versteht, Maß zu halten: Er ist schonungslos und drastisch in der Darstellung der Gewalt gegen die Afroamerikaner, ohne das Ganze beispielsweise durch allzu theatralische Musik mit einem Maximum an Drama aufbauschen zu wollen. Er ist glaubwürdig in seinen Dialogen, ohne dass sich seine Protagonisten beständig in einem pathos-geladenen Redeschwall ergießen oder durch übertriebene Artikulation die Geschichtsträchtigkeit ihres Tuns zur Schau stellen müssen. Eindringlich ist der Film schließlich in der Art und Weise wie er den Protest der Afroamerikaner zeigt, ohne dabei deren Führungspersönlichkeiten zu übertriebenen Helden zu stilisieren.

Freilich kommt »Selma« nicht ohne all das aus, was er vielleicht zu vermeiden sucht, aber der Film hebt sich doch von dem ab, was gemeinhin mit dem Etikett »Historienfilm« oder »Polit-Drama« versehen über die Kinoleinwand flimmert. »Selma« liefert einem der wohl dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte eine äußerst gelungene filmische Würdigung und steht gleichzeitig als Mahnmal dafür, dass die Ziele, welche vor fünfzig Jahren mit einem Protestmarsch verfolgt worden sind, immer noch nicht vollständig erreicht sind.

Selma läuft am Dienstag, 17.11.15, um 20 Uhr im Hörsaal H2.

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